Die vier Kandidaten der Landratswahl: Daniel Herz, Friedel Lenze, Nicole Rathgeber und Frank Hix.

Suedlink, Überalterung, ärztliche Versorgung: Wer den Landratsposten im Werra-Meißner-Kreis übernimmt, wird alle Hände voll zu tun haben. Vier Kandidaten wollen in große Fußstapfen treten.

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Viele Menschen im Werra-Meißner-Kreis hat diese Entscheidung überrascht: Der bisherige Landrat, Stefan Reuß von der SPD, kündigte im Juli seinen Rücktritt an. Zum Jahreswechsel gibt er sein Amt ab und wird Präsident des Sparkassen- und Giroverbands Hessen-Thüringen. Am Sonntag, 24. Oktober, sind die Bürgerinnen und Bürger im Kreis zur Wahl seiner Nachfolgerin oder seines Nachfolgers aufgerufen.

Der Zwei-Meter-Mann hinterlässt im wahrsten Sinne große Fußstapfen. Er war im Kreis sehr beliebt, 2017 wurde er mit fast 84 Prozent als einziger Kandidat wiedergewählt. Aber mit 50 Jahren wolle er etwas Neues anfangen, sagte er zum hr.

Der Kreis

Stolz ist der scheidende Landrat darauf, dass wieder mehr Menschen in den Werra-Meißner-Kreis ziehen, entgegen aller Prognosen, die dem ländlichen Kreis mit aktuell 100.000 Einwohnern das große Schrumpfen vorhergesagt haben - auch durch Abwanderung. In den vergangenen Jahren seien aber viele Familien mit Kindern hierhergekommen, denn die Lebensqualität in Deutschlands Mitte sei groß, sagt Reuß. Die Weichen für seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin seien gestellt.

Viele kleine und mittelständische Unternehmen im Kreis bieten Arbeitsplätze. Die 15.000-Einwohner-Stadt Witzenhausen ist mit einer Zweigstelle der Uni Kassel Deutschlands kleinster Uni-Standort. Ökologische Agrarwissenschaften werden dort gelehrt, ein Boom-Fach.

Auch der Tourismus entwickelt sich gut, gerade in Corona-Zeiten. Viele haben jetzt das Wandern neu entdeckt, und in Hessens Nordosten locken gleich 25 Premium-Wanderwege.

Die Bevölkerung schrumpft trotzdem leicht: Es sterben mehr Menschen als geboren werden, der Werra-Meißner-Kreis hat mit 48 Jahren das höchste Durchschnittsalter aller hessischen Kreise. Alle vier Landratskandidaten wollen da gegensteuern.

Die Kandidatinnen und Kandidaten 

Friedel Lenze, 53 (SPD)

Er ist ein alter Hase in der Politik im Werra-Meißner-Kreis: Lenze ist seit fast 25 Jahren Bürgermeister von Berkatal mit seinen 1.400 Einwohnern. Seit über zehn Jahren gehört er dem Kreistag an, dem er aktuell auch vorsitzt. Außerdem ist er Sprecher der Bürgermeister im Landkreis. Er ist beziehungsweise war in verschiedenen Vereinen aktiv, unter anderem als Tischtennis-Spieler und Chorsänger.

Friedel Lenze SPD

Der gelernte Verwaltungsfachmann will mit seinen 53 Jahren noch mal etwas anderes probieren, den Landratsposten nennt er einen Traumberuf. Seine Stärke sieht er in seiner langen politischen Erfahrung. Außerdem beschreibt er sich als gelassen und krisenfest.

Frank Hix, 54 (CDU)

Er hat als Rechtsanwalt gearbeitet und als Journalist. Seit zwölf Jahren ist er Bürgermeister der 8.500-Einwohner-Stadt Bad Sooden-Allendorf. Er sitzt auch im Kreistag. Hix kämpft mit allen Fraktionen im Kreistag und Bürgerinitiativen gegen die Suedlink-Trasse, die Windstrom nach Süddeutschland bringen und dicht an Bad Sooden-Allendorf vorbei führen soll. Dadurch habe er bewiesen, dass er überparteilich denken und handeln könne, sagt er.

