Tourettikette Bijan Kaffenberger
Bijan Kaffenberger - hier im feinen Zwirn für sein Youtube-Format "Tourettikette" - will in den Landtag einziehen. Das will auch die Hand Rockes. Bild © ARD

Nur noch wenige Tage, dann wählt Hessen seinen neuen Landtag. Wir haben uns alle 797 Kandidaten noch einmal genau angeschaut und einige bemerkenswerte Fakten gesammelt. Mit dabei: Ein Kandidat mit Tick, Döner mit Knoblauch und die hessische Antwort auf die Hand Gottes.

Wenn Hessen am 28. Oktober seinen neuen Landtag bestimmt, haben die Wähler die Qual der Wahl. 797 Kandidaten treten in 55 Wahlkreisen für 23 Parteien an. Hinter all diesen Zahlen stecken Gesichter, Geschichten, kuriose und traurige Fakten. Wir haben einige davon gesammelt.

Durchschnitt, durchschnittlicher, Boris Rhein

Name, Alter, Geschlecht, Beruf, Schuhgröße, Lieblingskaffeesorte: Eine solche Wahl bietet Datenjournalisten immer auch die Chance, die Kandidaten einmal von oben bis unten zu durchleuchten. So hat eine Analyse des hr-Datenteams ergeben, dass das Durchschnittsalter der 797 Kandidaten für die Landtagswahl bei 46,3 Jahren liegt. Der Frauenanteil liegt bei 29,6 Prozent, der häufigste Nachname lautet - Überraschung! - Müller, und die jüngste Partei heißt Die PARTEI mit einem durchschnittlichen Alter ihrer Kandidaten von 36,3 Jahren.

All diese und mehrere Faktoren zusammen haben den durchschnittlichsten aller Kandidaten ergeben: Boris Rhein. Der fleischgewordene Max Mustermann der diesjährigen Wahl ist 46 Jahre alt, männlich, stammt aus Frankfurt, ist Mitglied einer großen Partei (CDU) und studierter Jurist. So nah wie er liegt keiner am Mittelwert. Eher ungewöhnlich ist nur sein ausgeübter Beruf: Rhein ist Minister für Wissenschaft und Kunst in der schwarz-grünen Landesregierung.

Einmal Wehnemann, mit Knoblauch bitte!

Vier Minuten hatten die Kandidaten im Video-Interview, um so viele Fragen wie möglich zu ihrer Kandidatur zu beantworten. Bei Nico Wehnemann (Die PARTEI) entwickelte sich folgender Dialog: "Herr Wehnemann, warum treten Sie zu dieser Wahl an?" "Tut mir leid, ich bin gerade zu Tisch." Sprach's und vergrub sein Gesicht vor der Kamera im mitgebrachten Döner. Eine knisternde Atmosphäre – vor allem wegen der Alufolie, in die der Döner eingewickelt war. Ganz am Ende öffnete der Frankfurter Wehnemann doch nochmal die mit Soße verschmierten Mundwinkel. Und hauchte der Fragenstellerin zu: "Ich hätte wohl lieber Joghurtsoße genommen."

Wehnemann isst Döner
Nico Wehnemann (Die Partei) gönnt sich im hr-Interview erstmal etwas Herzhaftes. Bild © hr

Bijan Kaffenberger – Tourette, Youtube und Landespolitik

Ins klassische Bild eines Kommunalpolitikers passt Bijan Kaffenberger irgendwie nicht. Dafür ist er etwas zu jung mit seinen 29 Lenzen, etwas zu unrasiert und mit seinem eigenen Youtube-Format, in dem er als Ratgeber für kuriose Alltagssituationen einen versnobt-überzeichneten Domian für Millennials gibt, einfach zu unkonventionell und selbstironisch. Und da wären noch die unkontrollierten Zuckungen, mit denen der SPD-Kandidat aus dem Wahlkreis 50 (Darmstadt II) auskommen muss: Seit seinem sechsten Lebensjahr leidet Bijan Kaffenberger unter dem Tourette-Syndrom.

Dass der 29-Jährige in seinen von funk, dem jungen Angebot von ARD und ZDF, produzierten Videos sich selbst und das Leben mit Tourette gern auf die Schippe nimmt, sollte weder Wähler noch andere Kandidaten in Südhessen blenden. Der Wirtschaftswissenschaftler ist im zuletzt CDU-dominierten Wahlkreis trotz humoristischer Ader ein ernstzunehmender Kandidat für einen Sitz im Landtag. Bildung, Mobilität, bezahlbaren Wohnraum und Digitalisierung bezeichnet er im hr-Kandidatencheck als seine dringlichsten Anliegen. "Zusammen mit einem neuen und offenen Politik-Stil ist das für mich Politik 4.0 – und die will ich umsetzen."

