Drei Ärzte stehen um ein Krankenbett einer Intensivstation.

Harter Job, wenig Geld: Viele Pflegefachkräfte waren auch schon vor Corona am Limit. Zwar sollte es für sie nun einen Bonus geben. Aber dessen Verteilung finden viele ungerecht.

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hessenschau von 16:45 Uhr
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Mark Müller arbeitet als Pfleger am Uniklinikum Gießen-Marburg (UKGM). Während der ersten Corona-Welle hat er sich am Standort Marburg auch um Covid-19-Patienten mit sehr schwerem Krankheitsverlauf gekümmert. "Im Sommer mussten wir uns teilweise bei 40 Grad im Zimmer stundenlang mit Atemschutzmaske um die Patienten kümmern. Das zehrt an der Substanz", berichtet er.

Das UKGM ist eine von sechs hessischen Schwerpunkt-Kliniken für Corona, die sich um besonders schwere Fälle kümmern sollen. Mark Müller und seine Kollegen werden trotzdem keinen Bonus bekommen. Das liegt daran, wie das Geld verteilt wird.

Wie die Prämie verteilt wird

Der Bund hat für ganz Deutschland 100 Millionen Euro bereitgestellt. Die Länder können das Geld nochmal aufstocken. Dadurch gibt es für die Pflegekräfte in Hessen rund neun Millionen Euro vom Staat. Das reicht aber nicht, um allen die 1.500 Euro Einmalbonus zu zahlen.

Also braucht es einen Verteilungsschlüssel. Der sieht so aus: Große Kliniken mit mehr als 500 Betten müssen zwischen 1. Januar und 31. Mai mindestens 50 Corona-Patienten stationär behandelt und entlassen haben. Bei kleineren Häusern sind es 20 Corona-Patienten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ärger über Corona-Prämie fürs Pflegepersonal

Portraint Mark Müller
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Das Problem dabei: Es wird nicht gewertet, ob die Kliniken sich um besonders schwere Fälle gekümmert haben. Genau das war aber an den Schwerpunktkliniken wie Fulda und dem UKGM der Fall. Sie hatten die besonders pflegeintensiven Langzeitpatienten auf ihren Stationen, während die weniger schweren Fälle auf die restlichen Krankenhäuser verteilt wurden.

Kritik am Verteilungsschlüssel

Konkret heißt das: Obwohl am UKGM-Standort in Marburg genau 50 Covid-19-Patienten versorgt worden sind, gehen die Beschäftigten leer aus, weil einige erst nach dem 31. Mai entlassen wurden..

Bei den Lahn-Dill-Kliniken Wetzlar-Braunfels in direkter Nachbarschaft gibt es den Bonus dagegen, denn hier konnten 62 Patienten rechtzeitig entlassen werden. Ähnlich sieht das zum Beispiel am Sana Klinikum Offenbach (62 Fälle) und am Klinikum Darmstadt (72 Fälle) aus.

Fabian Dzewas-Rehm

Dass einige der Pflegekräfte, die sich um besonders schwere Fälle gekümmert haben, leer ausgehen, ist "moralisch in keinster Weise zu rechtfertigen", sagt Fabian Dzewas-Rehm, Gewerkschafter bei Verdi und zuständig für das UKGM.

Im April waren Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Ministerpräsident Volker Bouffier (beide CDU) und weitere Politiker noch an der Uniklinik in Gießen zu Besuch. Alles, was davon bleibe, so findet der Gewerkschafter: "Dass sie vor der Station nett gewunken haben und interessiert waren, aber für die Beschäftigten kam nichts dabei rüber."

Landesregierung hilft nicht aus

Auch die Landesregierung hilft nicht aus. Ihr Geld wird ebenfalls nach dem oben genannten Schlüssel verteilt. Das ginge aber auch anders. Im Saarland springt die Landesregierung ein. Sie zahlt den Beschäftigten des Uniklinikums in Homburg die Prämie, weil es nach dem eigentlichen Verteilungsschlüssel leer ausgehen würde.

Pfleger Mark Müller in Marburg ist einfach nur enttäuscht und wütend, dass seine Kollegen und er nichts bekommen. Der 25-Jährige hat beschlossen, aus der Pflege auszusteigen und studiert jetzt Medizin. Viele seiner Kollegen denken auch darüber nach aufzuhören, wie er sagt: "Die Pflege ist ein schöner Beruf, aber die Rahmenbedingungen machen das irgendwann nicht mehr erträglich."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 16.11.2020, 16.45 Uhr