Karte Wahlkreisanalyse
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In welchen Wahlkreisen wird es bei der Landtagswahl eng? Und wo ist das Rennen um das Direktmandat eine klare Sache? hessenschau.de wagt einen Ausblick - und stößt dabei auf eine ganz neue Herausforderung fürs künftige Parlament.

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Update der Wahlkreisanalyse

Auf Basis neuer Umfragedaten haben wir inzwischen ein Update der Wahlkreisanalyse durchgeführt. Die Ergebnisse haben sich dadurch geringfügig geändert. Den neuen Beitrag finden Sie hier.

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Am 28. Oktober könnte sich Hessens politische Farbwelt ändern. Seit Jahrzehnten kennt die Wahlkreiskarte nur zwei Farben: schwarz und rot. Seit 1958 gelang es keinem Kandidaten außerhalb von CDU und SPD, direkt über die Erststimme ein Wahlkreismandat zu gewinnen.

Die Chancen, dass sich dies am Sonntag ändert, stehen gut - vor allem zugunsten der Grünen. Dies ist das Ergebnis einer Wahlkreisanalyse, die das hr-Datenteam in Kooperation mit dem Wahlforscher-Blog zweitstimme.org entwickelt hat. Demzufolge können sich die Grünen berechtigte Hoffnungen auf vier Direktmandate machen. Die Analyse sieht in Frankfurt V den Landtagsabgeordneten Marcus Bocklet und in Darmstadt-Stadt I seine Parteifreundin Hildegard Förster-Heldmann bei einer Gewinnchance von 100 Prozent. Kaum weniger gut sind die Aussichten für die Grünen-Kandidaten in den Wahlkreisen Darmstadt-Stadt II sowie Kassel-Stadt I. Darüber hinaus bestehen für die Grünen auch Chancen im Wahlkreis Frankfurt II.

Ausgangssituation häufig sehr unterschiedlich

In anderen Wahlkreisen hingegen sieht das Modell die etablierte Konkurrenz weiter klar vorn. Beispiel Fulda II: Dort ist der direkte Landtagseinzug des CDU-Kandidaten Markus Meysner zu 100 Prozent wahrscheinlich. In Kassel-Stadt II hingegen kann sich Patrick Hartmann von der SPD schon relativ sicher fühlen. In anderen Wahlkreisen wie zum Beispiel Offenbach-Stadt oder Gießen I gilt das Rennen hingegen als weitgehend offen - wohlgemerkt alles laut Analysemodell.

Für das statistische Verfahren, das die beiden Politologen Thomas Gschwend und Marcel Neunhoeffer von der Uni Mannheim entwickelt haben, wurden aktuelle Umfrageergebnisse mit Ergebnissen vergangener Wahlen und wahlkreisspezifischen Merkmalen zusammengeführt. Auf Basis einer Vielzahl simulierter Wahlen lassen sich mit dem Modell schließlich Wahrscheinlichkeiten für den Ausgang in den 55 Wahlkreisen berechnen (mehr zum methodischen Hintergrund am Ende der Seite). Einen Überblick bietet diese Hessen-Karte:

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Die verschiedenen Farbtöne der Karte geben die Wahrscheinlichkeiten an, mit denen das Rennen der Analyse zufolge in den einzelnen Wahlkreisen ausgeht. Eine dunkle Einfärbung (zum Beispiel dunkelrot) bedeutet, dass der jeweilige Kandidat dieser Partei mit einer sehr hohen Chance diesen Wahlkreis gewinnt (größer als 95%). Mittlere Einfärbungen stehen für einen wahrscheinlichen Erfolg (85% bis 95%) oder eine bestimmte Tendenz eines Kandidaten (65% bis 85%).

Als offen (hellblau) gilt ein Wahlkreis, wenn kein Kandidat eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 65 Prozent hat - dort wird es am Sonntag voraussichtlich besonders eng. Das betrifft fünf Kreise: Frankfurt IV, Offenbach-Stadt, Darmstadt-Dieburg I, Gießen I, Marburg-Biedenkopf II.

