Noch-SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel am Dienstag in Wiesbaden
Noch-SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel am Dienstag in Wiesbaden Bild © picture-alliance/dpa

Zehn Jahre Oppositionsführer sind genug: SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel macht Schluss als Berufspolitiker. In Wiesbaden sprach er über die Gründe, seine Zukunft und seine Nachfolge.

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"Das ist ein guter Tag" – mit dieser Meldung hatte der eifrige Twitter-User Thorsten Schäfer-Gümbel den Morgen begonnen. Da wussten er und einige Eingeweihte, was er am Dienstagnachmittag in Wiesbaden offiziell verkünden würde: Der 49-Jährige steigt aus der Politik aus und legt neben dem Landtagtsmandat alle Spitzenämter in seiner Partei nieder.

In einer persönlichen Erklärung gab der Mann, der ein ganzes schwieriges Jahrzehnt lang die Geschicke der oppositionellen Hessen-SPD geleitet hatte, im Wiesbadener Landtag vor der Presse Auskunft: über seine Beweggründe, seine Pläne und wie es in der Partei ohne ihn weitergehen soll.

Warum?

"Alles hat seine Zeit", bemühte Schäfer-Gümbel, dessen Initialen TSG neben seiner Brille zum Markenzeichen geworden sind, zum Abschied die Bibel. Dass die bitter enttäuschende Landtagswahl vergangenen Oktober den Ausschlag gab, verbrämte er damit nicht. "Ich war bereit wie nie zuvor",  sagte der 49-Jährige. Weil es aber auch im dritten Anlauf nicht klappte und die SPD ihr schlechtestes Nachkriegsergebnis einfuhr, ist nun Schluss. Das habe er für den Fall der Fälle "bereits vor einem Jahr so entschieden".

Warum erst jetzt?

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Auf die Nachfrage regierte er kurz und ein wenig gereizt. Dass er noch Landes- und Fraktionschef geblieben ist, war laut Schäfer-Gümbel von Anfang an eine "Übergangslösung" und lag vor allem an den wochenlang unklaren Verhältnissen bei der Regierungsbildung im Herbst.

Ihm sei aber immer klar gewesen, dass aus dem Landtagswahlergebnis (19,8 Prozent, dritte Kraft hinter CDU und Grünen) eine personelle, organisatorische und inhaltliche Neuaufstellung "ohne mich" folgen müsse. Das habe er der SPD-Bundesvorsitzenden Andrea Nahles gleich nach der Niederlage gesagt.

Wie fällt die Bilanz aus?

Gemischt – und hinsichtlich der Rolle als Spitzenkandidat zwangsläufig unbefriedigend. Dreimal sei er als Spitzenkandidat angetreten, zweimal davon ernsthaft, sagte Schäfer-Gümbel. 2013, beim zweiten Anlauf, war das Ergebnis mit 30,7 Prozent respektabel. Geklappt hat es kein einziges Mal. Für die Schlappe 2018 wies der 49-Jährige zwar dem "Sturm aus Berlin" mit Fehlern der Bundespartei in der großen Koalition die eigentlich Schuld zu. "Am Ende ist aber der Spitzenkandidat immer für das Ergebnis verantwortlich."

Und was lief gut?

Die eigene Arbeit lobte Schäfer-Gümbel vor allem in seiner Funktion als Friedensstifter und Sanierer einer zerstrittenen und desolaten Hessen-SPD – ohne solche Worte zu wählen. Er sagte vielmehr: "In schwieriger Zeit habe ich den Neuaufbau vorangetrieben und ihn anerkanntermaßen erfolgreich geschafft." 2009 war er Landes- und Fraktionschef geworden: Die Partei lag gespalten am Boden, nachdem Schäfer-Gümbels Vorgängerin Andrea Ypsilanti am Widerstand in den eigenen Reihen damit gescheitert war, eine von der Linken geduldete rot-grüne Minderheitsregierung zu bilden.

Sprach er über eigene Fehler?

Im Nachhinein wäre er wohl lieber weniger duldsam und loyal mit der Bundespartei umgegangen, deren Vize-Vorsitzender er bis Dezember bleibt. Im Vorstand sei seine Meinung nicht immer mehrheitsfähig gewesen, auch wenn er nach außen loyal blieb. Vielleicht hätte er den Posten schon vor zwei Jahren niederlegen sollen, sinnierte der Gießener nun. Denn dann, so der Gedanke, hätte er sich im Hessen-Wahlkampf vom Negativ-Trend der Bundes-SPD vielleicht noch absetzen können. "Aber das ist rum."

Wie macht die Hessen-SPD weiter?

Die Fraktion wird laut Schäfer-Gümbel über den Vorsitz erst in der letzten September-Woche entscheiden – dann würde er noch mitwählen. Oder in der ersten Oktober-Woche – dann ohne ihn. Die Landespartei soll dann im November auf dem Parteitag in Baunatal (Kassel) einen neuen Chef wählen.

Kommende Woche berät der Vorstand der Hessen-SPD auf einer Sondersitzung die Lage. Der Noch-Amtsinhaber stellte klar: Er ist dafür, die Führung von Fraktion und Landespartei in einer Hand zu belassen. Und er selbst will "die notwenigen Entscheidungen" zur Erneuerung der Partei vorantreiben, auch die personellen.

Wer wird Nachfolger?

Namen nannte Schäfer-Gümbel nicht, bekannte aber: Er hat einen im Sinn. Entschieden werde das aber in ordentlichen Verfahren über die Gremien. Als seine Favoritin gilt Nancy Faeser, Vize-Fraktionschefin und Generalsekretärin der Landespartei. Der Kasseler Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels brachte am Wochenende aber auch den Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, ins Spiel.

Und was wird aus Schäfer-Gümbel?

Er wird mit Gewissheit Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Eschborn (Main-Taunus). Die staatliche Einrichtung organisiert in aller Welt Entwicklungs- und Bildungsarbeit. Als "äußerst reizvoll" und "Rückkehr zu meinem beruflichen Erstwunsch" bezeichnete Schäfer-Gümbel die neue Tätigkeit.

Schließlich habe er als Student der Agrarwissenschaft ursprünglich Entwicklungshelfer werden wollen. "Für mich ist das also kein Abschied vom Kampf für eine bessere Welt." Am 19. April entscheidet der GIZ-Aufsichtsrat, am 1. Oktober soll es losgehen. Dann wird Schäfer-Gümbel 50.