Taliban-Kämpfer patrouillieren an Bord von Polizeifahrzeugen in Kabul.

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan sorgt weltweit für Entsetzen. Viele befürchten "eine Rückkehr in die Steinzeit". Wir haben mit Afghaninnen und Afghanen aus Hessen über die Lage gesprochen.

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20 Jahre nach ihrem Sturz haben die radikalislamischen Taliban die Macht in Afghanistan wieder übernommen. Westliche Staaten versuchen gerade im Eiltempo, ihre Staatsbürger und ehemaligen Ortskräfte aus der afghanischen Hauptstadt Kabul auszufliegen. Auch Afghanen in Hessen fürchten um das Leben ihrer Verwandten und Freunde vor Ort.

Faissal Sharif: "Familie hat seit dem Einmarsch Todesangst"

Faissal Sharif aus Frankenau

Faissal Sharif ist 25 Jahre alt und im nordhessischen Frankenau (Waldeck-Frankenberg) aufgewachsen. Ein Großteil seiner Familie lebt in Kabul. Für sie ist der Einmarsch der Taliban eine Katastrophe. "Viele arbeiten für internationale Organisationen, zum Beispiel die UN oder Caritas, manche haben auch mit den Amerikanern zusammengearbeitet", erzählt Sharif. Zudem gebe es Familienmitglieder, die zu den Schiiten oder der Hazara-Minderheit gehören.

"Jetzt, nachdem die Taliban in Kabul einmarschiert sind, haben sie Todesangst. Sie haben sich zuhause verbarrikadiert." Jeden Tag schreibt Sharif über Whatsapp und Facebook mit seinen Verwandten.

Für Teile seiner Familie waren die Taliban schon vor der Machtübernahme eine Bedrohung: "Meine Cousine ist gerade einmal 18 Jahre alt. Sie wurde von Taliban aufgesucht und sollte zwangsverheiratet werden. Damals haben ihre Eltern das verweigert, und seitdem müssen sie vor der Rache Angst haben. Sie fürchten, dass die Taliban einmarschieren und sich an sie erinnern. Dass sie gekidnappt oder versklavt werden."

Für Faissal Sharif und seine Eltern in Deutschland gibt es momentan kein anderes Thema: "Es beschäftigt mich jeden Tag und meine Familie auch. Wir sind traurig und im Schock, man bekommt die Bilder und Nachrichten mit. Mir fällt es momentan schwer, Freude zu empfinden." Sie versuchen händeringend, ihren Verwandten die Ausreise zu organisieren: "Wir haben der deutschen Botschaft in Neu-Delhi, Istanbul und Dubai schon geschrieben. Die in Kabul ist ja nicht mehr zu erreichen.

Die bürokratischen Anforderungen für eine Ausreise sind seiner Ansicht nach realitätsfern." Es sei nahezu unmöglich für die Verwandten, Afghanistan zu verlassen. "Ich bin sehr enttäuscht, dass es kein Evakuierungs-Programm für Menschen gibt, die mit oder für Deutschland oder internationalen Organisationen gearbeitet haben. Das ist eine humanitäre Katastrophe", sagt Sharif.

Harez Habib: "Mischung aus Frustration, Trauer und Wut"

Harez Habib: "Die Taliban sind Terroristen, sie sind menschenverachtend."

Harez Habib hat früher für die afghanische Nationalmannschaft gespielt. Der 39-Jährige aus Karben (Wetterau) ist in Kabul geboren. Er war 2011 zum bisher letzten Mal dort. "Das war bei einer Reise mit der Fußballnationalmannschaft, da hatte ich mal wieder die Möglichkeit, meine Verwandtschaft live zu sehen."

Was dort gerade passiere, wühle ihn total auf, sagt Habib, der im Alter von drei Jahren nach Deutschland kam. "Es ist eine Mischung aus Frustration, Trauer und Wut." Er habe noch die Bilder von vor über 20 Jahren im Kopf, als die Taliban schon einmal an der Macht waren. "Es ist unglaublich und unfassbar, dass die Geschichte sich jetzt wiederholt."

