Ein Mensch erhält eine Impfspritze in den Obenarm

Acht Millionen Anti-Corona-Spritzen für vier Millionen Hessen: Die Landesregierung hat ihre Strategie für die geplante Massenimpfung vorgestellt. Schon Mitte Dezember soll es losgehen können. Aber noch ist vieles zu klären.

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hessenschau vom 23.11.2020
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Zwei Impfstoffe gegen Corona wohl kurz vor der Zulassung, weitere in Sicht: In dieser Lage hat die Landesregierung am Montag ihre bisherigen Pläne für eine Massenimpfung in Hessen vorgestellt. Ziel der Strategie ist es, wie von hessenschau.de bereits berichtet, knapp vier der insgesamt gut sechs Millionen Einwohner zu impfen, um Herdenimmunität zu erreichen.

"Noch nie in unserem Land hat es so etwas gegeben", sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) in der Staatskanzlei zu der historisch einmaligen Dimension der Aufgabe. Und noch stehe der genaue Zeitpunkt einer Impfstoff-Zulassung nicht fest. Im Dezember wird damit gerechnet. Das Land werde trotz vieler Unwägbarkeiten aber gut und sorgfältig vorbereitet sein, versicherte Bouffier: "Und wir werden es auch schaffen.“

Folgende Eckpunkte der Strategie, mit der die "gigantische Aufgabe" gelöst werden soll, nannten der Regierungschef und seine zuständigen Minister Peter Beuth (Inneres, CDU) und Kai Klose (Gesundheit, Grüne):

Wie viele Menschen sollen geimpft werden?

Um Herdenimmunität zu erreichen, wird eine Impfquote von 60 bis 70 Prozent angestrebt. Das macht in Hessen knapp vier Millionen Menschen. Die Landesregierung geht davon aus, dass soviele Menschen auch geimpft werden wollen. Wegen der nötigen doppelten Gabe des Impfstoffs werden also etwa acht Millionen Impfstoffdosen benötigt und ebenso viele Impftermine.

Angesichts der Produktionskapazitäten und der weltweiten Nachfrage werden die Hersteller diese für Hessen benötigte Menge erst nach und nach liefern können.

Wie ist der Zeitplan?

Die eigens dazu eingerichtete hessische Impf-Task-Force plant mit den Kommunen, die landesweiten Impfungen am 15. Dezember starten zu können. 30.000 Impfungen pro Tag sollen möglich sein. Läuft alles nach Plan, könnte die größte Impfaktion der hessischen Geschichte nach acht bis neun Monaten beendet sein - und mit ihr der Corona-Spuk.

Bis man "Stück für Stück" wieder im normalen Leben angekommen sei, werde es noch dauern, mahnte Bouffier - und signalisierte für Mittwoch eine Verlängerung des aktuellen Teil-Lockdowns beim Corona-Gipfel von Bund und Ländern.

Wo wird geimpft?

Möglichst wohnortnah, in mindestens 26 stationären Impfzentren an sieben Tagen die Woche von 7 bis 22 Uhr. Denn jeder der 21 Landkreise und jede der fünf kreisfreien Städte soll ein Impfzentrum haben. Da ein einziges Zentrum für große Städte zu wenig sein könnte, plant die Corona-Task-Force "idealtypisch" mit insgesamt 30 Stationen. Ob Bürgerhaus oder Messehalle: Die Auswahl bleibt den lokal Verantwortlichen überlassen, Hauptsache um die 1.000 Impfungen täglich sind machbar.

Hinzu kommt eine noch unbekannte Zahl mobiler Impfstationen für Menschen wie Ältere oder Schwerkranke, die nicht zu einem Impfzentrum kommen oder gebracht werden können.

Wer kommt zuerst an die Reihe?

Das Land will, wie auch der Bund, einer noch festzulegenden Priorisierung nach medizinischen, ethischen und rechtlichen Prinzipien folgen. Ein gemeinsames Positionspapier haben die Ständige Impfkommission, der Deutsche Ethikrat und die Leopoldina-Akademie vorgelegt. Hochrisikogruppen und medizinisches Personal werden Vorrang erhalten, unterstrich Gesundheitsminister Klose. Dann würden bestimmte Berufsgruppen wie Feuerwehrleute, Polizisten, Lehrer und Kita-Mitarbeiter folgen.

