Der junge Bürgermeister von Feldatal sitzt auf einer überdimensionalen Holzbank, die mitten in der Landschaft steht (von der Seite fotografiert). Daneben das Logo der ARD-Studie "Stadt Land Chancen".

Jung, in München geboren und jetzt Bürgermeister einer 2.500-Einwohner-Gemeinde im Vogelsbergkreis: Für den Job als Rathauschef in Feldatal kündigte Leopold Bach in einer Frankfurter Kanzlei. Nun wirbt er für das Leben auf dem Land.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Warum Leopold Bach aufs Land zog, um Bürgermeister zu werden

Leopold Bach sitzt in weißem Hemd und Jeans auf einer überdimensionalen Bank, die in der weiten Landschaft steht.
Ende des Audiobeitrags

Der Sommer wirbt für den Vogelsberg: Das Gras auf den Wiesen steht hoch, die Wälder sind tiefgrün, durchs Schiebedach strahlt der Himmel herrlich blau. Auf den kurvigen Straßen gleitet die weiße Limousine von Leopold Bach, Bürgermeister von Feldatal, dahin. Bach ist 33 Jahre alt und seit 2018 Rathauschef in der kleinen Vogelsberggemeinde mit 2.500 Einwohnern.

Er zeigt gerne, was Feldatal zu bieten hat: eine Kaffeerösterei, einen kleinen Markt mit regionalen Waren, ein Wildgehege, ein Solar-Feld, eine Greifvogel-Station, deren Inhaber sich für Busladungen mit Familien aus der Stadt gerne als Harry Potter verkleidet. Auf dem Arm sitzen dann Eulen - nur nicht während Corona. Jung sein und Bürgermeister auf dem Land? Für Leopold Bach scheint das eine ideale Kombination zu sein.

Fachwerkhaus statt Großstadtwohnung?

Allerdings wäre auch in Feldatal noch Platz für neue Einwohner. Der Altersdurchschnitt der Einwohnerinnen und Einwohner ist hoch, wie in vielen Gemeinden auf dem Land fehlt es an Nachwuchs. Einige Fachwerkhäuser stehen leer, eine ehemalige Fleischfabrik mit großen Hallen und einer Klinkersteinvilla mit Zwiebelturm wäre auch noch zu haben.

Immerhin: Während der Corona-Krise überlegten sich viele Städter, ob ein Leben auf dem Land und mobiles Arbeiten nicht doch eine Zukunftsidee sein könnten - die Nachfrage nach Häusern außerhalb von Städten stieg.

Weitere Informationen

Studie "Stadt.Land.Chancen" zur ARD-Themenwoche

Wie wollen wir in Zukunft in der Stadt, in der Kleinstadt oder auf dem Dorf leben? Ab 21. Juni haben alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland die Möglichkeit, an einer Online-Umfrage teilzunehmen und dort ihre Wünsche und Sorgen mitzuteilen. Auch persönliche Geschichten und Erfahrungen werden gesammelt.
Die Ergebnisse sind im November in der ARD-Themenwoche zu sehen, zu hören und zu erleben. Der Link zur Studie von acatech, Fraunhofer CeRRI und Bayerischem Rundfunk findet sich auf der Webseite zur Themenwoche.

Ende der weiteren Informationen

Auch in Feldatal schauen sich immer wieder Menschen von außerhalb nach Immobilien um, wie Bürgermeister Bach sagt. Die Internetverbindung hier sei schnell, eine gute Grundlage für mobiles Arbeiten. Ein großes Fachwerkhaus mit Hof und Garten gebe es je nach Zustand schon für rund 150.000 Euro - ein Bruchteil von Hauspreisen etwa im Rhein-Main-Gebiet. Den Traum vom Eigenheim kann man sich hier schnell erfüllen. Und hört man Bach reden, wäre ein Beruf in der Gemeindepolitik gar keine schlechte Alternative zum Job im Großraumbüro.

Von München ins Dorf-Rathaus

Bach hat den Weg vom Großstädter zum Landbewohner selbst vorgemacht: Aufgewachsen in München, zog er um nach Hessen zu seiner jetzigen Ehefrau. Mittlerweile leben sie mit vier Kindern und den Großeltern in einem Nachbarort, etwa 20 Minuten entfernt. Vor drei Jahren wurde die Stelle als Rathauschef in Feldatal frei. Der vorherige Bürgermeister war wegen Burnout lange krank geschrieben, es brauchte jemand neuen.

"Es ist mein Traumjob", sagt Bach. Er sei als "unvoreingenommener und unparteiischer Externer" angetreten. Er ist zwar Mitglied in der FDP, aber das sei nicht wichtig gewesen.

