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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found JU-Landeschef: Da müssen wir die CDU vor uns hertreiben

Enttäuscht, besorgt, aufgebracht: So verfolgt der Partei-Nachwuchs die akute Schwächephase der CDU. Ein Interview mit dem neuen JU-Landeschef Sebastian Sommer über eine Alarm-Mail, die er gerade in die Berliner Parteizentrale geschickt hat.

Die herben Verluste bei der Europawahl, der Höhenflug der Grünen, das ungelenke Auftreten von Partei und Parteichefin in Fragen des Internets: Die CDU war schon in besserer Verfassung. Entsprechend ist die Stimmung beim Nachwuchs. Also hat der Landesverband der Jungen Union (JU) in Hessen am Mittwoch ein Acht-Punkte-Papier ans Konrad-Adenauer-Haus in Berlin gemailt.

Kernpunkte des entsprechenden Beschluss eines JU-Landestages, der gerade in Hünfeld (Fulda) stattfand: Die Partei brauche wieder mehr inhaltlichen Abstand zu den Grünen, die Rückkehr zu einer bürgerlich-konservativen Politik für Mittelstand und Familien, und sie dürfe sich in aktuellen Debatten - auch online - nicht länger "die Butter vom Brot" nehmen lassen.

Der neu gewählte JU-Landesvorsitzende Sebastian Sommer will der Ü-35-Abteilung der Christdemokraten aber nicht nur die Leviten lesen.

hessenschau.de: Herr Sommer, wie man hört, haben gerade Mitarbeiter der Landes-CDU in Ihrer Social-Media-Abteilung hospitiert. Was sollten die bei Ihnen lernen?

Sebastian Sommer: Sie haben sich am Wochenende auf dem JU-Landestag angeschaut, wie junge Menschen im Internet für junge Menschen produzieren. Das können wir wohl am authentischsten rüberbringen. Und da reicht es nicht, mit dem Standardprogramm auf Facebook unterwegs zu sein. Wir haben auch Live-Interviews gemacht oder Instagram bespielt, Twitter sowieso. Und man muss auch was ausprobieren. Da wollen wir der CDU gerne etwas Nachhilfe geben.

hessenschau.de:  Sich professionell und modern in den sozialen Medien aufzustellen: Muss man das der CDU wirklich noch mal schriftlich geben, einen Monat nach dem Kommunikationsdebakel um das "Zerstörungsvideo" des Youtubers Rezo?

Sommer: Ich habe jedenfalls nicht den Eindruck gewonnen, dass inzwischen sichtbar etwas passiert ist. Deshalb ist es wichtig, auf diese Defizite nachdrücklich hinzuweisen. So etwas darf uns nicht noch einmal passieren. Als Union müssen wir in klarer Sprache deutlicher und moderner kommunizieren und auf allen Kanälen offensiv in den Diskurs gehen.

JU-Landeschef Sebastian Sommer
Sebastian Sommer (25) ist seit Pfingsten Vorsitzender der Jungen Union Hessen. Der Standesbeamte aus Wehrheim (Hochtaunus) erhielt 71 Prozent der Delegiertenstimmen. Bild © JU Hessen

hessenschau.de: Ihren Forderungskatalog begründen Sie vor allem mit der Schwäche der CDU in Großstädten und bei jungen Wählern. Aber die JU Hessen vergrault selbst junge oder zukünftige Wähler, zum Beispiel die von der Klimaschutz-Bewegung Fridays for future.

Sommer: Das kann man so nicht sagen. Ich selbst hatte zum Beispiel am großen internationalen Aktionstag meine Teilnahme für die zentrale Kundgebung in Hessen zugesagt. Dann wurden wir aber leider wieder ausgeladen. Die Politik sollte diese jungen Menschen in jedem Fall ernst nehmen. Der Dialog funktioniert unter Gleichaltrigen auch besser. Und wir müssen und wollen den Dialog führen.