Von welchem Alter an Kindern und Jugendlichen Impfungen angeboten werden könnten, ist laut Klose wegen ausstehender Zulassungen noch unklar.

Wer muss zur Impfung?

"Niemand wird gezwungen", versicherte Regierungschef Bouffier. Er respektiere es als "höchstpersönliche Entscheidung" auch, wenn jemand die Impfung ablehne. Jeder Skeptiker möge seine Haltung aber noch einmal überdenken, zumal es nicht nur um die eigene Gesundheit gehe. "Ich glaube, dass wir vielen Menschen dadurch Gutes tun können."

Wie erfährt man, wann man drankommt?

Jeder Impfwillige braucht zwei Termine - im Falle des zurzeit favorisierten Biontech-Impfstoffs mit drei Wochen Abstand. Die Termine sollen weitgehend automatisch vergeben werden. Das soll über ein Einladungsverfahren laufen, man würde also angeschrieben. Individuelle Vereinbarungen sollen aber auch möglich sein.

Was kostet das?

Allein zur Vorbereitung der großangelegten Impfaktion hat das Land bisher 20 Millionen Euro aus dem Sondervermögen bereitgestellt. Die Aktion wird am Ende ein Mehrfaches kosten, genaue Summen sind noch unbekannt. Für die Geimpften ist der Coronaschutz aber gratis. Eingekauft wird der Impfstoff vom Bund.

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Wie soll der Impftermin ablaufen?

Ein bisschen wie beim Blutspenden. Jedes Impfzentrum wird nach dem gleichen Muster mit verschiedenen Stationen aufgebaut sein: Anmeldung und Aufnahme, ein Platz für die vorgeschriebene Beratung durch den Arzt, der Raum fürs Gespritzt-Werden und ein Ort, an dem man noch etwas zur Beobachtung bleiben kann.

Und die vielen Unwägbarkeiten und Hürden?

Es sind so viele und so wichtige, dass Bouffier die Vorstellung der Strategie damit begann, um Verständnis zu werben: "Wir können nicht zaubern." Es werde nicht alles nach Plan laufen und auch noch Veränderungen geben müssen. Schon die schiere Menge an zu Impfenden wirft bei jedem Schritt immense Probleme auf. Drei Beispiele.

  • Auswahl und Terminvergabe: Technisch verwies Beuth auf reichlich Erfahrungen der Behörden mit Wahlen und den dazugehörigen Benachrichtigungen. Bei Priorisierung und Terminen geht es aber um sehr viel mehr Daten – auch medizinisch sensible über Vorerkrankungen. Deshalb sei auch der Datenschutzbeauftragte in die Vorbereitungen eingeschaltet. Unklar ist auch, wo wie bewertet wird, wer als Risikopatient Vorrang hat. Bouffier brachte auf Nachfrage eine Bescheinigung des Hausarztes ins Spiel, ohne sich festzulegen.
  • Personal: Bundeswehr, Feuerwehren, Technisches Hilfswerk, u.a.: Zur Abwicklung soll auch der Katastrophenschutz mobilisiert werden. Bei der Suche nach genug medizinischem Personal mit Hilfe von Rotem Kreuz oder Landesärztekammer ist der Druck am größten - vor allem bei Ärzten. Impfen dürfen auch andere, aber nur ihnen sind die vorgeschriebenen Beratungsgespräche erlaubt. Man sei stark auf die freiwillige Hilfe tausender niedergelassener Ärzte angewiesen, sagte Bouffier. Auch Betriebsärzte und Mediziner im Ruhestand werden umworben.
  • Kühlkette: Pflaster, Spritzen, Schutzausrüstung - darum kümmert sich das Land. Vor allem die Impfstoff-Verteilung hat es in sich: Minus 70 Grad braucht der Biontech-Impfstoff, fünf Tage bis zur Impfung hält er laut Hersteller im Kühlschrank. "Das ist mit den gängigen Kühlmethoden nicht machbar", sagt Innenminister Beuth über Verteilung und Lagerung. Auch hier heißt es: Man sei zuversichtlich, dass dieses Problem rechtzeitig gelöst werde.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 23.11.2020, 19.30 Uhr