AfD spielt bei Erststimmen kaum eine Rolle

Insgesamt kann sich die CDU in 20 Wahlkreisen sicher fühlen, in weiteren zehn ist ein Erfolg ihres Direktkandidaten wahrscheinlich. Die SPD hat in drei Wahlkreisen sehr gute Aussichten, und in drei weiteren ist ein Erfolg ihres Kandidaten zumindest wahrscheinlich. Andere Parteien spielen aktuell keine Rolle. Auch nicht die AfD, die zwar mit ziemlicher Sicherheit erstmals in den Landtag einziehen wird - bei den Erststimmen dürfte die Partei aber nirgends die Stimmenmehrheit erzielen.

Dass die CDU trotz schwacher Umfragewerte in der Mehrheit der Wahlkreise noch die Nase vorn hat, lässt sich unter anderem mit der fehlenden Geschlossenheit im linksliberalen Lager erklären. "Dadurch dass SPD und Grüne relativ gleich stark sind, wird es für die CDU einfacher", sagt Marcel Neunhoeffer von der Uni Mannheim. Soll heißen: Wenn beispielsweise zwei Kandidaten von SPD und Grünen mit gut 20 Prozent gleichauf liegen, kann einem CDU-Bewerber ein vergleichsweise niedriger Stimmenanteil von nur 25 Prozent bereits zum Direktsieg reichen.

Allerdings ist das Modell stark von Umfragen abhängig, und das bedeutet: Bis zum 28. Oktober ist noch viel Bewegung möglich. "Da ist noch sehr viel Unsicherheit drin", betont Modellentwickler Thomas Gschwend mit Blick auf den anstehenden Wahlsonntag.

Zu 87 Prozent wird es ein Rekordlandtag - laut Modell

Viel Bewegung im wörtlichen Sinne könnte bald auch in den Plenarsaal des Landtags kommen - denn im neuen Parlament wird es aller Voraussicht nach deutlich enger werden als im aktuellen. Das Wahlkreismodell ermöglicht auch eine Aussage darüber, wie viele Sitze es im neuen Landtag gibt. Demzufolge wird deren Anzahl mit einer Wahrscheinlichkeit von 93,7 Prozent höher sein als die Regelgröße von 110 und mit einer Wahrscheinlichkeit von 86,7 Prozent auch höher als die bisherige Rekordgröße von 118 nach der Wahl von 2009.

Genau genommen ist sogar davon auszugehen, dass der neue Landtag gleich deutlich größer wird. In der Grafik ist zu sehen, wie häufig in der Simulation mit 5.000 Wahlen welche Anzahl von Sitzen vorkam. Das Ergebnis: In 83 Prozent aller Fälle (das entspricht der Wahrscheinlichkeit, mit der man beim Werfen eines Würfels keine Sechs würfelt) liegt die Zahl der Sitze zwischen 113 und 157.

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Verantwortlich für diese deutliche Vergrößerung des Parlaments wären Überhang- und Ausgleichsmandate. 55 Sitze im Landtag werden an Direktmandate vergeben, die anderen 55 über die Landesliste. Entscheidend für den Anteil an Sitzen ist aber einzig der Anteil an Zweitstimmen, den eine Partei erhält. Erzielt diese Partei nun mehr Direktmandate, als ihr nach dem Zweitstimmenergebnis zustehen, spricht man von Überhangmandaten. Diese werden durch Ausgleichsmandate unter den anderen Parteien wieder ausgeglichen, um das Verhältnis bei den Zweitstimmen wieder herzustellen.

Schlechte Aussichten für fünf weitere Jahre Schwarz-Grün

Das Besondere daran ist nun: Einerseits verliert die CDU in den Umfragen zwar zunehmend an Zustimmung. Sie bleibt aber zugleich in den meisten Wahlkreisen die, relativ gesehen, stärkste Partei - und erobert damit voraussichtlich auch den Großteil an Sitzen. Weil es im neuen Landtag vermutlich sechs Fraktionen gibt, fallen den anderen Parteien mehr Ausgleichsmandate zu. Auf die Geschäftsleitung des Landtags könnte nach dem 28. Oktober die Herausforderung zukommen, wie sie eine derart große Zahl an Abgeordneten im Plenarsaal unterbringt.