Den Amerikanern wirft Habib militärische und politische Naivität vor. "Wie kann es nach 20 Jahren Unterstützung und Aufbau passieren, dass eine Miliz innerhalb weniger Tage ein ganzes Land einnimmt?" Habib sagt weiter: "Die Taliban sind Terroristen, sie sind menschenverachtend. Sie kennen keinerlei demokratische Züge." Die Menschen gehörten in keiner Weise zu "uns normalen Afghanen".

Der 39-Jährige befürchtet, dass die Taliban das Land wieder in einen islamistischen Staat zurückversetzen werden: Bombardierungen, Frauen in Vollverschleierung, keine schulische Ausbildung.

Giti Habib: "Rückkehr in die Steinzeit "

Giti Habib befürchtet eine Rückkehr in die Steinzeit in Afghanistan.

Giti Habib, die Ehefrau von Harez Habib, ist ebenfalls in Afghanistan geboren und war sechs Monate alt, als ihre Eltern mit ihr nach Deutschland flüchteten. Die jetzige Situation findet die 31-Jährige extrem schwierig. "Das trifft auch mich, obwohl ich in Deutschland lebe und nicht so nah dran bin, extrem hart. Ich sehe, wie die Menschen leiden, vor allem die Frauen und Kinder, und in welchen Zuständen die Menschen dort leben", sagt sie. Aus den Provinzen mussten bereits viele fliehen. Sie selbst, sagt Giti Habib, fühle sich hilflos.

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Audioseite Harez Habib: "Das Land wird wieder in die Steinzeit versetzt"

Taliban-Kämpfer patrouillieren an Bord von Polizeifahrzeugen in Kabul.
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"Das, was im Moment abläuft, ist eine Nummer zu viel für mich. Da werden die Menschen wirklich in die Steinzeit zurückversetzt", sagt die 31-Jährige. "Den Frauen werden die Rechte genommen, Kinder über zwölf Jahre werden an Taliban-Männer zwangsverheiratet. Wir leben im 21. Jahrhundert. Wie kann denn so etwas möglich sein?", fragt sich Habib, die selbst eine kleine Tochter hat. Sie könne das einfach nicht begreifen. Sie glaubt: "Die Fußballfelder werden nicht mehr für Fußball, sondern für Steinigungen benutzt."

Habib wünscht sich, dass gerade in Sozialen Medien mehr auf das Unrecht hingewiesen wird, das sich dort abspielt. "Der Aufschrei, der bei anderen Dingen – wie Black Lives Matter - geherrscht hat, den gibt es hier gar nicht. Das schockiert mich." Die Afghanen seien keine Menschen zweiter Klasse, nach dem Motto: Das wird schon immer so gewesen sein.

Vanessa Wardak: "Der Rückflug von meinem Verlobten wurde gecancelt"

Vanessa Wardak

Vanessa Wardaks Verlobter lebt eigentlich mit ihr in Deutschland, sitzt aber momentan in Kabul fest. Die 23 Jahre alte Jurastudentin aus Gießen berichtet: "Mein Verlobter wollte eigentlich am 24. August zurückreisen, er war auf einer Hochzeit. Aber der Rückflug wurde gecancelt. Wir haben nach einem anderen Flug geschaut, aber die sind alle eingestellt."

"Er wartet jetzt im Haus seiner Tante, es gibt nur sehr wenige Informationen von der Botschaft in Kabul. Aber wir wissen, dass er auf einer Liste für Evakuierungsflüge steht", erzählt Wardak. Ihr Verlobter ist mit seiner Schwester in Kabul, die ebenfalls in Deutschland lebt.

Wardak macht sich auch Sorgen um ihre Schwägerin - und um die Rechte aller Frauen: "Sie hat große Angst, es gibt viele Gerüchte, was die Taliban angeht. Vor allem die Leute, die in Kabul leben, sind eher westlicher und moderner. Und da wird das für die Frauen schlimm, damit umzugehen."

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