Plakate der Wiesbadener OB-Kandidaten Seidenstricker (CDU) und Mende (SPD)

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wiesbaden vor der OB-Stichwahl

Filz, Skandale, Schlammschlacht? Nach heftiger Vorgeschichte verlief das Rennen um den frei werdenden OB-Posten in Wiesbaden fair - fast bis zur Langeweile. Die Stichwahl heute verspricht aber äußerst spannend zu werden.

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Da waren es nur noch zwei: Gert-Uwe Mende (SPD) und Eberhard Seidensticker (CDU) heißen die beiden, die nach dem ersten Durchgang mit insgesamt sieben Bewerbern um den Posten des Oberbürgermeisters im Wiesbadener Rathaus übrig geblieben sind.

Beim Finale am Sonntag sind insgesamt rund 210.000 Wahlberechtigte aufgerufen, sich zu entscheiden.

Die Ausgangslage

Ziemlich überraschend. Im ersten Wahlgang vor drei Wochen hatte der 56-jährige Mende die Nase vorn. Dabei war er nur eingesprungen, weil Amtsinhaber und SPD-Parteikollege Sven Gerich nach Korruptionsvorwürfen das Handtuch warf. Ein goldener Notnagel, der auch dem Umfrage- und Stimmungstief der Partei auf Landes- und Bundesebene trotzte: Mende verfehlte zwar die absolute Mehrheit deutlich, landete aber mit 27,1 Prozent auf Platz eins.

Sein 52 Jahre alter Stichwahl-Kontrahent Seidensticker machte es spannend. Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen schaffte der CDU-Kommunalpolitiker mit 24,5 Prozent und knappem Vorsprung vor der Grünen-Kandidatin Christiane Hinninger doch noch die Qualifikation fürs Stechen.

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Seidensticker lag bei den Wählern in der Altersgruppe derjenigen vorne, die 70 Jahre oder älter sind. Mende war Favorit der Gruppe der 45- bis 69-Jährigen. Bei allen jüngeren Wählern holte die drittplatzierte Hinninger mehr Stimmen.

Die Kontrahenten

Sehr unterschiedlich. Bodenständig und zupackend tritt der eine auf, besonnen und gewandt der andere.

"Dachdeckermeister kann ich schon, Oberbürgermeister krieg' ich auch hin" - so selbstbewusst tritt der selbstständige Handwerker und gebürtige Wiesbadener Seidensticker an. Im Stadtteil Schierstein lebt er, hier organisiert er als Chef des Verschönerungsvereins unter anderem das alljährliche Hafenfest. In der Stadtpolitik ist er erfahren, fungiert als stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher.

Landespolitik war bislang das Hauptaufgabengebiet des gelernten Zeitungsredakteurs Mende. Er diente einem Innenminister als Sprecher, zurzeit organisiert er als Geschäftsführer die Arbeit der SPD-Landtagsfraktion. Seit einem Jahr kümmert er sich als Ortsvorsteher um die Geschicke des Stadtteils Dotzheim. Sein Vater war für die SPD einst Bürgermeister in Bebra (Hersfeld-Rotenburg).

Die Themen

Ohne polarisierenden Knaller. Ob Nahverkehr oder Bekämpfung der Wohnungsnot: Es gibt eine vergleichsweise große Schnittmenge. Aber auch eigene Akzente. So betonte SPD-Mann Mende mehr den Klimaschutz, CDU-Mann Seidensticker die Bedeutung der heimischen Wirtschaft.

Der Wahlkampf

Vergleichsweise ruhig, vergleichsweise konventionell. Einen kurzen Aufreger gab es nur, als CDU-Bewerber Seidensticker bei einer Podiumsdiskussion in Anspielung auf verbesserungswürdiges Straßenbau-Management lospolterte: "Derzeit habe ich vor Hessen Mobil mehr Angst als vor Al Qaida."

Der Gag ging daneben: Den Vergleich mit der Terrororganisation nahm er sofort zurück. Andererseits punktete der Dachdecker gegen Mende auf einer Veranstaltung in einem Quiz, in dem Wiesbaden-Wissen gefragt war.

