Unternehmer und Kandidat: Andreas Ritzenhoff
Unternehmer und Kandidat: Andreas Ritzenhoff Bild © picture-alliance/dpa

"Selbstdarsteller", "Zwergenaufstand": Solche Häme prallt am Marburger Unternehmer Ritzenhoff ab, der am Freitag für die Merkel-Nachfolge an der CDU-Spitze kandidiert. Im Interview sagt er, warum er das jetzt durchziehen will - und was ihn in letzter Sekunde noch bremsen könnte.

"Unternehmer und Kandidat für den CDU-Bundesvorsitz 2018" steht unter der Antwort-Mail von Andreas Ritzenhoff. Mag sich auch alles darum drehen, dass Wolfgang Schäuble jetzt Friedrich Merz als Merkel-Nachfolger vorgeschlagen hat und Peter Altmeier mit einer Empfehlung für Annegret Kramp-Karrenbauer kontert: Wenn es sonst keiner vernehmlich tut, macht sich der 61 Jahre alte Marburger vor dem Bundesparteitag der CDU eben für sich selbst stark.

Kneifen gilt jedenfalls nicht. Seit Donnerstag ist der promovierte Mediziner Ritzenhoff in Hamburg. Dort will er sich einen Tag später tatsächlich als Polit-Nobody zur Wahl um den Bundesvorsitz einer Partei stellen, in die er erst im Frühjahr eingetreten ist.

hessenschau.de: Herr Ritzenhoff, jetzt wird es ernst. Fragen Sie sich inzwischen manchmal selbst: Was hat mich da nur geritten?

Ritzenhoff: Ich weiß ziemlich genau, was mich geritten hat: die Zukunft unseres Landes. Viele Menschen haben das Gefühl, dass es abwärts geht. Die Sicherheit im Lande, Sorge vor Überfremdung, an vielen Stellen sind wir nicht mehr vorne. Ich will, dass es wieder aufwärts geht.

hessenschau.de: 700 Mitarbeiter, 80 Millionen Euro Jahresumsatz mit Kunden wie Chanel oder Hugo Boss. Sie können kalkulieren. Wie viele der 1.001 Delegiertenstimmen brauchen Sie, um Ihre an sich aussichtslose Kandidatur als Erfolg zu verbuchen?

Ritzenhoff: Einen Erfolg verbuche ich, wenn sich etwas ändert, wenn zum Beispiel der UN-Migrationspakt nachverhandelt wird. Er ist handwerklich schlecht ausgearbeitet, birgt das Risiko der Massenmigration in unsere Sozialsysteme und spaltet Europa, weil viele Europäer ihn ablehnen und einige Länder nicht unterschreiben werden.

hessenschau.de: So eine gewagte Tour kann einem Geschäftsmann aber auch schaden. Wie haben Mitarbeiter und Geschäftspartner bisher reagiert? 

Ritzenhoff: Durchweg positiv, sie unterstützen meine Initiative. Sie meinen auch, dass sich etwas ändern muss. Viele meiner Mitarbeiter finden es wie ich nicht in Ordnung, dass wir illegale Migration über das Asylgesetz zulassen. 

hessenschau.de: Die Hessen-CDU belächelt sie bloß. Ihr Parteifreund Thomas Schäfer, der Finanzminister, hat sie als naiver Selbstinszenierer und Möchtegern-Parteiretter geradezu abgewatscht.

Ritzenhoff: Herrn Schäfers Bemerkungen sagen viel mehr über ihn selbst als über mich. 

hessenschau.de: Kam auch Ermutigung? Die CDU feiert sich doch gerade für neu gewonnene innerparteiliche Demokratie. 

Ritzenhoff: Die CDU ist tatsächlich im Aufbruch, es wird wieder diskutiert. Die Zustimmung für mich ist überwältigend. Besonders aus der Bevölkerung. Aber auch von vielen CDU-Mitgliedern. Bitte durchhalten, schreiben viele. 

hessenschau.de: Aber werden Sie überhaupt zur Wahl zugelassen? Da sie von keinem CDU-Verband nominiert worden sind, müsste ein Delegierter Sie auf dem Parteitag erst förmlich vorschlagen.

Ritzenhoff: Nachdem ich schon mehrere Zusagen hatte, spüre ich inzwischen schon eine gewisse Unsicherheit. Manche Delegierte befürchten Nachteile für sich, falls sie mich vorschlagen. Aber ich bin da ganz gelassen. Meine Kandidatur steht.

hessenschau.de: Auf den Regionalkonferenzen fanden Sie jedenfalls nur als Besucher statt, der aus dem Publikum Fragen stellt und vor den Hallen Flyer verteilt.

Ritzenhoff: Ein fairer Wettbewerb ist das nicht. Das haben viele Gesprächspartner kritisiert. Zusammen mit meiner Partnerin habe ich alle acht Regionalkonferenzen besucht, viele Gespräche geführt und rund 5.000 Flugblätter verteilt. CDU-Intensivkursus sozusagen, eine Erfahrung, die uns bereichert hat. Wir waren erstaunt über die Offenheit und Zustimmung.

hessenschau.de: Falls Ihre Kandidatur zugelassen wird, dürfen Sie immerhin eine Bewerbungsrede vor den Delegierten in Hamburg halten. Womit wollen Sie gegen Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn punkten?

Ritzenhoff:  Ich werde einfach sagen, was mir wichtig ist. Zum Beispiel, dass wir endlich die ausgestreckte Hand von Präsident Emmanuel Macron ergreifen und zusammen daran arbeiten, dass Europa eine souveräne Nation wird. Nur so sichern wir Frieden, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Den Ausverkauf von Firmen, Wohnungen oder Grundflächen an Chinesen und andere ausländische Investoren müssen wir bremsen. Im Klimaschutz müssen wir viel mehr machen. Auch die Tierquälerei muss sofort gestoppt werden. Das kann eine christliche Partei nicht zulassen. Deutschland muss wieder Qualitätsland werden: kurze Reparaturzeiten an Autobahnen, pünktliche Züge, flächendeckendes Mobilnetz und Internet, gute Wartung der Kanzlermaschine.

hessenschau.de: Steigen Sie nach der Abstimmung wieder aus der Politik aus?

Ritzenhoff: Die Themen sind so wichtig und groß, dass wir sie alleine nicht lösen können. Ich habe so viel Zuspruch und Angebote erhalten, mitzumachen. Vielleicht wird daraus eine Bewegung.

hessenschau.de: Und die wichtigste Lehre, die Sie aus Ihrem Ausflug in die große Politik gezogen haben?

Ritzenhoff: Es muss sich noch viel mehr verändern, als ich vorher dachte.

Das Gespräch führte Wolfgang Türk.