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Audioseite SPD-Spitzenkandidat Michael Roth: "Union ist krachend gescheitert"

Michael Roth, Spitzenkandidat der hessischen SPD bei der Bundestagswahl

Die SPD hat alle überholt - wenn auch knapp: Für den hessischen Spitzenkandidaten Michael Roth aber ist es ein deutlicher Sieg. Vor Kurzem sei die SPD noch belächelt worden, weil sie überhaupt einen Kanzlerkandidaten aufstellte, sagt er im Interview - und plädiert für eine Ampelkoalition.

Jubel bei der SPD, Wahlkater bei der Union: Noch vor einigen Wochen schien es unwahrscheinlich, dass die SPD am Wahlabend etwas zu feiern hat. Nun könnte ihr Kandidat Olaf Scholz der neue Bundeskanzler werden. In Hessen siegte die SPD mit 27,6 Prozent sogar noch deutlicher als im Bund. Die Union erreichte nur 22,8 Prozent und auch bei den Direktmandaten ist die Hessenkarte nun vor allem rot statt schwarz.

Der hessische SPD-Spitzenkandidat Michael Roth aus Heringen (Hersfeld-Rotenburg) holte sein Direktmandat im Wahlkreis 169 mit 37,7 Prozent der Stimmen souverän. Am Wahlabend war der 51-Jährige nach den ersten Hochrechnungen aus dem Bund aber noch nicht ganz sicher, ob er zur Feier des Tages mit einem Gläschen anstoßen will - am Montagmorgen zeigte er sich im hr-Interview umso selbstbewusster: Die Union sei "krachend" gescheitert, sagte Roth. Die Menschen wollten etwas Neues: Die SPD an der Spitze und Olaf Scholz als Bundeskanzler.

hessenschau.de: Die SPD hat in Hessen und im Bund die Nase vorn, wenn auch nur knapp. Wie sah Ihre Party gestern Abend aus?

Michael Roth: Coronabedingt haben wir natürlich nicht zu einer großen Party eingeladen. Ich habe mich mit meiner Familie, meinen Freundinnen und Freunden und mit denjenigen zusammengesetzt, denen ich maßgeblich auch dieses Ergebnis zu verdanken habe. Und ansonsten haben wir natürlich auch, wie alle anderen: vorm Fernseher gesessen, viel telefoniert. Es hat ja doch sehr lange gedauert, bis dann klar war, dass die SPD nicht nur in meinem Wahlkreis, sondern bundesweit deutlich gewonnen hat.

hessenschau.de: Deutlich, klar, das sind große Begriffe: In Hessen kann man das kaum anzweifeln, aber im Bund führt die SPD nur mit 1,6 Prozent vor der Union. Deutlich ist doch noch was anderes. Und ein ganz klarer Regierungsauftrag ist es auch nicht, oder?

Michael Roth: Das sehe ich komplett anders. Die CDU/CSU hat ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis hingelegt, die sind krachend gescheitert. Sie müssen mal schauen, von welchem Ausgangspunkt wir gestartet sind: Vor wenigen Wochen noch wurden wir belächelt, weil wir einen Kanzlerkandidaten aufgestellt haben. Jetzt liegen wir auf Platz eins. Vor wenigen Wochen hatte sich die gesamte öffentliche Debatte auf die Grünen konzentriert und den Kanzlerkandidaten der Union. Das ist jetzt komplett anders.

Aber zugegebenermaßen ist das ein Ergebnis, das einigen etwas abverlangt, weil wir aus den Gewohnheiten heraustreten müssen. Wir werden vermutlich ein Dreierbündnis bekommen. Das setzt viel Kompromissbereitschaft und -fähigkeit voraus. Aber Nummer eins ist die SPD mit Scholz an der Spitze, den wollen die Menschen als Kanzler.

hessenschau.de: Bei den Koalitionsmöglichkeiten ist ein Dreierbündnis wahrscheinlich, eine Große Koalition ginge auch noch, aber das will niemand so richtig.

Michael Roth: Wir wollen das zumindest nicht, weil es fortschrittliche und vernünftige Alternativen gibt.

hessenschau.de: Bleiben die Ampelkoalition oder aber Jamaika: Das heißt, auch wenn die SPD die stärkste Kraft ist, mit Jamaika könnte sie noch alles verlieren. Macht das etwas Angst?

Michael Roth: Das macht mir keine Angst, am Ende geht es um Inhalte. Ich sehe große Schnittmengen zwischen SPD und den Grünen. Ich sehe im Übrigen auch Übereinstimmung mit der FDP.

Natürlich haben wir jetzt in einem sehr harten Wettbewerb miteinander gestanden. Jetzt muss man auch erst mal analysieren und bewerten. Das wird einige Zeit brauchen, aber eine Grundlage, eine inhaltliche, eine strategische, auch eine Vertrauensgrundlage für ein solches modernes, fortschrittliches Bündnis für Deutschland, sehe ich durchaus. Aber ich kann natürlich den Verhandlungen nicht vorgreifen. Selbstverständlich muss man jetzt mit allen reden, mit allen vernünftigen Kräften, mit Ausnahme natürlich der AfD.

hessenschau.de: 2017 hat es lange gedauert, bis eine Bundesregierung zusammenkam, mehr als 170 Tage. Heute trifft sich erstmal der SPD-Parteivorstand. Wie schnell wird es dieses Mal gehen mit einer Regierungsbildung?

Michael Roth: Dass es das letzte Mal so lange gedauert hat, lag ja auch daran, dass die FDP dann doch keine Jamaika-Koalition wollte. Die SPD musste erst einmal einen langen Weg zurücklegen, um dann doch wieder in eine große Koalition einzutreten. Ich hoffe aber inständig, dass wir noch in diesem Jahr eine neue Regierung, eine neue Mehrheit hinbekommen.

Wir haben in Europa große Aufgaben zu bewerkstelligen. Da will ich jetzt niemanden unter Druck setzen. Aber wir sind ja nicht allein in dieser Welt. Und Deutschland braucht eine tatkräftige, handlungsfähige, neue Regierung. Und da muss jetzt auch erst mal ein bisschen das Pulver verschwinden vom Wahlkampf. Da sind alle noch ein bisschen nervös und natürlich erschöpft. Aber wir müssen gleich loslegen ernsthaften Gesprächen, damit wir dann auch zu vernünftigen Ergebnissen kommen.

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