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Stichwahlen

Nicht nur in Wiesbaden wird heute gewählt. Auch in Breuna, Herborn, Lorch und Runkel sind die Bürger aufgerufen, ihren neuen Rathauschef zu wählen.

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Mende war zuletzt auffällig oft in den Innenstadt-Hochburgen der Grünen unterwegs. Kein Wunder: Der Sozialdemokrat hofft auf die Stimmen aus dem grünen Lager. So betonte der SPD-Politiker in den letzten Tagen die Notwendigkeit des Klimaschutzes noch ein bisschen mehr als zuvor.

Vor allem gelang es dem SPD-Kandidaten, für die Affäre um den noch amtierenden OB Sven Gerich öffentlich nicht in Mithaftung genommen zu werden. Man traue ihm offenbar zu, "für mehr Miteinander, für Transparenz und Beteiligung in der Stadt einzutreten", sagt Mende dazu.

Hausbesuche, Infostände, Podiumsdiskussionen, Fahrradtouren – die eher traditionelle Wahlkampfführung der beiden spiegelte sich auch im Umgang mit den sozialen Medien. Muster: Foto, kurzer Text, Link auf die Lokalzeitung. Und auch auf den Plakaten: "Zeit für Mende" lautet der SPD-Slogan unter dem Kandidaten-Porträt. Und zum Seidensticker-Foto textet die CDU: "Gutes besser machen."

Die entscheidenden Faktoren

Wenn man das wüsste. Vielleicht sogar das Wetter?  Die Mobilisierung der eigenen Anhänger fällt jedenfalls besonders ins Gewicht, weil die Wahlbeteiligung geringer auszufallen droht als im ersten Durchgang. Vor drei Wochen lag sie bei 53,5 Prozent. Damals zog aber die gleichzeitig stattfindende Europawahl zusätzlich.

Besonderes Augenmerk liegt bei der Stichwahl auch jenseits der eigenen Lager: Wie stimmen diejenigen ab, die im ersten Wahlgang für die dann ausgeschiedenen Bewerber der Grünen (23,4%), der FDP (10,5%), der AfD (5,2%) , der Linken (4,8%) und der Freien Wähler (3,5%) votiert haben - falls sie wählen gehen? Eine Wahlempfehlung für einen der zwei übrig gebliebenen OB-Kandidaten gab einzig die Wiesbadener Linke ab: Sie rät zum SPD-Bewerber Mende.

Die Statistik

Uneindeutig. Jedenfalls, was die Historie in Wiesbaden betrifft. Seit 1945 gab es fünf Oberbürgermeister von der CDU und vier von der SPD. Zweimal war auch ein FDP-Politiker am Ruder. Von denen hatte einer übrigens ein besonderes Profil: FDP-OB Erich Mix (1954-1960) war schon einmal in der Nazi-Zeit Chef im Rathaus gewesen: seinerzeit noch als NSDAP-Mitglied und SS-Standartenführer.

Neben der Mende-Führung aus dem ersten Wahlgang könnte auch die Liste der amtierenden Oberbürgermeister in Hessen die SPD hoffen lassen. Allen jüngeren Wahlschlappen und Personalquerelen der Partei zum Trotz werden die meisten große Städte von Sozialdemokraten geführt: acht von zwölf.

SPD-OB amtieren in Frankfurt, Kassel, Gießen, Hanau, Offenbach, Marburg, Wetzlar und in Wiesbaden. Daneben stehen zwei CDU-Amtsinhaber (Fulda und Bad Homburg), ein OB der Grünen (Darmstadt) sowie ein Parteiloser (Rüsselsheim).

Die Schon-jetzt-Gewinner

Wenn nicht alles täuscht: die Stadt und ihre Bürger. Nach dem Auffliegen von Spezi-Wirtschaft und Intrigen in der Stadtpolitik ging die Schlammschlacht im Wahlkampf nicht weiter. Im Gegenteil. So unterschiedlich Mende und Seidensticker sind und auftreten: Beide gingen betont fair miteinander um.

Sendung: hr-iNFO, 14. Juni 2019, 20.15 Uhr