Das Foto zeigt Kerzen, Blumen und Trauerworte vor der Tür.
Trauer um Walter Lübcke vor dem Regierungspräsidium in Kassel. Bild © picture-alliance/dpa

Nach seinem gewaltsamen Tod wird der Kasseler Regierungspräsident Lübcke allseits für seine politische Arbeit gelobt. Manche sahen in ihm den Mini-Ministerpräsidenten von Nordhessen. Seine klare Haltung brachte ihm auch Gegner aus dem rechten Milieu ein.

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Walter Lübcke starb im Alter von 65 Jahren.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Regierungspräsident Lübcke wurde aus nächster Nähe erschossen

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Der 65 Jahre alte CDU-Politiker Lübcke war in der Nacht zum Sonntag mit einer Schusswunde auf der Terrasse seines Wohnhauses in dem Dorf Wolfhagen-Istha (Kassel) gefunden worden. Die Ermittler suchen jetzt mit einer 20-köpfigen Sonderkommission nach dem Täter, zum Motiv gibt es noch keine Erkenntnisse. In den Medien und im Internet wird umso eifriger über mögliche Motive für die Tat spekuliert - zum Beispiel über einen rechtsradikalen Hintergrund.

Denn Lübcke nahm kein Blatt vor den Mund und hatte zu vielen Themen eine klare Haltung. Er war kein Beamtentyp, ganz im Gegenteil. Der Vater von zwei Söhnen galt als sehr bürgernah, bodenständig und offen.

Auf einer Bürgerversammlung in Lohfelden im Jahr 2015 sagte der langjährige Kasseler Regierungspräsident, man müsse Flüchtlinge aufnehmen. Er begründete das mit christlichen Werten wie Hilfsbereitschaft. Jedem, dem das nicht passe, stehe es frei, Deutschland zu verlassen, sagte Lübcke. Diese Haltung brachte ihm auch Feinde ein. Er erhielt im Anschluss an die Versammlung im Internet und per Post etliche Drohbriefe und Todesdrohungen. Lübcke bekam sogar zeitweise Polizeischutz.

Rechte verspotten Lübcke nach seinem Tod

Nach Bekanntwerden des Todes von Lübcke tauchten auf sozialen Medien Hasskommentare auf, unter anderem von Rechtsextremen. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte, dass die Ermittler Kommentare über soziale Medien gegebenenfalls "auf strafrechtliche Relevanz überprüfen werden".

Vor Lübckes Tod gab es laut den Ermittlern keine konkreten Drohungen gegen den Regierungspräsidenten. "Es gibt im Moment keine Hinweise auf einen rechtsradikalen Hintergrund", sagte die Präsidentin des Landeskriminalamtes, Sabine Thurau, bei einer Pressekonferenz am Montag.

Nicht nur die Flüchtlingsfrage mit ihrem Höhepunkt im Herbst 2015 rief Gegner auf den Plan. Auch die Energiewende, die Lübcke vorantreiben wollte, sorgte bei manchen für Kritik. Es ist Aufgabe des Regierungspräsidiums, wenn irgendwo ein Windrad gebaut werden soll, die Genehmigung dafür zu erteilen. Das rief in Nord- und Osthessen immer wieder Anwohner auf den Plan. Diese protestierten zum Teil lautstark und wütend gegen den Bau neuer Windräder. Solche Konflikte gab es in Lübckes Amtszeit immer wieder.

Umstrittene Genehmigungsverfahren

Das Regierungspräsidium war unter seiner Leitung an einigen umstrittenen Genehmigungsverfahren beteiligt. Dazu gehörten nicht nur Windkraftanlagen im Reinhardswald (Kassel), sondern auch die Planung einer Pipeline für Salzabwässer von Ost- nach Nordhessen durch den Salz- und Düngerproduzenten K+S, die Genehmigung der Ableitung von Salzabwässern in die Werra sowie der Ausbau des Regionalflughafens Kassel-Calden.

Und doch war Lübcke in Nord- und Osthessen insgesamt sehr beliebt. Er war so etwas wie ein Mini-Ministerpräsident und mit zehn Jahren Amtszeit ungewöhnlich lange als Regierungspräsident im Amt. Lübcke war verheiratet und hatte zwei Söhne. Im vergangenen Jahr wurde Lübckes Enkelsohn geboren.

Sendung: hr-iNFO, 04.06.2019, 6:00Uhr