Das Uniklinikum Marburg liegt im Wald und für Radfahrer gibt es keinen brauchbaren Weg. Die Stadt diskutiert seit Jahren, wie sie die Klinik besser anbinden kann. Eine Lösung scheitert ausgerechnet am Umweltministerium.

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Ein Versuch, zwei, drei - keine Chance. Das Hinterrad dreht durch, das Vorderrad versinkt in einem Erdloch. Ulrich Schu seufzt, steigt ab und schiebt sein Fahrrad durch die vereiste Mondlandschaft, die ein Waldweg sein soll, den Berg hinauf. Oben steht das Marburger Uniklinikum. Schu ist leitender Oberarzt, dies ist sein Weg zur Arbeit.

Schu ist einer von schätzungsweise 10.000 Menschen, die Tag für Tag zum Klinikum auf den Lahnbergen wollen. Wie die anderen leidet Schu darunter, wie schlecht das Klinikum an die Marburger Kernstadt angebunden ist, vielleicht sogar ein bisschen mehr. Denn Schu will nicht mit dem Auto fahren und auch nicht mit dem Bus, sondern mit dem Rad. Und das ist besonders knifflig.

2,5 Kilometer Luftlinie

Ulrich Schu mit Fahrrad auf dem Waldweg.
Ulrich Schu auf dem Waldweg zum Uni-Klinikum. Im Winter eine vereiste Mondlandschaft, bei Regen völlig durchweicht. Bild © hessenschau.de

Gerade einmal 2,5 Kilometer Luftlinie und 160 Höhenmeter trennen die Kernstadt vom Uniklinikum auf den Lahnbergen. Aber dazwischen liegen viele Hindernisse: Autofahrer finden oben häufig nur schwer einen Parkplatz, die Busse fahren seit Dezember zum Leidwesen vieler Marburger in einem ausgedünnten Takt - und stehen oben häufig im Parkplatz-Stau.

Immerhin: Die Busse sollen ab Ende Februar in Spitzenzeiten wieder im alten Viertelstunden-Takt fahren, teilen die Stadtwerke Marburg mit. Außerdem hat die Klinik vor kurzem ein Konzept vorgestellt, wie sie die Zahl der Parkplätze erhöhen und den Verkehr in den Griff bekommen will.

Ziel: Ein sicherer Radweg

Radfahrer dagegen können entweder einen Umweg über eine stark befahrene, vierspurige Straße radeln. Der ist gefährlich: An mehreren Stellen müssen Autos, Busse und Lkw den baulich nicht abgetrennten Fahrradweg kreuzen oder die Radfahrer bei hohen Geschwindigkeiten überholen. Die Alternative ist die kürzere Route durch den Wald. Sie ist nicht ausgeschildert, nicht beleuchtet, nicht befestigt. Daher kann sie nicht geräumt werden und ist im Winter und nach starkem Regen stellenweise kaum befahrbar.

Grafik zu den Radwegen auf die Marburger Lahnberge
Gelb: Der Weg, für den Ulrich Schu kämpft. Lila: Der bestehende Radweg über die vierspurige Straße. Bild © Grafik: hessenschau.de

Seit 1991 ärgere er sich darüber, berichtet Ulrich Schu. Eines Abends im vergangenen Winter reichte es ihm dann: Es hatte geschneit, der Schnee gefror, es war dunkel, und Schu wusste nicht, wie er noch von den Bergen runter in die Stadt kommen sollte. "Da dachte ich mir: Das hast Du nicht nötig", sagt er. Schu startete die "Fahrradinitiative Lahnberge". Seither kämpft er für einen sicheren, befestigten und nachts beleuchteten Radweg durch den Wald.

Förster: "Asphalt nicht im Wald"

Von Stadtverwaltung und Stadtpolitikern hat Schu positive Signale bekommen. Die Stadt teilt mit, sie setze sich "seit Längerem mit Nachdruck für eine Fahrradverbindung durch den Wald" ein. "Er hat offene Scheunentore bei uns eingerannt", sagt die Marburger Landtagsabgeordnete und Grünen-Landeschefin Angela Dorn.

Doch das Uniklinikum steht mitten im hessischen Staatswald, den Hessen Forst bewirtschaftet. Dort hält man von Schus Idee wenig. Zwar blieb die Behörde die Antwort auf eine hessenschau.de-Anfrage bislang schuldig. Schu berichtet aber, Förster hätten ihm schon gesagt, dass "Asphalt nicht in den Wald gehöre" und er, wenn ihm die Radwege nicht passten, eben zu Fuß gehen solle.

