Gestapelte Teller, abgedeckte Regale: Gastronomie gibt es im Lockdown nur zum Mitnehmen.

Hessen versucht, ein wenig öffentliches Leben unter Pandemiebedingungen zuzulassen. Dass die Leute eher die Defizite sehen, liegt am Handeln der Politiker: Sie halten ihre Ankündigungen nicht ein.

Wer es gut mit der Landesregierung meint, kann nach den jüngsten Beschlüssen zum Ergebnis kommen: Sie macht ihre Corona-Politik nicht allein an der Inzidenz fest. Sie versucht, unter Pandemiebedingungen ein wenig öffentliches Leben zuzulassen. Sie ermöglicht kleine Fluchten aus dem Lockdown - Kinder unter 14 dürfen in Gruppen trainieren, Familien können sich weiter in Zoos ablenken, Treffen zu fünft unter freiem Himmel bleiben okay, selbst die Fitnessstudios müssen nach drei Wochen nicht wieder schließen, obwohl man sich auch draußen fit halten kann.

Ministerpräsident Bouffier beteuerte, dass die verordneten fünf Tage "Osterruhe" die dritte Welle brechen könnten. Nach einem besonders potenten Mittel klingt das nicht. Er selbst klang auch nicht sehr überzeugt davon, und Expertinnen wie die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek widersprachen sogleich.

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Portrait von Stephan Loichinger. Daneben steht "Meinung".

Stephan Loichinger
hessenschau.de-Redakteur

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Dass eine nur fünftägige Unterbrechung des öffentlichen Lebens die dritte Welle brechen könnte, von der doch Experten und Politiker annehmen, sie werde größer als die vorherigen, leuchtet nicht ein. Dazu provoziert die Landesregierung noch längere vorösterliche Staus in und vor Supermärkten, indem sie Gründonnerstag und/oder Karsamstag vielleicht als Einkaufstag streicht. Auch die Notbremse zieht sie nur insofern, dass sie Museen wieder dichtmacht und "Click and Meet" in Läden kassiert. Sonst gibt es keine Verschärfung. Die Betroffenen empfinden das zu Recht als unfair. Nachvollziehbar begründet wird es nicht.

Impfstoff wird zusätzlich verknappt

Hessen und Deutschland stehen dank des Gesundheitssystems im internationalen Vergleich gar nicht schlecht da, was die Zahl der Infizierten und der Toten im Zusammenhang mit Covid-19 angeht. Aber die Menschen sehen eher die Defizite. Das Land reduziert auch nach Monaten die knappe Menge an Impfstoff zusätzlich, indem es die Dosen für die zweite Spritze zurückhält statt mehr Leute erstzuimpfen und damit schon in einem hohen Maß zu schützen. Der Lockdown für die Kulturszene und die Gastronomie ist total und bringt Einzelhändler an den Rand des Ruins, während es für andere Wirtschaftsbranchen keine Homeoffice-Pflicht und nicht einmal eine umfassende Maskenpflicht in Büros gibt.

Daher meinen es immer weniger Menschen gut mit der Landesregierung. "Die Leute haben die Schnauze voll", sagte Bouffier selbst vor wenigen Wochen. Das liegt eben auch am Handeln der politisch Verantwortlichen.

Dass die britische Variante des Coronavirus sich gerade jetzt ausbreitet, ist bitter - umso bitterer, weil sie das Land gefährlich unvorbereitet trifft. Und das nach einem Jahr Pandemie. Wieder und wieder haben Politikerinnen und Politiker konsequente und häufige Tests an Schulen und eine beschleunigte Impfkampagne angekündigt. Doch irgendwo hakt es dann immer, während es in anderen Ländern funktioniert. Vertrauen in wiederholte Ankündigungen, die ebenso oft nicht umgesetzt werden, nutzt sich schnell ab.

Eine unsichere Wette gegen das Virus

Die hessische Strategie, etwas öffentliches Leben in der Pandemie zuzulassen, funktioniert nur mit vielen Tests und raschen Impfungen, um Infizierte schneller zu isolieren und Ansteckungen möglichst zu verhindern - andernfalls wird die Strategie zu einer unsicheren Wette darauf, endlich schneller zu sein, als sich das Virus ausbreitet.