Minister Beuth mit Maske, Impfkabinen in Halle

Das Portal zur Vergabe von Terminen zur Corona-Schutzimpfung brach in den ersten Tagen immer wieder zusammen. Das liegt auch daran, dass Hessen auf einem Sofort-Abgleich mit dem Melderegister besteht.

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Acht Millionen versuchte Zugriffe auf das Anmeldeportal impfterminservice.de und zwei Millionen Anrufe bei der Hotline zur Vergabe von Corona-Impfterminen allein am Dienstag, dem ersten Tag der Freischaltung - dass nicht alle, die einen Termin für den möglicherweise lebensrettenden Piks vereinbaren wollten, gleich zum Zuge kamen, lässt sich auch mit dem massiven Ansturm erklären. Dass das Portal stundenlang zusammengebrochen war, ist in Hessen aber auch ein Stück weit hausgemacht.

Die Landesregierung hat sich im Januar dafür entschieden, die Anmeldungen nicht wie andere Bundesländer allein über die Seite impfterminservice.de abzuwickeln. Das Portal wird betrieben von KV Digital, einem Tochterunternehmen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV).

Nach Angaben seines Geschäftsführers Florian Fuhrmann hat KV Digital bei den Corona-Impfterminen bislang rund neun Millionen Zugriffe und 260.000 Anmeldungen problemlos gewuppt: "Wir greifen dabei zurück auf eine seit Jahren eingesetzte Software für die Vergabe von Terminen bei Ärzten." Zum Einsatz komme sie in Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg, Sachsen-Anhalt und demnächst Nordrhein-Westfalen.

Hessen will bei Anmeldung Berechtigung zweifelsfrei klären

Der KV-Digital-Chef legt Wert darauf, dass seine Firma nicht für den Betrieb der Anmeldesoftware für die hessischen Impfzentren zuständig sei. "Wir haben relativ kurzfristig erfahren, dass sich das Land Hessen für einen eigenen Weg entschieden hat", berichtet Fuhrmann.

Wer in Hessen auf impfterminservice.de geht, wird auf eine andere Seite weitergeleitet. Dabei kommt eine Softwareplattform der Darmstädter Firma Saascom zum Einsatz. Diese sieht einen direkten Abgleich der Angaben mit dem Melderegister vor: Name, Adresse, Geburtsdatum. Mit dieser eigenen Lösung will die Landesregierung schon beim Anmelden möglichst zweifelsfrei klären, dass die betroffene Person tatsächlich existiert und für einen Termin in dieser frühen Phase der Impfkampagne berechtigt ist, also etwa über 80 Jahre alt ist oder in einem Pflegeheim oder einer Intensivstation arbeitet.

System akzeptiert bei Ortsnamen nur eine Schreibweise

"Dieser Abgleich scheint eine Einflugschneise für Fehler im Anmeldevorgang zu sein", sagt der FDP-Landtagsabgeordnete Yanki Pürsün. Werde die Anmeldung nur bei einer 100-prozentigen Übereinstimmung aller Angaben bearbeitet, könnte das die Fehleranfälligkeit im hessischen System erklären. "Ein Tippfehler beim Anmelden oder ein Sonderzeichen bei nicht-deutschen Namen, und schon fliegt man raus", befürchtet Pürsün.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Innenministerium verkompliziert Impfanmeldungen

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Unklar ist, ob das Land größere Server-Kapazitäten für den zu erwartenden Run auf die Impftermine eingekauft hat. Und: Nutzer berichten hessenschau.de, dass die Anmeldeseite recht ineffizient konfiguriert sei und zum Teil unsinnige oder überflüssige Daten abgefragt würden, ohne die aber die Anmeldung nicht weiterbearbeitet werde. Außerdem akzeptiert das System bei Ortsnamen nur eine Schreibweise, was bei geografischen Hinweisen zu Problemen führt: So muss es zum Beispiel "Steinbach (Taunus)" heißen, nicht "Steinbach", "Steinbach im Taunus" oder "Steinbach am Taunus".

Ministerium räumt Fehler ein

Ein Sprecher des Innenministeriums räumt ein, dass der Sofort-Datenabgleich mit den Einwohnermeldeämtern für den Absturz am ersten Tag mitverantwortlich war: "Durch einen technischen Fehler in einer Schnittstelle konnten anfangs auf einzelne Daten in Melderegistern keine Zugriffe erfolgen und somit die Angaben der Impfberechtigten nicht verifiziert werden."

Aber dieser Schnittstellenfehler sei inzwischen behoben, betont der Ministeriumssprecher. Er verweist auf 40.000 erfolgte Anmeldungen seit Dienstag (Stand Donnerstagnachmittag, d. Red.) und ein mittlerweile stabiles System.

Landtagsopposition hat Fragen

Ansonsten fühlt sich das Haus von Innenminister Peter Beuth (CDU) nicht für Fragen rund um den Einsatz der Software zuständig. Seine Sprecher verweist auf Ekom21. Das ist ein gemeinsam vom Land und den Kommunen getragener Datendienstleister. Dieser habe Saascom beauftragt und sei für die Beauftragung verantwortlich.

Bei Ekom21 wiederum bestätigt ein Sprecher zwar, dass die Terminvergabe für die Corona-Impftermine mit der Datenplattform aufgebaut worden sei. Ansonsten verweist er zurück auf die Regierung: "Für weitere Auskünfte bitten wir Sie, das Hessische Ministerium des Innern und für Sport anzufragen."

Gut möglich, dass Innenminister Beuth Fragen dazu im Landtag beantworten müssen wird. "Wir wollen wissen, warum die Landesregierung auf den Abgleich mit den Meldedaten besteht", sagt der Darmstädter SPD-Abgeordnete Bijan Kaffenberger. Da in so kurzer Zeit so viele Anfragen bearbeitet und so viele Termine vergeben werden müssten, wäre aus seiner Sicht eine einfache KISS-Lösung (Keep it simple and smart, d. Red.) angebracht gewesen.

KV Digital: System funktioniert mit Vor-Ort-Prüfung

Zumal Schummeleien spätestens beim Einchecken im Impfzentrum auffliegen, wie Kaffenberger findet: "Wenn jemand seinen Pass vorlegt, fliegt auf, dass er nicht impfberechtigt ist." Dann allerdings wäre ein wertvoller Impftermin vergeudet.

Eine Sprecherin von KV Digital sagt, mit diesem Modell fahre man bislang sehr gut. Wer sich über das Portal impfterminservice.de anmelde, bestätige zugleich, dass sie oder er zur toppriorisierten Gruppe gehöre. Vor Ort werde das abgeglichen, so dass Schummler ohnehin keine Impfung bekämen. Schindluder sei damit bisher nicht getrieben worden.

Anmerkung: In einer früheren Version hatten wir geschrieben, dass die Landesregierung sich Mitte Dezember für einen eigenen Weg entschieden habe. Die Entscheidung fiel aber laut Innenministerium erst im Januar.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 15.01.2021, 16.45 Uhr