Ulrich Schu vor dem Waldweg.
Hier geht's los: Abfahrt vom Uniklinikum in Richtung Marburg. Weil es sich um einen Privatweg handelt, sucht man vergeblich nach Schildern. Bild © hessenschau.de

Alle Marburger Landtagsabgeordneten - Dorn, Handan Özgüven (SPD) und Jan Schalauske (Linke) - haben bereits die Landesregierung gefragt, wie es mit dem Radweg aussieht. Die Antwort von Umweltministerin Priska Hinz (Grüne), in deren Ressort Hessen Forst angesiedelt ist: Die Waldwege "dienen der forstlichen Bewirtschaftung" und der Erholung der Allgemeinheit. Würden sie ausgebaut, wäre die Waldwirtschaft beeinträchtigt. Hinz befürchtet außerdem einen "gravierenden Eingriff in den Lebensraum Wald". Die Argumentation gelte unverändert, sagt eine Sprecherin zu hessenschau.de. Mit anderen Worten: Es sieht schlecht aus.

Im Raum steht ein Kompromiss

Nach dem Marburger Problem gefragt, erklärte Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) zwar im Januar allgemein, die Regierung strebe an, "mit der Erweiterung des hessischen Radwegenetzes den Anteil des Radverkehrs am gesamten Personennahverkehr zu steigern" - was das für Marburg konkret bedeutet, sagte er aber nicht.

Özgüven kritisiert, dass die Bürger die kürzeste Radverbindung durch den Wald auf die Lahnberge wollten - aber "einer solchen Lösung verweigert sich die Landesbehörde Hessen Forst in grüner Zuständigkeit seit Jahren." Auch Dorn glaubt, die von Schu geforderte "Maximallösung" werde schwierig schnell zu realisieren sein - sie plädiert für eine Politik der kleinen Schritte, etwa den Weg durch den Wald zunächst an besonders gefährlichen Stellen abzuflachen und besser zu befestigen.

Die Stadt hält diesen Vorschlag aber für "nur bedingt geeignet" - es brauche einen beleuchteten Weg, der so befestigt ist, dass er auch widrigen Witterungsbedingungen widersteht. "Wir würden uns eine schnellere Lösung für die Bürgerinnen und Bürger wünschen", sagt Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD). "Hier ist das Land in der Pflicht, Klimaschutz und Bürgerwille umzusetzen."

Dorn will erneut über die Seilbahn diskutieren

Ohnehin ist die Frage, wie die Lahnberge besser an die Stadt angebunden werden können, schon seit Jahren Thema in Marburg. Die Idee einer Seilbahn von der Stadtmitte auf die Lahnberge räumte die Stadtverordnetenversammlung schon vor Jahren ab - zum Ärger beispielsweise von Dorn. Sie plädiert dafür, "alle Möglichkeiten ergebnisoffen prüfen zu lassen, mit Bürgerbeteiligung".

Bei der Anbindung der Lahnberge habe die Stadt "ein paar Jahre verloren, weil die Diskussion zu parteipolitisch geführt wurde". Als zu kurz gesprungen empfindet sie eine andere Idee, die gerade wieder diskutiert wird: eine Straßenbahn vom Marburger Südbahnhof zum Klinikum.

Straßenbahn könnte an der Finanzierung scheitern

Vor Jahren kam eine Studie zum Ergebnis, dass das technisch machbar wäre, berichtet Stadtwerke-Sprecherin Sarah Möller. Derzeit läuft aber noch eine weitere Studie, die auch Kosten und Nutzen des Projekts untersucht. Die Ergebnisse sind noch nicht öffentlich, die Oberhessische Presse berichtete aber bereits Ende Januar, dass das Projekt wohl an der Finanzierung scheitert. Dorn sagt außerdem: "Bei der Tram-Verbindung wäre die Innenstadt immer noch nicht richtig angebunden" - der Südbahnhof liegt etwa zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Wie also die Klinik-Mitarbeiter, Studenten, Patienten und Angehörigen auch künftig auf die Lahnberge kommen sollen, bleibt zunächst unklar. Und das Problem drängt: Für die nächsten Jahre rechnet die Klinik damit, dass die Patientenzahlen weiter steigen.