Kai Klose, Stefan Majer, Dorothea Dreizehnter

Dreck, Überbelegung, fieser Umgang mit Patienten: Noch prüft das Sozialministerium die schweren Vorwürfe gegen die Psychiatrie des Klinikums Frankfurt Höchst. Einige Verbesserungen sind trotzdem beschlossen - doch die Opposition im Landtag hat noch Fragen.

Videobeitrag

Video

zum Video Konsequenzen in Psychiatrie Höchst angekündigt

hsk
Ende des Videobeitrags

Das harte Wort "Missstände" wollte bei der Pressekonferenz am Donnerstag im Wiesbadener Landtag keiner der Verantwortlichen in den Mund nehmen. Sozialminister Kai Klose (Grüne) sprach von "Defiziten", Klinik-Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter von "Mängeln".

Gemeinsam mit dem ebenfalls auf dem Podest sitzenden Frankfurter Gesundheitsdezernenten Stefan Majer (ebenfalls Grüne) waren sie sich aber einig: Der RTL-Bericht über fragwürdige Zustände auf der geschlossenen Station der Psychiatrie im Klinikum Frankfurt Höchst soll Folgen haben. Einiges könnte schnell kommen, anderes Jahre dauern. Und vieles ist noch unklar.

Mehr Kontrolle

In jedem Fall steht die Akutstation D42 nun unter verschärfter Beobachtung: Mitarbeiter des Ministeriums haben die Abteilung nach Angaben Kloses inzwischen besucht und arbeiten zurzeit Stations-Protokolle des vergangenen Jahres durch. Dahinter steht nicht zuletzt die Frage: Lagen die erforderlichen richterlichen Genehmigungen für Fixierungen von Patienten vor? Laut Klinik war es so.

Monatlich soll es unter Beteiligung des Frankfurter Gesundheitsamtes zudem "fachaufsichtliche Gespräche" geben. Und rasch soll jetzt auch jene Experten-Kommission gebildet werden, die sich eigentlich schon seit dem vergangenen Jahr in Psychiatrien des Bundeslandes hätte umschauen sollte. Bisher fanden sich laut Klose nicht genügend freiwillige Mitglieder. Die auf sieben unabhängige Fachleute ausgelegte Kommission werde nun aus aktuellem Anlass eben mit vier Experten die Arbeit beginnen.

Hilfe vom externen Gutachter

Außerdem wird ein externer Gutachter eingeschaltet, der den Prozess von Aufklärung und Verbesserung maßgeblich leiten soll. Es ist der Frankfurter Psychiater Hans-Joachim Kirchenbauer, früher Chef der Abteilung Psychiatrie des Frankfurter Gesundheitsamtes. Er habe die erforderlichen Kenntnisse, die nötige Distanz und werde "den Finger gegebenenfalls in jede Wunde legen“, versprach Gesundheitsdezernent Majer.

Um welche Wunden es sich konkret handelt, ließ Sozialminister Klose mit Hinweis auf die laufende Überprüfung aber offen, als er nach einer genaueren Bewertung des TV-Berichts gefragt wurde. Das "Team Wallraff" hatte von haarsträubenden Zuständen berichtet, die eine als Praktikantin eingeschleuste Reporterin vor gut einem Jahr beobachtet und gefilmt hatte.

Verdreckt, überbelegt, gemein

Hauptvorwürfe: Die Station sei verdreckt, überbelegt und habe zu wenig Personal. Patienten wurden nach Angaben einer Pflegerin bis zu acht Wochen lang fixiert, also am Bett festgebunden. Ärzte und Pfleger gingen unfreundlich und auch fies mit Patienten um. Das Aufnahmegespräch mit einer depressiven Frau habe exakt 16 Sekunden gedauert.

Ähnliche Vorwürfe erhoben viele ehemalige Patienten nach Ausstrahlung des Berichts auch gegenüber dem hr und auf klinikbewertungen.de: Von Menschen, die nackt und eingekotet auf dem Boden lagen, berichteten Betroffene ebenso wie von der gängigen Praxis, Patienten mit Tabletten so ruhig zu stellen, dass sie keine Arbeit machten.