Frank Hix CDU

In der Stadtverordnetenversammlung steht man der Kandidatur des Bürgermeisters jedoch skeptisch gegenüber. Gegen ihn wurde vor über drei Jahren wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Das Verfahren wurde mittlerweile aber eingestellt, wie die HNA berichtete. Die Wählerinnen und Wähler in Bad Sooden-Allendorf bestätigten Hix dieses Jahr mit rund 57 Prozent im Amt. Auch er will noch mal etwas Neues probieren, wie er sagt.

Nicole Rathgeber, 38 (Freie Wähler)

Die einzige Frau in der Kandidaten-Riege. Sie ist zwar keine Bürgermeisterin wie ihre Konkurrenten, wurde aber dieses Jahr Ortsvorsteherin in ihrem Wohnort Meinhard-Grebendorf (1.700 Einwohner). Im Hauptberuf arbeitet sie als Teamleiterin der Akademiker- und Studierenden-Beratung in der Agentur für Arbeit in Kassel. Dort habe sie Verwaltung von der Pike auf gelernt, sagt sie.

Nicole Rathgeber Freie Wähler

Vor kurzem ist Rathgeber wieder in ihre alte Heimat im Werratal gezogen. Sie sagt, sie brenne für ihren Wohnort und wolle dort etwas bewegen. Deshalb habe sie auch Ja gesagt, als die Freien Wähler sie fragten, ob sie Landrätin werden wolle. Ihre Stärken sieht sie in ihrer Teamfähigkeit, Verwaltungskompetenz und ihrem überparteilichen Denken.

Daniel Herz, 37 (parteilos)

Der Mann mit 2,05 Metern schließt von seiner Statur her nahtlos an den Amtsinhaber Stefan Reuß an. Doch als Parteiloser setzt er sich bewusst auch von dem SPD-Mann ab. Der gelernte Industriekaufmann sattelte um, arbeitete neun Jahre lang bei der Polizei Nordhessen als Analyst, dann wurde er vor gut drei Jahren Bürgermeister von Witzenhausen - der zweitgrößten Stadt im Kreis. Dabei besiegte er die langjährige Amtsinhaberin von der CDU.

Daniel Herz

Überparteilichkeit sieht er als seine persönliche Stärke, er bringe einen Blick von außen mit und denke nicht so in Verwaltungsschemata wie seine Konkurrenten, sei unvoreingenommen. Außerdem sei für ihn Teambuilding ganz wichtig.

Kurz vor der Wahl sieht sich Herz dem Vorwurf der "unzulässigen Wahlkampfbeeinflussung" ausgesetzt. Gutscheine der Stadt, die Corona-gebeutelte Gewerbetreibende unterstützen sollen, wurden mit dem Briefkopf des Bürgermeisters statt mit dem des Magistrats verschickt. CDU, SPD und Grüne wollen ein Disziplinarverfahren gegen den Rathauschef erzwingen. Herz entschuldigte sich bereits für seinen Fehler.

Die Themen

Suedlink

Alle Kreistagsfraktionen und Bürgermeister sind gegen die Windstromtrasse, die mitten durch den Kreis führen soll. Auch die Kandidatinnen und Kandidaten der Landratswahl.

Kampf gegen Überalterung

Mit 48 Jahren hat die Bevölkerung des Werra-Meißner-Kreises das höchste Durchschnittsalter aller hessischen Landkreise und kreisfreien Städte. Alle vier Kandidierende wollen gegensteuern, indem sie junge Familien durch günstiges Wohnen, schnelles Internet und gute ärztliche Versorgung in den Kreis locken.  

Digitalisierung

Die Kandidaten wollen da etwas bewegen. Frank Hix sagt, es könne nicht sein, dass es in einigen Teilen des Kreises noch immer Funklöcher gebe. Auch Friedel Lenze, Nicole Rathgeber und Daniel Herz legen einen starken Akzent auf Digitalisierung, Breitbandausbau und Mobilfunkausbau und das Stopfen von Funklöchern.

Besonders Schulen müssten rascher ans schnelle Internet angeschlossen werden, betont Rathgeber. Hix will mehr Gewerbegebiete anschließen. Lenze und Herz setzen zudem auf die digitale Verwaltung. Für Herz müssten alle 16 Kommunen im Kreis bei allen Projekten enger zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen, ohne Konkurrenzgedanken.

