Jens Böhringer (links) beim Dreh eines Wahlkampf-Videos.

Die Corona-Pandemie stellt auch die Oberbürgermeisterwahl in Hanau auf den Kopf. Funktioniert Wahlkampf auf Social Media?

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zum Video Warmlaufen für den Corona-Wahlkampf in Hanau

hessenschau vom 02.01.2021
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Es wird gebohrt, geschraubt und gehämmert in der Geschäftsstelle der Hanauer CDU. In einem kleinen, improvisierten Studio stehen Scheinwerfer, mehrere Kameras und davor zwei bequeme Sessel und ein kleiner Tisch. Hier nimmt Jens Böhringer Platz. "Wir drehen jetzt ein Video für unsere Social-Media-Kampagne", erklärt der CDU-Kandidat für die Hanauer Oberbürgermeister-Wahl im März.

Der Wahlkampf des 35-Jährigen findet vor allem digital statt. Seit November veröffentlicht er Fotos und Videos in den sozialen Medien – bei Facebook und Instagram. "Das ist das wesentliche Medium, das wir nutzen können, um Wahlkampf zu machen, uns unter die Leute zu bringen, unsere Themen zu spielen", erklärt Böhringer.

"Persönliche Gespräche wären mir lieber"

Er postet Fotos nach Treffen mit Hanauer Unternehmern, teilt private Anekdoten oder kurze Gespräche mit anderen Politikern. "Mir wäre es viel lieber, ich könnte persönlich mit den Menschen sprechen und könnte auf Feste gehen.. Aber das ist aktuell einfach nicht möglich."

Böhringer ist zwar seit knapp 20 Jahren kommunalpolitisch aktiv. Aber das hier ist auch für ihn neu. "Eigentlich denkt man: Das ist doch ganz einfach, man erzählt irgendwas in die Kamera. Aber da gehört doch tatsächlich mehr dazu", sagt er.

Es bleibt ihm aber auch nicht viel anderes übrig. In der Hanauer Parteizentrale stapeln sich kistenweise Taschen mit CDU-Logo, Beutel mit Vogelfutter und Kugelschreiber. Klassischen Straßenwahlkampf in der Fußgängerzone, mit Händeschütteln und persönlichen Gesprächen, wird es im Corona-Wahljahr wohl nicht geben.

OB Kaminsky: Stärken liegen im Straßenwahlkampf

Deshalb haben auch andere Politiker mit ihrem digitalen Wahlkampf begonnen. Hanaus amtierender Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) veröffentlicht ebenfalls regelmäßig auf Facebook, Instagram und Twitter - etwa Fotos mit kurzen Zitaten. "Ich fremdele noch ein wenig damit", gibt Kaminsky zu, "aber das ist jetzt wenigstens die Chance, auf digitalem Wege in ein Gespräch, in eine Diskussion zu kommen, Fragen beantworten zu können."

Ebenso wie Böhringer findet Kaminsky, dass seine Stärken im klassischen Straßen-Wahlkampf liegen. "In der Lokalpolitik sind viele Dinge so komplex, dass man den persönlichen Austausch braucht", meint er. "Das ist jetzt schon ein Nachteil."

Nachrichten beantworten bis tief in die Nacht

Den sieht auch der parteilose Kandidat Sven Zinserling. Politisch ist er noch nicht in Erscheinung getreten, den wenigsten Menschen in Hanau ein Begriff. Die Corona-Pandemie sei da alles andere als von Vorteil: "Wie soll ich mich mit den Leuten unterhalten, mich Ihnen vorstellen?"

Der 52-Jährige hat deshalb bei Facebook eigens eine Seite eingerichtet, über die er in Kontakt mit den Menschen kommen will. "Die Resonanz ist gut", findet der hauptberufliche Schauspieler. "Ich beantworte Nachrichten bis teilweise nachts um eins. Das finde ich klasse!"

Nicht alle Kandidaten sind auf Social Media

Ganz anders: der Kandidat der Linken, Jochen Dohn, der der AfD, Meysam Ehtemai, und der zweite parteilose Kandidat im Rennen, Gerhard Stehlik. Sie sind in den sozialen Medien nicht aktiv. Die AfD will, sobald es wieder geht, mit Infoständen zurück in die Fußgängerzone.

Stehlik beschränkt sich darauf, seine Ansichten auf seiner Homepage zu veröffentlichen. Und Dohn hat zwar Accounts, betreibt die aber unregelmäßig und hauptsächlich privat. Kein Wunder: Bei der Wahl rechnet er sich ohnehin kaum Chancen aus.

Partei hilft beim Online-Wahlkampf

Umso aktiver in den sozialen Medien ist die einzige Frau im Kampf um den Rathaussessel: Anja Zeller von den Grünen. Sie postet auf ihren semi-privaten Profilen auf Facebook, Instagram und Twitter schon länger. "Deshalb ist das auch nicht neu für mich", erklärt sie.

Mittlerweile betreibt Zeller aber auch eine professionelle Wahlkampf-Seite bei Facebook, erhält dabei auch Unterstützung von ihrer Partei. "Es macht Spaß, und ich bin gern in den sozialen Medien", sagt sie – auch wenn sie lieber in den persönlichen Kontakt mit den Menschen kommen würde.

Immerhin: Dieses Schicksal teilen sich alle, die während der Corona-Pandemie gewählt werden wollen. Wer sich früh auf diese Herausforderung eingestellt hat, könnte nun im Vorteil sein.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 02.01.2020, 19.30 Uhr