Eine Frau wirft einen Wahlzettel in eine Wahlurne, die auf der Straße vor zerstörten Gebäuden steht.

Nach seinem Auftritt als "Wahlbeobachter" beim russischen Scheinreferendum in der Ukraine ist der Geschäftsführer des nordhessischen Energieversorgers EWF von seinen Aufgaben entbunden worden. Da half auch seine späte Einsicht nichts mehr.

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"Wahlbeobachter" verliert Job

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Der Landrat hatte es gefordert, nun ist es beschlossen: Der Geschäftsführer des nordhessischen Versorgers Energie Waldeck-Frankenberg (EWF), Stefan Schaller, wird mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben freigestellt. Das gaben die Aufsichtsräte und der EWF-Verbandsvorstand nach einer Sondersitzung am Montag bekannt. Die Entscheidung ist demnach einstimmig ausgefallen.

Grund dafür ist Schallers Reise in die Ukraine - auf Einladung Russlands hat er dort als "Wahlbeobachter" die russischen Scheinreferenden begleitet.

"Das Verhalten des Geschäftsführers verstößt ganz klar gegen die Weltanschauung, die moralischen Werte und die Philosophie des Unternehmens, das Völkerrechtsverstöße und jegliche Form von Gewalt entschieden ablehnt", betonte der Aufsichtsratsvorsitzende der Energiegesellschaft und Landrat des Kreises Waldeck-Frankenberg, Jürgen van der Horst (unabhängig), laut einer Pressemitteilung.

"Klares Signal setzen"

Durch die Freistellung solle "nicht nur ein klares Signal gesetzt, sondern auch Schaden vom Unternehmen abgewendet werden, das als heimischer Energieversorger in Waldeck-Frankenberg rund 90.000 Haushalte versorgt", heißt es in der Mitteilung weiter. 

Schaller sei durch die unverzügliche Freistellung mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden worden. Über die Zukunft in der Geschäftsführung des Energieversorgers solle "perspektivisch" entschieden werden.

Manager: "Würde es nie wieder tun"

Schaller selbst bedauerte am Montag gegenüber dem hr seine Reise, die rein privat gewesen sei. "Ich würde es nie wieder tun", sagte der noch in Moskau weilende Manager. "Ich war einfach so naiv zu glauben, ich könnte die technische Beobachtung von der politischen Dimension trennen."

Er habe den technischen Ablauf der Abstimmung begutachtet. "Wurden Leute zur Wahl gezwungen, waren Wahlkabinen da?" Er habe auch mit den Menschen in den Schlangen gesprochen - mithilfe einer Übersetzerin, die ihm an die Seite gestellt worden war. Er selbst spreche kein Russisch, räumte der Manager ein.

Überrascht von medialer Aufmerksamkeit

Ihm sei bewusst gewesen, dass die "Wahllokale", in die man ihn ließ, vorher genau ausgewählt wurden. "Natürlich haben die Russen mir nicht das ganze Bild gezeigt." Doch sei er überzeugt, dass es sich immer lohne, nicht nur die eine Seite zu sehen.

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Energiemanager nach "Wahlbeobachter"-Tätigkeit bei russischen Scheinreferenden freigestellt

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Überrascht zeigte sich Schaller von dem medialen Interesse, nicht nur in Deutschland. "Das ganze hat ja eine Dimension erreicht, die ich niemals für möglich gehalten hätte." In den russischen Nachrichten sei er als jemand dargestellt worden, der in Deutschland seinen Job verliert, wenn er seine Meinung sagt. Auf die Frage, ob die Russen ihn benutzt hätten, sagte Schaller: "Ja, natürlich."

Landkreis forderte Freistellung

Nachdem Schallers Engagement am Samstag durch Medienberichte bekannt geworden war, hatte der Landkreis reagiert. Ältestenrat und Kreisausschuss waren zu einer dringlichen Sondersitzung zusammengekommen.

"Die breite Mehrheit der Gremienmitglieder, bis auf die AfD, hat sich in der heutigen sehr kurzfristig anberaumten Sitzung für eine unverzügliche Freistellung des Geschäftsführers ausgesprochen", hatte Landrat van der Horst im Anschluss erklärt.

Der kommunale Versorger EWF beschäftigt etwa 380 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und betreibt neben der Energieversorgung auch den örtlichen Nahverkehr sowie Schwimmbäder.

Die Mehrheit an dem Energieversorger hält mit 51,8 Prozent der "Zweckverband Energie Waldeck-Frankenberg", der wiederum ein Zusammenschluss von rund 20 nordhessischen Kommunen ist. Die meisten Anteile an dem Zweckverband gehören dem Landkreis Waldeck-Frankenberg (73,6 Prozent) und der Stadt Korbach (10,2 Prozent).

Scheinreferenden bis Dienstag

Russland will mit der Abstimmung ukrainische Regionen zu Teilen der Russischen Föderation machen. Die Einwohnerinnen und Einwohner der Gebiete um Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja sollen bis Dienstag ihre Stimmen abgeben. Gefragt werden sie, ob ihre Gebiete an Russland angeschlossen werden sollen. Aufgrund von Repressalien wird mit einem mehrheitlichen "Ja" gerechnet.

Eine Delegation von AfD-Politikern aus Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen wollte ebenfalls zu dem Scheinreferendum reisen. Nach heftiger, auch innerparteilicher Kritik brachen sie die Reise ab.

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