Bijan Kaffenberger
Bijan Kaffenberger Bild © SPD Hessen

Youtuber, Tourette-Patient und erfolgreicher SPD-Mann: Seit der Hessenwahl ist der Roßdorfer Bijan Kaffenberger bundesweit gefragt. Mit hessenschau.de sprach er über seine Prominenz, was die Partei von ihm lernen kann - und wie er demnächst zur Gewerbeschau nach Lützelbach kommt.

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Wir befinden uns im Jahr 2018 n. Chr. Die ganze hessische SPD bietet ein Bild des Jammers. Die ganze SPD? Nein! Im Wahlkreis Darmstadt II stemmt sich ein junger Mann erfolgreich gegen den Niedergang. Bijan Kaffenberger schnappt bei der Landtagswahl einer Ex-Ministerin der CDU das Direktmandat weg.

Nicht nur deshalb ist der smarte 29-Jährige ein medial gefragter Mann: Kaffenberger hat das Tourette-Syndrom, das sich in umwillkürlichen Bewegungen und Tics äußert - und setzt sich damit witzig-offensiv auf seinem Youtube-Chanel "Tourettikette" auseinander. Der neue Ruhm, die Agenda 2010, Steckdosen in der Regionalbahn: Wir haben mit ihm über alles Mögliche gesprochen, aber mal nicht über seine Krankheit.

hessenschau.de: Herr Kaffenberger, wie geht es Ihnen drei Tage nach der Wahl? Gefühlt berichtet die gesamte überregionale Presse über Sie.

Bijan Kaffenberger: Ich bin immer noch dabei meine WhatsApp-, E-Mail und Facebook- und Instagram-Nachrichten abzuarbeiten - und auch die, die inzwischen per Post angekommen sind. Ich habe schon vor, jedem zumindest Danke zu sagen. Allerdings muss ich ab Donnerstag wieder arbeiten. Aktuell bin ich ja noch ein normaler Arbeitnehmer, und den Job muss ich in den kommenden zwei Monaten zu Ende bringen. Abgeordneter bin ich erst im neuen Jahr. Alles also ziemlich stressig, aber ich habe es mir ja so ausgesucht.

hessenschau.de: In den Kommentarspalten ist zu lesen, dass die SPD viel von Ihnen und Ihrem Wahlkampf lernen könnte. Was haben Sie denn richtig gemacht?

Kaffenberger: Naja, ich bin nicht derjenige, der denkt, mit meinen 29 Jahren könnte ich einer Partei mit einer über 150-jährigen Geschichte in Gänze Ratschläge geben. Man sieht aber an dem Ergebnis, dass es für die SPD ein Potenzial gibt, das im Moment nicht gehoben wird - auch wenn bestimmt ein Personeneffekt dabei ist. Aber ich bin Mitglied der SPD und jeder, der mich gewählt hat, könnte sich wahrscheinlich auch vorstellen, grundsätzlich SPD zu wählen - wenn die SPD-Führung ein Bild nach Außen tragen würde, das ich nach außen getragen habe.

hessenschau.de: Welches Bild war das?

Kaffenberger: Offensichtlich haben die Leute an meine Ideen geglaubt, sie halten mich für authentisch. Das ist schön und ich glaube, dass es das Wichtigste ist, was Politik haben muss: Glaubwürdigkeit und Authentizität. Beides ist durch die Großen Koalitionen ein Stück weit - bei beiden großen Volksparteien - beschädigt worden. Ich glaube, wir haben eine ganz große Aufgabe vor uns: Wie wir es schaffen, dass die SPD wieder als glaubwürdige Partei wahrgenommen wird.

hessenschau.de: Müssen sich Politiker auch mehr den sozialen Medien öffnen? Ihr Youtube-Kanal war ja schon fast ein Alleinstellungsmerkmal.

Kaffenberger: Ich habe den Youtube-Kanal noch nicht einmal aktiv im Wahlkampf benutzt. Ich hatte durch diverse Auftritte im Internet, nicht nur bei Youtube, natürlich schon einen gewissen Bekanntheitsgrad. Ich glaube, dass ich dadurch näher in der Lebensrealität junger Menschen bin als wahrscheinlich viele andere in der Politik. Mein Youtube-Format "Tourettikette" war lustig, aber es ging auch immer um ernste Themen.

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Kernthemen: Bildung, Wohnen, Mobilität

Bis zur ersten Landtagssitzung im Januar arbeitet Bijan Kaffenberger noch als Referent im Thüringer Wirtschaftsministerium. Neben der Digitalisierung sind Bildung, Wohnen und Mobilität seine Kernthemen. Kaffenberger wurde 1989 in Darmstadt geboren und studierte Wirtschaft in Frankfurt. 2008 trat er in die SPD ein. Seit er sechs Jahre alt ist, hat er das Tourette-Syndrom, eine Nervenerkrankung, die sich durch Muskelzuckungen bemerkbar macht.