Auszuweichen, wie es die CDU auch mit Rezo versucht hat, geht nicht. Auch mit ihm hätte man den Diskurs führen müssen, statt elf Seiten als pdf-Datei zu verschicken. Richtig ist aber auch: Nicht jeder Jugendliche ist bei Fridays for future.

hessenschau.de: Es war aber doch die JU Hessen, die Lehrer aufgefordert hat, das Schwänzen für Klima-Demos "entsprechend zu ahnden". Klingt schon ziemlich streberhaft, oder?

Sommer: Die Schulpflicht nehmen wir schon ernst. Das Anliegen der Demos nehmen wir aber genauso ernst. Unserer Kritikpunkt war lediglich: Es wäre auch außerhalb der Schulzeit gegangen. Es steht ja außer Frage, dass wir endlich Antworten auf die offenen Fragen der Klimapolitik geben müssen. Uns geht es um glaubwürdige, ideologiefreie und vor allem nachhaltige Konzepte.

hessenschau.de: Sie fordern in Abgrenzung von den Grünen eine Politik der klaren bürgerlich-konservativen Kante. Damit scheinen Sie nicht im Trend zu liegen. Gerade bei jungen Menschen und in Großstädten sind Ihnen die Grünen enteilt, nicht zuletzt mit den Stimmen früherer CDU-Wähler.

Sommer: Die Erfolge der Grünen sind selbstverständlich nicht von der Hand zu weisen. Das bedeutet aber gerade nicht, dass wir grüner als sie werden sollten. Wir müssen wieder eigene Themen setzen, statt denen anderer hinterherzulaufen. So können wir auch in der Klimapolitik signalisieren, dass wir etwas voranbringen. Zum Beispiel, indem wir nicht mit Verboten und einer CO2-Steuer reagieren, sondern durch die Förderung von Innovation und Technologien.

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Die Junge Union, kurz JU, ist die gemeinsame Nachwuchsorganisation von CDU und CSU. Sie hat bundesweit an die 105.000, Mitglieder, darunter rund 11.000 hessische. Damit ist der Landesverband der drittgrößte hinter Bayern und Nordrhein-Westfalen. Mitglied darf man ab dem 14. und bis zum 35. Lebensjahr sein.

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hessenschau.de: Nach der Europawahl kam Ihre eigene Parteizentrale immerhin zu dem Schluss, dass unter anderem auch ein Rechtsruck in der Jungen Union schuld an den Verlusten ist.

Sommer: Das hat bei uns nur für Kopfschütteln gesorgt. Ich habe einen solchen Rechtsruck nicht wahrgenommen und der CDU-Landesvorsitzende, Ministerpräsident Volker Bouffier, auch nicht. Er hat sich davon auf unserem Landestag auch distanziert.

hessenschau.de: Schmerzt es angesichts der Probleme von Annegret Kramp-Karrenbauer sehr, dass nicht Friedrich Merz Parteivorsitzender geworden ist? 64 Prozent der hessischen JU-Mitglieder hatten sich bei einer Umfrage für ihn ausgesprochen.

Sommer: Die JU Hessen hat tatsächlich bedauert, dass er es nicht geworden ist. Wir wünschen uns auch, dass er in der Partei eine wichtige Rolle spielt. Frau Kramp-Karrenbauer sollte man aber wirklich etwas mehr Zeit geben. Für eine Beurteilung ihrer Arbeit ist sie viel zu kurz in der Verantwortung.

hessenschau.de: Eine Forderung haben Sie sich in ihrem Beschluss am Wochenende verkniffen: die nach personeller Verjüngung. Die CDU-Landtagsfraktion zum Beispiel hat einen Altersdurchschnitt von knapp 51 Jahren - nur die AfD ist älter.

Sommer: Es stimmt: Um junge Menschen zu erreichen und glaubwürdig auftreten zu können, braucht man neben den entsprechenden Inhalten auch das geeignete Personal. Daran arbeiten wir aber auch mit immerhin zwei JUlern im Landtag und mit hessenweit rund 11.000 Mitgliedern.

Das Interview führte Wolfgang Türk.

Sendung: hr-iNFO, 13.06.2019, 09.40 Uhr