Wirtschaftsförderung

Alle wollen noch mehr Unternehmen in den Kreis holen. Die Regionalmarke Werra-Meißner-Kreis müsse noch bekannter werden, sagt Herz. Die Kandidatin Rathgeber meint das auch, der Kreis müsse hierbei aber auf Unternehmen mehr zugehen. 

Die Bewerberin und die drei Bewerber wollen, dass mehr Menschen die Möglichkeit haben, von zu Hause aus zu arbeiten, weil das auch für Familien mit Kindern attraktiv sei. Genau diese wolle man ja in den Kreis locken. Auch wollen alle Kandidaten Politik und Wirtschaft noch besser vernetzen. Herz möchte für die Außenwerbung des Kreises das Medienwerk in Eschwege besser nutzen, ein Studio für Kommunikation und Film, das unter anderem vom Kreis finanziert wird.

Wohnungsbau

Es gibt nicht genügend Wohnraum im Werra-Meißner-Kreis. Die Baugebiete sind fast alle voll. Insbesondere im sozialen Wohnungsbau hinkt der Kreis aber noch hinterher. Der SPD-Kandidat Lenze und der CDU-Mann Hix möchten deswegen eine kreiseigene Wohnungsbaugesellschaft gründen. Auch der scheidende Landrat Stefan Reuß legt das seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger ans Herz.

Ärztliche Versorgung

Ein großes Manko. Besonders im südlichen Kreis um Sontra klaffen Lücken, es gibt dort nicht genügend Hausärzte. Die rollende Arztpraxis Medibus sorgt für etwas Ersatz, aber das sei zu wenig, finden alle Kandidaten.

Lenze hebt die ärztliche Versorgung hervor, die ihn umtreibe. Die Gründung ärztlicher Versorgungszentren seien eine Möglichkeit. Allerdings hat auch der scheidende Landrat sich sehr dafür engagiert, bisher mit wenig Erfolg.

Rathgeber will Ärztinnen und Ärzte durch finanzielle Anreize dazu bewegen, im Werra-Meißner-Kreis Praxen zu eröffnen. Sie schlägt vor, angehende Medizinerinnen und Mediziner sollten beim Studium gefördert werden und sich im Gegenzug im Kreis niederlassen.

Die Krankenhausversorgung im Kreis ist relativ gut. Alle Kandidaten wollen die kommunalen Kliniken in Witzenhausen und Eschwege erhalten.

Die Aussichten

Bis vor wenigen Jahren dominierte die SPD die Politik im Kreis. Doch das hat sich geändert, bei der Kommunalwahl im März verloren die Sozialdemokraten stark. Sie lagen mit 32,8 Prozent nur noch knapp vor der CDU mit 30,4 Prozent. Auch die Freien Wähler verloren leicht.

Bei den jüngsten Bürgermeisterwahlen in den Kommunen konnten sich oft Parteilose durchsetzen, so zum Beispiel in Großalmerode und Witzenhausen, wo Daniel Herz gewann. Der sieht sich klar als Außenseiter. Er hat auch erst kurz vor Bewerbungsschluss seinen Hut in den Ring geworfen. Da er keine Partei hinter sich hat, finanziert er seine Wahlkampagne selbst.

Ein Manko, das alle haben: Der Kreis ist groß, und alle Kandidaten stammen eher aus dem Norden. Im Süden rund um Sontra sind sie weniger bekannt. Deshalb tingeln jetzt alle über Wochenmärkte, klingeln an Türen, sind bei Spielplatz-Einweihungen dabei.

Besonders Rathgeber, Herz und Hix nutzen die Sozialen Medien, um bekannter zu werden. Dabei hat Rathgeber den Nachteil, dass sie für viele im Kreis noch eine Unbekannte ist. Doch das versucht sie durch eine gute Vermarktung wettzumachen.

Lenze ist als "alter Hase" in der Kreispolitik und als Kreistagsvorsitzender noch am besten vernetzt. Für die SPD zu kandidieren, ist im Kreis aber längst kein Selbstläufer mehr. Es ist unwahrscheinlich, dass einer der vier auf Anhieb die absolute Mehrheit bekommt. Es wird wohl eine Stichwahl nötig sein. Da es zwischen den Kandidaten große Gemeinsamkeiten und kaum Streitpunkte gibt, kommt es auch sehr auf ihre jeweilige Persönlichkeit an.  

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