Leopold Bach vor dem Rathaus in Feldatal

Der Jurist gab seinen Job in einer Kanzlei in Frankfurt auf, sammelte Unterstützerunterschriften und begann mit Häuser-Wahlkampf. Das Pendeln zur Arbeit hatte ihn viel Zeit gekostet, eineinhalb Stunden, wenn es gut lief - nun wollte er der Hektik der Großstadt entfliehen, wo alle "wie Zombies mit Coffee to go in der Hand" zur Arbeit eilten. Der Weg nach Feldatal war kürzer und familienfreundlicher.

"Bürgermeister zum Anfassen"

Im Wahlkampf klingelte er an jeder Tür und stellte sich als "frischer Wind für Feldatal" vor, wie er berichtet. Die Mühe zahlte sich aus. Bach setzte sich mit 82 Prozent gegen seinen Mitbewerber durch. Bach kam jung ins Amt gekommen, ist aber aktuell nicht der jüngste Rathauschef in Hessen - der regiert mit 28 Jahren in Bad Endbach (Marburg-Biedenkopf).

"Jeder Tag ist ein Abenteuer", bewirbt Bach seinen Job. Die Feuertaufe war eine Überschwemmung, da musste auch der Bürgermeister ran. Ansonsten liegt sein Handy immer griffbereit neben dem Bett. Bach ist auch in der Feuerwehr, er kann jederzeit rausgeklingelt werden. Mit den 22 Mitgliedern des Gemeindeparlaments setzte er sich am Anfang seiner Amtszeit an einen Tisch und sagte: "Wir müssen die Uhr auf Null stellen." Die Konflikte sollten auf den Tisch und möglichst gemeinsam gelöst werden. Es habe funktioniert, sagt Bach.

Wie viele Gemeinden sei auch Feldatal verschuldet, aber nicht so hoch, wie es zunächst ausgesehen habe, berichtet Bach. Trotzdem seien kleine Gemeinden mit weniger als 8.000 Einwohnern "nicht mehr überlebensfähig". Der junge Bürgermeister schmiedete Bündnisse mit umliegenden Gemeinden und teilte die Arbeit etwas auf.

Bach selbst kümmert sich um die Dorffinanzen. Glasfaseranschluss für schnelles Internet, gute Finanzplanung und ein Neubaugebiet seien seine Ziele für den Ort. Hier könne er "bewegen und gestalten". Grundsätzlich beschreibt er seine Arbeitsweise so: "Ich habe gerne Menschen um mich, ich will ein Bürgermeister zum Anfassen sein."

Anders als bei "Benjamin Blümchen"

Und das auch für Kinder: In den "Benjamin Blümchen"-Hörspielen ist der Bürgermeister dafür bekannt, mit Zylinder durch die Gegend zu laufen und davon zu reden, er tue alles im Wohle der Stadt - dabei tut er vor allem viel für sich selbst. In der Kinderserie "Paw Patrol" gibt es die Folge "Bürgermeister Besserwisser in Übergröße", der, ebenfalls mit Zylinder, eine Statue von sich selbst erbaut.

Es sei ein wenig vorteilhaftes Bild, das Kinder von Bürgermeistern haben, sagt Bach. Zusammen mit anderen jungen Bürgermeistern überlegt er jetzt, neue Geschichten zu erfinden und zu erzählen. Das Bild vom angestaubten Rathauschef mit Gier und Vetternwirtschaft soll übermalt werden. In Feldatal funktionierte das schon: Ein Junge rief aus der Kita an und verlangte, der Bürgermeister solle einen Basketballkorb kaufen - mit Erfolg.

Kicken in der Bürgermeister-Nationalmannschaft

Was sich Bach noch wünscht, ist die Schlagzeile "Bach schießt Deutschland an Europas Spitze". In der B-Jugend in München habe er mit Mats Hummels und Sandro Wagner auf dem Platz gestanden, erzählt der 33-Jährige. Die einen wurden Profifußballer, er hessischer Bürgermeister. Doch die Stürmer-Karriere hat er noch nicht ganz abgeschrieben: Bach trainiert für die Bürgermeister-Nationalmannschaft.

Trainingscamps, Fußball gucken und trinken, so fasst er das zusammen - ab Oktober geht es um die Europameisterschaft der Bürgermeister. Auch hier hat Bach der Ehrgeiz gepackt: Sechs Kilo hat er schon abgespeckt, um dann nicht nur Feldatal voranzubringen, sondern es auch im Verbund mit anderen Bürgermeistern auf einen Spitzenplatz zu schaffen.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen