Politische Diskussion in Wiesbadener Kneipe
Kneippendebatte über Stammtischniveau: "Politischer Bierdeckel" in Wiesbaden Bild © Schuster/hr

Sie wollen so etwas wie der McDonald's unter den Demokratiebewegungen werden. Die Initiative "DEMO" versucht mit innovativen Konzepten die Hessen und bald auch ganz Europa an die Wahlurne zu locken.

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Junge Leute mit Bierdeckeln

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"Volker Bouffier vs. Thorsten Schäfer Gümbel - wer würde in einem Boxkampf gewinnen?" steht auf dem Bierdeckel. Janine Wissler, Landtags-Fraktionschefin der Linken, zögert nicht lange mit der Antwort: "Ich würde in den Ring steigen und Schäfer Gümbel helfen." Lautes Gelächter unter den rund 150 Gästen in der Wiesbadener Gaststätte 60/40.

Die Stimmung ist gut an diesem Abend. Die parteiunabhängige Organisation "DEMO - Bewegung für Demokratie" versucht sich am Gesprächs-Format "Politischer Bierdeckel". Meinungsbildung vor der Landtagwahl in der Kneipe, aber nicht auf Stammtischniveau. Jeder Besucher konnte seine Fragen an die fünf anwesenden Politiker stellen.

Neben Wissler sind die Landtagsfraktionschefs Michael Boddenberg (CDU) und René Rock (FDP) gekommen, Grünen-Landesvorsitzende Angela Dorn und SPD-Generalsekretärin Nancy Faeser. Sie beantworten Fragen, die die Besucher vorher auf Pappdeckel geschrieben haben.

Einer, der die Veranstaltung mit organisiert hat, ist Helmut Wiesner. Seit Gründung der Initiative 2016 ist er dabei. Der 30-Jährige will junge Leute wieder näher an Politik heranführen und Menschen mit unterschiedlichen Ansichten an einen Tisch bringen - außerhalb der eigenen Filterblase. "Wir sehen uns als Türöffner, um Menschen wieder mehr für Politik zu begeistern", sagt der Kommunikationswissenschaftler.

"Haben Sie schon mal Cannabis konsumiert?"

Zugelassen werden deshalb auch - fast - alle Fragen. Das Spektrum an diesem Abend in Wiesbaden reicht von "Wie stellen Sie sich die Verkehrswende in Hessen konkret vor?" über "Was würden Sie Londoner Bankern nach einem Brexit-Umzug nach Frankfurt gerne sagen?“ bis zu "Haben Sie schon mal Cannabis konsumiert?" Und in diesem Fall auch die dazugehörige Zusatzfrage: "Wenn ja, welche Sorte können Sie empfehlen?"

Die Bewegung für Demokratie, kurz DEMO, war ursprünglich von der Journalistin Mareike Nieberding aus München ins Leben gerufen worden. Auslöser für ihre Initiative war die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten 2016. Die sah Nieberding als "Sieg des Hasses über die Liebe, der Lüge über die Wahrheit, der Verachtung über die Empathie". DEMO will für Politik sensibilisieren und schon bald so etwas wie der "McDonald's unter den Demokratiebewegungen werden".

Ziel: Wahlbeteiligung vor allem unter Jungwählern steigern

Dafür sind "DEMO"-Mitglieder bereits an vielen Orten in der Bundesrepublik aktiv, vor dem 28. Oktober besonders in Hessen - und demnächst, so der Plan der Initiatoren, auch in anderen Ländern Europas. Mit Workshops an Schulen oder Pub-Quizzen wollen sie Jugendliche für Politik begeistern. "Wir hätten gerne noch mehr Menschen bei unseren Veranstaltungen, die im Grunde gar kein politisches Interesse haben oder noch unentschlossen sind", sagt Wiesner. Denn das ist das Hauptziel von "DEMO": eine möglichst hohe Wahlbeteiligung für die Landtagswahl zu erreichen, gerade unter jungen Wählern.

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Wahlbeteiligung

Die höchste Wahlbeteiligung bei einer Landtagswahl hatte Hessen 1978 mit heute unerreichbar scheinenden 87,7 Prozent. Seitdem ging es bergab. 2009 gab es die niedrigste Wahlbeteiligung mit 61 Prozent. Zuletzt, 2013, waren es immerhin 73,2 Prozent. Allerdings fand diese Landtagswahl zeitgleich mit der Bundestagswahl statt.

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Ein Blick in die Statistik zeigt, dass sich "DEMO" die richtige Zielgruppe ausgesucht hat: Vor allem viele junge Leute werden am 28. Oktober wieder nicht wählen gehen. Was auch bedeutet: Es entscheiden vor allem die Älteren, wer in den Landtag kommt und wer regiert. Bei der Bundestagswahl 2013 waren es 40 Prozent der 21-25-Jährigen, die ihre Stimme gar nicht abgeben wollten, wie die repräsentative Wahlstatistik des Bundeswahlleiters zeigt.

Für die Marburger Politikwissenschaftlerin Bettina Westle liegen die Ursachen dafür auf der Hand. "Der Politikunterricht hat an Schulen einfach eine zu geringe Relevanz", sagt sie. Außerdem nähmen junge Menschen das "Wählen als veraltete Einflussform" wahr. Hipper seien da Online-Protestformen.

Parteien tragen Verantwortung für Desinteresse

"DEMO"-Aktivist Wiesner dagegen weist auch den Parteien eine große Verantwortung für das Desinteresse zu. "Die Wahlprogramme sprechen junge Menschen nicht an. Vielleicht sind die Jungen für die Parteien einfach keine interessante Wählergruppe." Schließlich sind die älteren Wähler in der Überzahl.

"Wir jungen Menschen sind so wenige, deshalb müssen umso mehr von uns zur Wahl gehen" - das folgert Wiesner daraus als Ziel für Bierdeckel-Politikabende wie den in Wiesbaden. Wer nicht wählen gehe, für den werde auch keine Politik gemacht.