Ein Luftfiltergerät steht in Klassenzimmer

Die Delta-Variante könnte im Herbst wieder für Schulschließungen sorgen. Um das zu vermeiden, fordern Eltern, Lehrer und Wissenschaftler die Anschaffung von Luftfiltern. Die Mittel sind da, trotzdem fehlen die Anlagen an den Schulen. Warum?

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hessenschau vom 07.07.2021
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Schülerinnen und Schüler dürfen seit ein paar Wochen wieder mit ihren Freunden lernen. Auf den Schulhöfen muss nicht einmal mehr eine Maske getragen werden. Fast 40 Prozent aller Hessinnen und Hessen sind bereits zweifach geimpft.

Doch der Herbst steht vor der Türe und die Delta-Variante des Coronavirus verbreitet sich rasch. Das heizt die Debatte um den Einsatz von Luftfiltern in den Klassenräumen an.

Ansteckungsrisiko steigt mit Delta-Variante

Da es für Kinder und Jugendliche keine generelle Impfempfehlung durch die Ständige Impfkommission (Stiko) gibt, wird befürchtet, dass sich besonders viele junge Menschen mit der Delta-Variante anstecken. Es drohen damit neue Schulschließungen. Das wollen viele Eltern, Lehrer und Schüler auf keinen Fall: Damit nach den Ferien immer noch gemeinsam gelernt werden kann, müssen ihrer Meinung nach neben Masken und Tests auch Luftfilter her.

"Dass eine vierte Welle kommen kann, hat man immer im Hinterkopf, aber durch die Luftfilter fühle ich mich viel sicherer", sagt etwa Martin Matthias, Schüler des Leibnitz-Gymnasiums in Wiesbaden. Hier gibt es in fast jedem Klassenraum Filter. Das Geld kam von Stadt und Land, denn das Gymnasium war eine Pilotschule, an der die Wirksamkeit der Filter geprüft wurde.

"Buntes Gemisch an Verantwortlichkeiten"

Aber so gut ausgestattet wie diese Schule ist kaum eine andere in Hessen. Dabei hätten viele gerne schon längst aufgerüstet. Schulleiter Oliver Eissing vom Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Büdingen hatte zum Beispiel vor ein paar Wochen eigenständig Filteranlagen ausprobiert. Der Antrag auf Anschaffung wurde dann jedoch abgelehnt. Die Begründung: Filteranlagen müssen für alle Schulen des jeweiligen Schulträgers funktionieren.

"Individuelle Lösungen sind nicht möglich", bedauert Eissing. "Das Geld ist da, die Technologie ist da, die Filter sind da, es hapert an der Umsetzung", fügt er hinzu. "Es ist ein buntes Gemisch an Verantwortlichkeiten." Oliver Eissing hält sechs Wochen für die Ausstattung seiner Schule mit Luftfiltern für völlig unrealistisch.

"Bis zu den Herbstferien sollten aber alle 55 Räume einen Luftfilter haben, denn die kalte Jahreszeit macht das Lüften schwierig." Noch seien Eltern und Schüler des Wolfgang-Ernst-Gymnasiums optimistisch, aber die Erwartungshaltung für die Zeit nach den Sommerferien sei hoch, sagt Oliver Eissing.

Lorz: "Fenster bringen mehr als Luftfilter"

Finanzielle Mittel wären theoretisch da: 75 Millionen Euro hat die Landesregierung für Hygienemaßnahmen in Schulen bereitgestellt. Für mobile Luftfilteranlagen wurden bislang neun Millionen Euro der Fördergelder abgerufen. Das Kultusministerium hält Filter in jedem Klassenzimmer allerdings nicht für nötig - Kritiker meinen gar, es würde die Anschaffung ausbremsen.

"Das Umweltbundesamt empfiehlt nur dort Filter, wo es mit dem Lüften allein nicht klappt, Fenster bringen mehr als Luftfilter", sagt Kultusminister Alexander Lorz (CDU). "Die Filter sind nicht das Allheilmittel, außerdem wird es eventuell ein erweitertes Impfangebot geben", fügt er hinzu. Hessen folgt also den Empfehlungen des Umweltbundesamtes.

Wissenschaftler kritisieren Vorgehen

Aerosolforscher Gerhard Scheuch kann das nicht nachvollziehen. "Die neu entwickelten Filter schaffen 90 bis 95 Prozent der Viren aus der Luft", sagt er. Ihm zufolge ist Lüften und Filtern besser als nur Lüften. "Das Umweltbundesamt hat vergangenes Jahr schon wichtige Maßnahmen gebremst", kritisiert Scheuch.

Eltern wollen spenden

Viele Eltern würden sogar selbst ins Portemonnaie greifen und die Luftfilter mitfinanzieren. Das ist aber nicht in jeder Kommune möglich. Was in Frankfurt, Wiesbaden und Offenbach erlaubt ist, ist im Schwalm-Eder-Kreis und in Gießen verboten. Auch wenn Spenden in manchen Kreisen und kreisfreien Städten möglich sind, scheitert es an anderer Stelle, denn die Schulgemeinden haften bei privat angeschafften Anlagen für etwaige Komplikationen.

Das kritisiert der Vorsitzende des Lehrerverbandes Hessen, Jörg Leinberger, scharf. "Wenn die Schulgemeinde die Filteranlangen haben möchte und sich auch noch selbst finanziert, muss das möglich sein."

Jeder Landkreis macht es anders

Leinberger sieht das Problem in der Bürokratie und der Verteilung der Geldmittel. "Die Landkreise bekommen die Fördermittel, handeln aber autark", bemängelt er. Es wird also von Landkreis zu Landkreis ganz unterschiedlich entschieden und die Schulgemeinden können nicht eigenständig handeln, sie unterstehen den Schulträgern. Diese kriegen ihre Anweisungen vom Landrat.

Leinberger fordert, dass die Entscheidungen zentral in der Landesregierung getroffen werden sollen und den jeweiligen Schulleitungen mehr Verantwortung übertragen wird. "Wir ärgern uns schon seit Jahren über die Bürokratie, besonders in einer Pandemie werden strukturelle Probleme deutlich. Was wir brauchen, sind schnelle und handlungsorientierte Lösungen." 

Damit sich der Winter von 2020 nicht wiederholt und das Ansteckungsrisiko reduziert wird, muss seiner Ansicht nach die Bürokratie abgebaut und die freie Zeit genutzt werden, um die Schulen mit genügend Filtern auszustatten.

Am kommenden Montag will Kultusminister Lorz bei einer Pressekonferenz die Maßnahmen für einen "coronfesten" Schulbetrieb nach den Sommerferien näher erläutern.

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