Wahlkampf mal ganz anders: Die fünf Kandidaten der Landratswahl im Kreis Marburg-Biedenkopf haben sich den Fragen von Menschen mit Behinderung gestellt. Wer sich zu kompliziert ausdrückte, bekam die Rote Karte zu sehen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wahl-Arena in Marburg: Es geht um Barrierefreiheit, leichte Sprache und Inklusion

Besucher der Wahlarena der Lebenshilfe Marburg-Biedenkopf in der Stadthalle
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Im Kreis Marburg-Biedenkopf ist am Sonntag Landratswahl. Und da jagt eine Wahlkampfveranstaltung die nächste. Zu einer Wahl-Arena der anderen Art hatte am Dienstagabend das Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf in die Marburger Stadthalle eingeladen. Die fünf Landratskandidaten stellten sich Fragen von Menschen mit Behinderungen. Die Fragen wurden zum Teil schon im Vorfeld vom Projekt "Wir sprechen mit" gesammelt.

Broschüren sollen einfacher formuliert werden

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Die Landratskandidaten

Bei der Landratswahl im Kreis Marburg-Biedenkopf kandidieren: Amtsinhaberin Kirsten Fründt (SPD), Uwe Pöppler (CDU), Hans-Werner Seitz (Grüne) sowie Anna Hofmann (Linke) und Thomas Riedel (FDP).

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Ein Teilnehmer wollte etwa wissen, wie die Kandidaten dafür sorgen wollen, dass es mehr Informationen in verstehbarer und einfacher Sprache gibt. "Möchten Sie in Zukunft Nachrichten aus dem Landkreis in leichter Sprache anbieten und alle Unterlagen und Broschüren entsprechend anpassen?", fragte stellvertretend für ihn die Frauenbeauftragte der Hinterländer Werkstätten, Jennifer Schmidt.

Landrätin: Es mangelt an Zeit und Mitarbeitern

Hier meldeten sich gleich mehrere Kandidaten zu Wort. Die amtierende Landrätin Kirsten Fründt von der SPD erklärte, dass einige Broschüren und Teile der Homepage bereits in leichter Sprache formuliert seien. Das Problem: Zeit und Mitarbeiter, die sich darum kümmern, Formulare und Beschilderungen umzuformulieren. "Unsere Kapazitäten sind hier einfach begrenzt und wir können es nur Stück für Stück verändern", erklärte sie.

FDP-Kandidat Thomas Riedel entgegnete, dass das nicht nur ein Thema für Menschen mit Behinderung sei: "Ich würde generell solche Antragsformulare vereinfachen. Die sind oft so kompliziert und im Behördensprech formuliert, dass auch Menschen, die Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld beantragen wollen, scheiterten."

Rote Karte vom Publikum

Leichte Sprache stand auch bei der Wahl-Veranstaltung selbst immer wieder im Mittelpunkt. So sollten die Kandidaten – vermutlich anders als gewohnt -möglichst langsam, ohne Schachtelsätze und mit einfachen Worten auf die Fragen des Publikums antworten. Und falls das nicht gelang, konnten die Zuschauer eine rote Karte mit der Aufschrift "Halt! Leichte Sprache" hochhalten.  

Rote Karte der Lebenshilfe Hessen zur Benutzung der leichten Sprache

Die amtierende Landrätin Fründt räumte ein, "dass es eine große Herausforderung ist, barrierefrei zu denken und auch zu handeln". So habe es schon einige Podiumsdiskussionen gegeben, bei denen die Kandidaten oder auch die Veranstalter verschiedene Dinge nicht auf dem Schirm hatten. Zum Beispiel, wenn kein Gebärdendolmetscher da war oder die Politiker mal wieder zu schnell redeten.

Teilnehmer fordern Barrierefreiheit

Das Thema Barrierfreiheit kam immer wieder zur Sprache, etwa bei der Mobilität. So wurde gefordert, dass es in Omnibussen mehr als einen Platz für Rollstuhlfahrer geben sollte. Ein Mann wollte wissen, ob der Kreis Marburg-Biedenkopf Zuschüsse für Taxen zahlen würde, wenn behinderten Menschen Mehrkosten entstehen, weil sie öffentliche Verkehrsmittel nicht nutzen können.

In Bezug auf diese Frage kritisierte Linken-Kandidatin Anna Hofmann: "Man hat hier auf die billigsten Modelle im ÖPNV gesetzt." Besser wäre es gewesen, langfristig zu denken und zu schauen, wie auf solche Bedarfe eingegangen werden kann - zum Beispiel durch eine spezielle Technik in Bussen, die Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen einen einfachen Einstieg ermöglichten.

Wie hoch ist der Bedarf an Schulassistenzen?

Auch der Bereich Inklusion spielte in der Fragerunde eine wichtige Rolle, etwa bei Schulassistenzen für behinderte Kinder. "Wie kann der Kreis sicherstellen, dass es für jedes einzelne Krankheitsbild einen Experten gibt, der beurteilen kann, ob ein Schüler mit Behinderungen eine Assistenz braucht oder nicht?", fragte ein Mann aus dem Publikum und: "Warum werden die Assistenzen oft nur für ein halbes Jahr vergeben?"

Befriedigende Antworten gab es bei diesem Punkt vermutlich nicht. Der CDU-Kandidat Uwe Pöppler, der im Kreisamt für genau diesen Bereich zuständig ist (Jugend, Soziales) verwies darauf, dass jeder Fall genau geprüft werden müsse und nicht immer eine Behinderung, sondern manchmal auch nur ein "Erziehungsdefizit" vorliege. Der Bedarf müsse außerdem immer wieder geprüft werden, da sich die motorischen und körperlichen Fähigkeiten der Kinder ja auch verbessere.

Hans-Werner Seitz, Kandidat für die Grünen und selbst Leiter einer Marburger Schule, formulierte ebenfalls den Wunsch, Pädagogen noch besser auszubilden und genügend Personal zur Verfügung zu stellen, damit Inklusion auch gelingen könne.

Für alle eine neue Erfahrung

Für Sebastian Weber vom Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf war der Abend ein voller Erfolg. Solche Veranstaltungen seien grundsätzlich sinnvoll, "auch für andere Wahlen". Jeder habe sich ein besseres Bild von den Kandidaten machen können. Der Experte für ambulantes und begleitetes Wohnen bei der Lebenshilfe Marburg-Biedenkopf wünscht sich, dass die Themen, für die sich Menschen mit Behinderungen interessieren, "irgendwann ganz normal dazu gehören, wie bei jeder anderen Podiumsveranstaltung auch."

Landratskandidaten Marburg-Biedenkopf auf der Lebenshilfe-Wahlarena

Auch die fünf Landratskandidaten fanden, dass der Abend etwas Besonderes war. Statt den Wählern die eigenen Themen in möglichst kurzer Zeit schmackhaft zu machen, mussten sie viel zuhören, langsamer sprechen und einfache Erklärungen liefern – eben barrierefrei.

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zum Video Fünf Kandidaten bei Landratsratswahl in Marburg-Biedenkopf

hs
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Sendung: hr4, 04.09.19, 16.30 Uhr