Mehr Freundlichkeit - auch an den Wänden

Klinikchefin Dreizehnter kritisierte die Reportage erneut als "verkürzt“ und stellte sich vor ihr Personal auf der geschlossenen Station. Es verrichte "einen der schwersten Jobs, die es in unserer Gesellschaft gibt.“ Dauerhaftes Fehlverhalten werde man aber nicht dulden, sagte sie auf Nachfrage. Und sie erklärte: Personalmangel habe auf der Station nicht geherrscht. Die Besetzung erreiche 98 Prozent, für die inzwischen vorgeschriebene Einzelbetreuung fixierter Patienten werde bei Bedarf vorübergehend zusätzliches Personal besorgt.

Einer modernen Unterbringung und Behandlung von Aktut-Patienten steht nach übereinstimmender Meinung von Klinik und Stadt aber das veraltete Gebäude im Weg. Aus dem geplanten Psychiatrie-Neubau werde vor dem Jahr 2023 kaum etwas werden. Am vorgesehenen Platz steht noch das Bettenhochhaus, das abgerissen werden muss.

Anderes sei schneller möglich. So soll laut Dreizehnter mit Hilfe einer "Rochade mit Umzügen" Platz geschaffen werden, damit Patientengruppen getrennt aufgenommen werden können. Bisher sind Patienten, die freiwillig kommen, gemeinsam mit zwangseingewiesenen Menschen untergebracht. Die Station soll auch äußerlich angenehmer werden: zum Beispiel durch neue Farbgestaltung und Beleuchtung. Auch soll mehr auf Sauberkeit geachtet werden.

Waren die Mängel doch bekannt?

Wie in seiner ersten Reaktion betonte Klose, der erst seit Anfang dieses Jahres im Amt ist: Seit das Ministerium im Sommer 2017 die Fachaufsicht übernahm, seien dort keinerlei Beschwerden über die Höchster Psychiatrie bekannt gewesen. In anderen psychiatrischen Kliniken ging das Ministerium demnach in diesem Zeitraum drei Beschwerden nach.

Klinikchefin Dreizehnter sagte dagegen, in ihrem Haus seien Mängel zwar bereits früher bekannt gewesen. Allerdings sei sie "betroffen über die Massivität der Beschwerden", die es nun gebe. In solchem Maße seien Klagen zuvor nicht bei den Verantwortlichen angekommen. Kritik des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung Hessen (MDK) an der Station liege bereits drei Jahre zurück, gab sie zu bedenken. Aber vielleicht habe man danach die Diskussion mit den Kostenträgern "zu oberflächlich" geführt.

Auch der städtische Gesundheitsdezernent Majer beteuerte: Ihm seien Zustände, wie sie der TV-Bericht kritisiert, nicht bekannt gewesen. Beim zuständigen Patientenfürsprecher etwa seien lediglich einige "relativ pauschale Äußerungen" angekommen. Insgesamt müsse nun die "Fehlerkultur" der Klinik hinterfragt werden.

Opposition vermisst Antworten

Politiker der Opposition im Landtag bemängelten, noch immer seien zu viele Fragen offen. So gebe es widersprüchliche Abgaben darüber, ob es schon früher Hinweise auf Misstände gab, wie Daniela Sommer (SPD) beklagte. Unverständlich sei auch, dass das Sozialministerium die längst gesetzlich vorgeschriebene Besuchskommission so lange nicht bilden konnte - und es jetzt ganz schnell gehe.

Der Fall zeige zudem, dass die schwarz-grüne Landesregierung zu wenig zur Einrichtung von Krisendiensten und den Ausbau der Gemeindepsychiatrie getan habe, befand Christiane Böhm von der Linkspartei. Die Hauptschuld an die Misere trägt nach Meinung des Frankfurter FDP-Landtagsabgeordneten Yanki Pürsün allerdings die Stadt. Der Skandal bestehe darin, "dass keines der Probleme von heute auf morgen entstanden ist".

Sendung: hessenfernsehen, hessenschau kompakt, 28.03.2019, 16:45 Uhr