Die Hand Rockes

Plakatwerbung ist im besten Falle griffig und informativ, manchmal verwirrend und oft auch (un)freiwillig komisch. So kommen wir zum heimlichen Star des Plakat-Waldes an Hessens Straßen: FDP-Spitzenkandidat René Rock. Oder besser gesagt seiner Hand. Die Liberalen setzen bei der Gestaltung der Wahlplakate ganz auf den Promifaktor des 50-Jährigen aus dem Wahlkreis 46 (Offenbach-Land III). Weshalb man neben dem Porträtfoto Rocks und einer markanten Wahlkampf-These aber noch ein eigenes Blickfenster für die Hand des FDP-Mannes abdrucken musste?

Darauf angesprochen, meinte Rock im hr-Chat mit den Wählern: "Wenn Sie die Wahlplakate der anderen Parteien im Vergleich sehen, wird Sie kein Plakat in der Regel zum Nachfragen anregen, unsere schon." Wie auch immer: Vielleicht sollte man die Gestaltung auch gar nicht hinterfragen, sondern sich daran erfreuen: Argentinien hatte die Hand Gottes, Hessen hat die Hand Rockes.

Wahlplakat Rene Rock
Die Hand von René Rock bekommt auf den Wahlplakaten der FDP einen besonderen Platz. Warum? Das weiß wohl nur die Partei. Bild © FDP Hessen/Collage: hessenschau.de

Ein waschechter Pirat

Zum kleinen Einmaleins des Piratendaseins gehören neben einem Säbel als Waffe auch ein Papagei auf der Schulter, ein Haken anstelle einer fehlenden Hand, ein Holzbein und eine Augenklappe. Das weiß jedes Kind. In diesem Sinne ist es nur konsequent, wie Stefan Klatt von der Piratenpartei zum hr-Kandidatencheck erschienen ist. Mit der Augenklappe über dem linken Auge erfüllte er immerhin eines der gängigen Klischees der Seeräuber.

Wer jetzt noch schnell einen Antrag zur Aufnahme in die Partei ausfüllen und das nächste Schiff in Richtung Mittelmeer besteigen möchte, wird leider enttäuscht: Piraten-Kandidat Klatt trug die Augenklappe nicht aus seeräuberischer Überzeugung, sondern aus medizinischen Gründen: Er hatte kurz vor Aufzeichnung des Interviews eine Operation am Auge.

Das Küken

Die Gnade der späten Geburt ist doch nicht immer Grund zur Freude, zumindest dann, wenn man sich als 14-Jähriger in die Disco schleichen will - oder man möchte in die Politik. Das Mindestalter der Kandidaten für die Teilnahme an der Landtagswahl beträgt nämlich 21 Jahre. Diese schmerzhafte Erfahrung musste beispielsweise Neele Schauer aus dem Landesvorstand der Frauen-Union machen. Mit ihren 19 Jahren durfte sie zwar schon im Namen der CDU für die Bundestagswahl kandidieren, nicht aber für einen Sitz im Wiesbadener Parlament.

Etwas mehr Glück hatte in dieser Hinsicht Helena Pfingst. Sie geht für die Grünen im Wahlkreis 10 (Rotenburg) ins Rennen, studiert, reitet in ihrer Freizeit – und ist derzeit noch 20 Jahre alt. Unmittelbar vor der Landtagswahl, am 25. Oktober, feiert Pfingst ihren 21. Geburtstag. Glück gehabt! Fun Fact: Der älteste Kandidat der kommenden Wahl könnte locker ihr Ur-Opa sein: Nikolai Karheiding (SPD) aus Ginsheim-Gustavsburg geht mit 83 Jahren ins Rennen und ist damit fast vier Mal so alt wie Pfingst.

Verstorbener Kandidat bleibt auf Liste

Auf Listenplatz drei der hessischen Piraten steht der Name Michael Behrendt. Der Politiker aus Korbach starb Ende August im Alter von 46 Jahren, wenige Tage nach der Aufzeichnung für den hr-Kandidatencheck. Das teilte der Landesverband der Piratenpartei mit "Trauer und Fassungslosigkeit" im vergangenen Monat mit.

Behrendts Name wird trotzdem auf der Liste bleiben, wie die Landeswahlleitung auf Nachfrage erklärte. Dort hieß es Mitte September, dass die gesetzlich bindende Frist für mögliche Änderungen der Landeslisten bereits verstrichen sei. Der Verstorbene war seit 2011 Mitglied der Piraten und gehörte zuletzt dem Vorstand an. Sein Video-Interview taucht mit Einverständnis der Familie des Verstorbenen weiter im hr-Kandidatencheck auf.