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Wenn Politik also junge Menschen erreichen will, dann muss sie diese Kanäle bespielen. Wenn man sich zur Zeit in den sozialen Medien umschaut, dann sieht man, dass dort vor allem eine Partei dominierend ist, und das ist keine Partei, für die ich positive Emotionen hege.

hessenschau.de: Ist Digitalisierung deswegen auch eines Ihrer Herzensthemen?

Kaffenberger: Beim Thema Digitalisierung sehe ich jetzt nicht primär die Digitalisierung der eigenen Partei. Das ist sicherlich ein struktureller Teil, der wichtig ist. Ich glaube, die Digitalisierung schreitet von selbst voran und wir neigen in Deutschland leider dazu, schnell etwas zu verbieten, womit wir nicht klarkommen. Stichwort Uber oder Airbnb. Ich finde, wir müssen proaktiv überlegen, wo wollen wir mit der Digitalisierung hin? Und da ist für mich ganz klar: Wir wollen, dass sie den Menschen nutzt. Sie soll Menschen zum Beispiel helfen, lästige Behördengänge überflüssig zu machen, sie soll vielleicht im ländliche Raum dafür sorgen, dass schnell eine ärztliche Erstdiagnose erstellt werden kann, sie soll dafür sorgen, dass wir Verkehr effizient steuern. Dafür brauchen wir eine gut ausgebaute digitale Infrastruktur.

hessenschau.de: Nun sind Sie Ökonom und haben sich an der Uni intensiv mit alternativen Wirtschaftssystemen befasst. Was nehmen Sie davon mit in die Partei und in den Landtag?

Kaffenberger: Nehmen Sie ein einfaches Beispiel: Als es um die Einführung eines gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohns ging, hat die FDP immer behauptet, der Mindestlohn würde zu Arbeitslosigkeit führen. Es hat sich aber gezeigt, dass das nicht so gekommen ist. Wenn man sich auch mal andere Theorien als die neoklassische anschaut, dann sieht man, es gibt Denkschulen mit denen man andere politische Aktionen begründen kann. Wenn aber nur ein Modell gelehrt wird und das zur letzten Wahrheit erklärt wird, dann wird Politik tatsächlich alternativlos.

hessenschau.de: Wie sehen Sie vor dem Hintergrund die Agenda 2010?

Kaffenberger: Ich habe dazu ein gespaltenes Verhältnis. Abgesehen davon möchte ich mir die Agenda nicht zum Vorwurf machen lassen, denn als Gerhard Schröder Kanzler wurde, war ich neun. Aber klar, da wurden auch Fehler gemacht. Viele davon sind korrigiert worden, nehmen Sie die Leiharbeit, nehmen Sie Dinge wie die paritätische Finanzierung bei der Krankenversicherung, ein Thema der aktuellen Großen Koalition.

Kritisch fragen müssen wir uns: Welche Sanktionen bei einem ALG2-Empfänger sind sinnvoll? Müssen wir bei einer kleinen Fristübertretung schon Gelder kürzen? Aber auch darüber hinaus muss sich in Zukunft einiges verändern. Daher beschäftigt sich die SPD-Darmstadt auch mit der Frage, wie ein moderner Sozialstaat aussehen muss. Aber auch auf Bundesebene finden Debatten statt, zum Beispiel zum Thema Grundeinkommen. Wir sollten uns generell mehr mit der Zukunft beschäftigen als mit der Vergangenheit.

hessenschau.de: Wie geht es weiter, wenn Sie Abgeordneter sind? Sie haben schon angekündigt, nicht nach Wiesbaden ziehen zu wollen.

Kaffenberger: Richtig, ich werde im Wahlkreis wohnen bleiben und pendeln. In der Regionalbahn gibt es inzwischen ja Steckdosen, so dass man unterwegs was arbeiten kann. Als Abgeordneter kriege ich ja auch ein Abgeordnetenticket für Hessen. Deswegen sehe ich auch aus Kostengründen nicht, dass mich einer meiner Mitarbeiter herumchauffieren müsste. Gut, ganz ehrlich, nach Lützelbach (ein Ortsteil der 5.000-Einwohner-Gemeinde Modautal im Kreis Darmstadt-Dieburg, Anm.d.Red.) auf die Gewerbeschau würde ich mich dann schon fahren lassen (lacht). Abgesehen davon: Mir hat das Bus- und Bahnfahren auch im Wahlkampf Spaß gemacht. Da kommen gute Gespräche zustande. Das ist auch eine Form von Bürgernähe.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté