AfD-Hessen-Transparent
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Gewerkschaften treten bei Landtagswahlen nicht an. Trotzdem müssen sie sich nach der Hessenwahl wie Verlierer fühlen. Aus ihren Reihen wählten besonders viele die AfD. Auch die Ursachenforschung tut weh.

"Solidarität statt Spaltung", "Herz statt Hetze": Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und Einzelgewerkschaften wie Verdi und IG Metall waren federführend dabei, wenn sich vor der Hessenwahl Initiativen gegen die AfD bildeten. In Hanau kam es sogar zu Handgreiflichkeiten am Rande einer Wahlveranstaltung und zu gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Gewerkschaft und AfD.

Am Ende fuhr die Partei landesweit 13,1 Prozent ein. Eine andere Zahl schmerzt die Arbeitnehmervertreter bei ihrer Nachwahlbetrachtung noch mehr. Unter Gewerkschaftern hat die AfD noch besser abgeschnitten. Sie erhielt mit 17 Prozent fast jede fünfte abgegebene Gewerkschafterstimme.

Dazu fallen Sascha Schmidt Erklärungen ein wie: "Die Gewerkschaft ist eben ein Spiegelbild der Gesellschaft." Aber dabei belässt es der Politikwissenschaftler dann doch nicht, der als Gewerkschaftssekretär in Wiesbaden im Dienst des DGB steht.

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So wählten die Gewerkschafter in Hessen

Ob DGB-Gewerkschaft oder Beamtenbund: Hätten nur Gewerkschaftsmitglieder gewählt, wäre laut der Forschungsgruppe Wahlen folgendes Ergebnis herausgekommen: 1. SPD 28,3% (19,8 nach tatsächlichem vorläufigem Ergebnis), 2. Grüne 18,2% (19,8), 3. CDU 17,3% (27,0), 4. AfD 17,0% (13,1), 4. Linke 8,4% (6,3), 5. FDP 4,9% (7,5). Zu dem vergleichsweise hohen AfD-Anteil tragen vor allem Männer bei: 20 Prozent der männlichen Gewerkschafter wählten AfD, 10 Prozent der weiblichen.

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Gesucht: Strategie gegen Abstiegssorgen

Verwerfungen durch Tarifflucht, befristete Beschäftigung, Sozialabbau und Digitalisierung hätten Druck und Abstiegssorgen bei Arbeitnehmern wachsen lassen. "Diese großen Unsicherheiten kann die Gewerkschaft gar nicht auffangen", sagt Schmidt. Und wählen könne man den DGB ja auch nicht.

Die bisherige "Klare-Kante"-Gangart samt Gesprächsverweigerung gegenüber der AfD muss die Gewerkschaft nach Ansicht Schmidts jedenfalls nicht überdenken. Die Partei sei nun einmal demokratiefeindlich, gewerkschaftsfeindlich und spalte mit ihrer Einstellung zu Migration die Belegschaften.

Michael Rudolph, DGB-Chef von Hessen-Thüringen, hatte auch im Wahlkampf ausdrücklich jeglichen Dialog mit der AfD abgelehnt. In einem DGB-Flugblatt zur AfD hieß es, der Landtag dürfe "keine Bühne für Rassisten und Neofaschisten" werden. Das Dilemma: Die AfD punktet auch unter abstiegsangst-geplagten Gewerkschaftern wohl vor allem mit dem Thema Asyl, wie Schmidt vermutet. Sozialpolitisch habe sie Arbeitnehmern ja kaum etwas zu bieten.

AfD: "Wir sind die neue Arbeiterpartei"

Neoliberale Wirtschaftsprinzipien, fehlendes Rentenkonzept - solche Kritik am Parteiprogramm lässt AfD-Landessprecher Robert Lambrou zwar nicht gelten. Aber auch er sieht im Thema Nummer eins seiner Partei den Hauptgrund für den Erfolg auch unter Gewerkschaftern. Gerade für Beschäftigte mit geringeren Einkommen sei die "Flüchtlingskrise" noch lange nicht vorbei. Es gebe massive Verteilungskämpfe, um Sozialwohnungen etwa.

Grafik Landtagswahl Arbeiter
"Wir sind die neue Arbeiterpartei": Die AfD hat die SPD auf diesem Gebiet überflügelt. Bild © infratest dimap

"Die Gewerkschaften schwächen sich selbst mit ihrer atemberaubenden Selbstgerechtigkeit und Ausgrenzung gegenüber AfD-Wählern", sagt Lambrou. Auch seine Versuche zur Kontaktaufnahme hätten Gewerkschaftsfunktionäre abgeblockt. Das widerspreche dem Gedanken der überparteilichen Einheitsgewerkschaft und sei auch unklug. "Wir haben die SPD als Arbeiterpartei abgelöst."

Folgerichtig warb die hessische AfD im Wahlkampf auch mit einem Auftritt ihres Bundesvorstandsmitglieds Guido Reil. Der Ex-Sozialdemokrat und Gewerkschafter aus Gelsenkirchen bekam in Gelnhausen für seine Attacken viel Beifall, wie der Kreisverband Mainz-Kinzig berichtete. Tenor: Die Gewerkschaften sind "korrupt und verlogen" und Teil jenes Establishments, das die Interessen von Malochern verraten und die Bürger "ausgeraubt" habe.

Rechtes Potenzial in Betrieben

Reil hat angekündigt, im kommenden Jahr eine Art Anti-DGB-Gewerkschaft gründen zu wollen. Kein Grund für den DGB zur Überreaktion, wenn man der Bestandsaufnahme des Kasseler Politikwissenschaftlers Wolfgang Schroeder folgt. In der AfD spiele der Arbeitnehmerflügel nicht wirklich eine Rolle, wie der Professor angesichts des auch bei der Bayernwahl hohen Anteils an AfD-wählenden Gewerkschaftern gerade der Süddeutschen Zeitung sagte.

"Es gab immer dieses rechte Potential von bis 20 Prozent in der Arbeitnehmerschaft“, bekräftigt Schroeder gegenüber hessenschau.de. Neu sei, dass es jetzt Akteure gebe, "die bisher tabuisierte Haltungen wie Fremdenfeindlichkeit in die Betriebe schleusen".

Betriebswahlen wie die jüngste bei Opel in Rüsselsheim mit einem Rekorderfolg für die IG Metall zeigen allerdings: Noch immer sind Mitarbeitervertretungen ein schwieriges Pflaster für national-konservative oder rechte Gruppen.

Überzeugen statt dämonisieren

Rechte Listen würden in Betrieben kaum gebildet, weil es den Menschen dort vor allem ums Geldverdienen und die Anerkennung gehe. "Niemand will stigmatisiert oder in seiner Karriere behindert werden", sagt Schroeder. Daher äußerten sich rechte Tendenzen vor allem außerhalb der Unternehmen - in neuen Kommunikationsräumen wie den sozialen Medien.

Oder eben bei Landtagswahlen. Da die AfD kein vorübergehendes Phänomen bleiben werde, rät der Politologe der Gewerkschaft, pauschale Dämonisierungen der Partei und ihrer Anhänger zu vermeiden. Diese Menschen müssten mit Themen und Argumenten überzeugt werden: "Wer über jedes Stöckchen springt und Öl ins Feuer gießt, könnte dazu beitragen, dass sich die Rechten als Märtyrer und Opfer inszenieren."