Das Schloss in Marburg in der Abendsonne.

Pulsierend, jung, aufstrebend: Marburg prägt den Wahlkreis und sein Image. Sorgen haben Umland und Universitätsstadt trotzdem - und zum Teil sehr verschiedene.

So lebt man hier

Ein Großteil der knapp 100.000 Wahlberechtigten lebt in der Kreisstadt Marburg. Die Universitätsstadt ist bekannt als bunt, pulsierend, reich an Geschichte und Kultur. Marburg bringt viele Gegensätze zusammen: Hier leben Bürgerlich-Traditionelle neben Akademikern und Alternativen, Geringverdiener neben Senioren und jungen Familien. Nicht nur wegen der vielen Studenten hat Marburg ein junges Image: Die Geburtenrate steigt seit Jahren. In der direkten Umgebung der Universitätsstadt liegen beschauliche Kleinstädte, hübsche Fachwerkdörfer und reizvolle Landschaften wie das Amöneburger Becken und das Wohratal. Wichtiger Wirtschaftsfaktor im Wahlkreis ist die Pharmaindustrie. In Stadtallendorf gibt es außerdem mehrere größere Fabriken: Ferrero produziert hier zum Beispiel einen Teil seiner Süßwaren.

Das sind die Probleme

Viele Marburger klagen über hohe Mieten und Wohnungsmangel. Die Zahl der Studenten steigt jährlich, erschwingliche Baugrundstücke oder Häuser gibt es kaum. Während der städtische Wohnungsmarkt ächzt, leiden umliegende Gemeinden unter Landflucht und ihren Folgen: Ärztemangel zum Beispiel. Viele Bürger – gerade auf dem Land - beschäftigt außerdem immer wieder die Verkehrsanbindung und Transportmöglichkeiten. Sei es die Radwegplanung in die Stadt, die Anbindung von Dörfern an den öffentlichen Nahverkehr oder der Ausbau von Bundes- und Landesstraßen.

Immer mehr Bürger sorgen sich außerdem um das Thema Sicherheit: Insbesondere im Kernstadtbereich Marburgs hat die Kriminalität in den letzten Jahren zugenommen und auch das Sicherheitsgefühl vieler Marburger hat sich nach Umfragen verschlechtert.

Das sind die Chancen

Marburg ist ein wichtiger Forschungsstandort und damit immer wieder Ausgangspunk für Innovationen und wissenschaftlichen Fortschritt. Die Bevölkerung ist durch das Universitätsklinikum medizinisch gut versorgt, außerdem finden viele Bürger im Gesundheitssektor Arbeit. Auch kulturell hat die Stadt viel zu bieten. Erst kürzlich hat eine Studie ergeben: Die Marburger sind mit dem Angebot an Kultur- und Freizeitangeboten genau so zufrieden, wie sonst die Bewohner von Großstädten. Die schöne Altstadt und das lebendige Umfeld ziehen außerdem viele Touristen an.

Das ist die politische Ausgangslage

Marburg gilt als linke Hochburg: Bei der Bundestagswahl hat Die Linke hier ihr bestes Ergebnis in einer westdeutschen Stadt erzielt. Auch der Landesvorsitzende der Linken in Hessen, Jan Schalauske, kommt aus Marburg. Ebenfalls aus Marburg: die Landesvorsitzende der Grünen, Angela Dorn. Ähnlich wie die Linken schneiden auch die Grünen in Marburg und Umgebung im deutschlandweiten Vergleich meistens überdurchschnittlich gut ab. Stärkste Kraft war bei vergangenen Wahlen oft die SPD. Das Direktmandant holte vor fünf Jahren der Marburger Arzt Thomas Spies (SPD). Nachdem er jedoch 2015 zum neuen Oberbürgermeister von Marburg gewählt wurde, gab er das Mandat an Handan Özgüven ab. Die CDU hat dagegen in Amöneburg ein besonders treues Lager, dort kam sie bei der letzten Landtagswahl auf 54,5 Prozent der Stimmen.

Um das Direktmandant kämpfen dieses Jahr gleich drei Mitglieder des aktuellen Landtags. Jan Schalauske und Angela Dorn stehen beide auf den vorderen Listenplätzen ihrer Parteien und könnten es so auch ohne das Direktmandat in den Landtag schaffen. Handan Özgüven braucht das Direktmandat dagegen dringender – über ihren Listenplatz könnte es sonst knapp werden.

Das sind die Direktkandidaten:

Handan Özgüven (SPD): Landtagsabgeordnete. Dirk Bamberger (CDU) ist Vorsitzender und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Marburger CDU. Jan Schalauske (Die Linke) ist Landtagsabgeordneter und Landesvorsitzender Der Linken in Hessen. Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen) ist Parlamentarische Geschäftsführerin der grünen Landtagsfraktion und Sprecherin für Umwelt, Energie und Klimaschutz und Landesvorsitzende der Grünen. Lisa Freitag (FDP) ist Stadtverordnete in Marburg und Stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Liberalen Hessen. Eric Markert (AfD) ist mit 21 Jahren der jüngste Kandidat im Wahlkreis. Er sitzt bereits für die AfD im Kreistag und ist, seit er 18 Jahre alt ist, Kreisvorsitzender der AfD. Der Politikstudent ist in den letzten Monaten von Vermummten mit Pfefferspray attackiert worden, auch sein Haus wurde beschmiert. Er geht davon aus, dass die Angriffe aus dem „linksextremen Umfeld“ kamen.

Weitere Informationen

Die Kandidatinnen und Kandidaten des Wahlkreises im hr-Kandidatencheck

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Darum geht es im Wahlkampf

SPD und CDU wollen sich im Wahlkampf jeweils den großen Linien ihrer Parteien anpassen. Die SPD-Kandidatin Handan Özgüven will bei Haustürbesuchen Wähler gewinnen – dafür reist sie mit ihrem mobilen „Café Ö“ durch die Region.

Thematisch prägt kaum etwas den Wahlkreis, wie die Universität und das Universitätsklinikum. Zwei der Kandidaten studieren sogar selbst noch:  Lisa Freitag von der FDP legt einen Schwerpunkt auf Bildung. Zum Beispiel will sie sich für Digitalisierung im Klassenzimmer und für den weiteren Breitbandausbau einsetzen. Politikstudent Erik Markert von der AfD will im Wahlkampf dagegen auf die linksextreme Szene in Marburg hinweisen. Er nimmt die vergangenen Angriffe auf seine Person zum Anlass und spricht von „Gefahren für die Demokratie“. Die Linke setzt ihren Wahlkampf-Schwerpunkt auf das Thema Gesundheit. Die Partei engagiert sich im Wahlkreis schon lange dafür, dass das privatisierte Universitätsklinikum wieder zurück ans Land geht. Als Umweltpolitische Sprecherin ihrer Landtagsfraktion äußert sich Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen) immer wieder zu Themen rund um Umwelt und Energie – auch zu umstrittenen Themen in der Region, beispielsweise wenn es um die Radwegeplanung durch den Marburger Wald zur Universitätsklinik auf die Lahnberge geht. Dort soll auf Wunsch des grünen Umweltministeriums die Asphaltdecke gegen eine Schotterdecke ausgetauscht werden. Zum Ärger vieler Pendler: Rund 10.000 Menschen müssen regelmäßig auf die Lahnberge. Die Frage, wie die Lahnberge besser angebunden werden, ist seit Jahren ein Streitpunkt in der Region.

Darüber wird am 28.10. noch entschieden

In Rauschenberg, Neustadt und Wohratal werden neue Bürgermeister gewählt.