Anhand der Sitzverteilungen lässt das Wahlkreismodell auch Aussagen über mögliche Koalitionen zu. Ein Jamaika-Bündnis, eine Koalition aus CDU, Grünen und FDP, hat demzufolge nahezu perfekte Chancen (99,9%), eine ausreichende Mehrheit im Landtag zu bekommen. Auch für eine Ampel (SPD, Grüne und FDP, 77%) oder Rot-Rot-Grün (69,6%) stehen die Chancen gut - dafür, dass diese Parteien gemeinsam eine Sitzmehrheit im Parlament haben. Dies ist nicht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Regierungen auch tatsächlich gebildet werden.

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Schlecht sieht es hingegen für eine Fortsetzung der schwarz-grünen Regierung aus, ebenso wie für eine Große Koalition aus CDU und SPD. Sie hatte in der Simulation nur in gut jedem vierten Fall eine ausreichende Mehrheit an Sitzen.

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Methodik des Modells

Das Modell, das die Politikwissenschaftler Marcel Neunhoeffer und Thomas Gschwend von der Uni Mannheim entwickelt haben, beruht auf einem mehrstufigen Verfahren. In einem ersten Schritt werden aktuelle Meinungsumfragen ("Sonntagsfrage") für Hessen zusammengeführt und daraus Mittelwerte gebildet ("gepoolt", hier nutzen die Wissenschaftler die KOALA-Methode der LMU München). Weil ältere Umfragen die Ergebnisse verzerren, werden im Modell maximal zwei Wochen alte Umfragen einbezogen. Zudem wird berücksichtigt, wie gut die Umfragen in der Vergangenheit waren.

Umfragen sind immer mit Unsicherheit verbunden. Das rührt vor allem daher, dass bei Befragungen nur die Teilnehmer einer Stichprobe befragt werden und nicht alle 4,4 Millionen Wahlberechtigten. Gemessene Umfragewerte haben daher immer einen Fehlerbereich, innerhalb dessen der wahre Wert der Gesamtwählerschaft legt. Bei einer Stichprobe von 1.000 Befragten beträgt der Fehlerbereich einer Partei, die mit 40 Prozent gemessen wird, plus/minus 3 Prozent. Der wahre Wert liegt also irgendwo zwischen 37 und 43 Prozent (mehr zum Thema Unsicherheit und Umfragen finden Sie hier).

Um diese Unsicherheit der aktuellen Umfragen sowie die Ungenauigkeit der Umfragen in der Vergangenheit zu berücksichtigen, simulieren die Wahlforscher in einem nächsten Schritt 5.000 Wahlen, bei denen die Ergebnisse der Parteien immer innerhalb der Fehlergrenzen der gepoolten Umfrage variieren.

Um die unterschiedlichen Stärkeverhältnisse von Parteien innerhalb Hessens zu berücksichtigen, werden diese 5.000 Wahlausgänge anschließend proportional auf Basis der Ergebnisse früherer Wahlen verteilt. Als Vergleichszahlen wurden hier die Ergebnisse der Parteien bei der Bundestagswahl 2017 herangezogen, wobei die Ergebnisse auf die Wahlkreise der Landtagswahl umgerechnet wurden.

Das sogenannte Stimmensplitting, also die unterschiedliche Stimmabgabe von Wählern bei Erst- und Zweitstimme, kann in Wahlkreisen sehr unterschiedlich ausfallen. Um dies zu berücksichtigen, wurde angenommen, dass die Unterschiede ähnlich ausfallen wie bei der Landtagswahl 2013. Mit diese Annahme konnten die Forscher bei der Wahl in Bayern gute Resultate erzielen.

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