Juso-Bundesvorsitzender Kühnert  und SPD-Landeschef Schäfer-Gümbel in Oberursel
Juso-Bundesvorsitzender Kühnert und SPD-Landeschef Schäfer-Gümbel in Oberursel Bild © picture-alliance/dpa

Der Saal voll, die Rednerliste ohne Ende: Der Streit um die Große Koalition mobilisiert die SPD-Basis in Oberursel. Juso-Vorsitzender Kühnert macht SPD-Landeschef Schäfer-Gümbel ein Versprechen für den Wahlkampf.

Videobeitrag

Video

zum Video Juso-Bundesvorsitzender Kühnert wirbt für Nein zur GroKo

Ende des Videobeitrags

In 253 Tagen wählt Hessen einen neuen Landtag. Doch statt den Wahlkampf zu eröffnen, steht SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel am Sonntag vor 400 Parteimitgliedern in Oberursel (Hochtaunus) und sagt zu ihnen: "Ich würde gerne anfangen, aber dafür muss ich erst diese Bundesfrage klären."

Diese Bundesfrage lautet: Stimmen die SPD-Mitglieder im ab Dienstag laufenden Mitgliederentscheid für oder gegen die Große Koalition mit der CDU (GroKo)?

Zweieinhalb Stunden GroKo-Diskussion

Einer, der 148 Tage nach der Bundestagswahl für ein Nein wirbt, sitzt an diesem Nachmittag neben Schäfer-Gümbel auf dem Podium: Kevin Kühnert, Juso-Bundesvorsitzender und Kopf der NoGroKo-Kampagne. Zweieinhalb Stunden teilen sich beide das Podium. Fast zwei Stunden davon hören sie zu. 50 Mitglieder stehen auf der Rednerliste, am Ende reicht die Zeit nur für 30.

Beim Beifall liegt Kühnert leicht vor Schäfer-Gümbel, der für ein Ja zur GroKo wirbt. Doch an den Mikrofonen setzen sich Parteimitglieder auch wortreich für eine Koalition mit der Union ein. Und nicht wenigen geht es wohl wie einer Frau, die sagt, sie sei noch unentschlossen.

Bischofsheim, Oberursel, Darmstadt

"Die Säle sind immer übervoll", berichtet Kühnert. Der 28-Jährige kommt gerade aus Bischofsheim, später fährt er nach Darmstadt. Sieben TV-Teams drängen in Oberursel in die Stadthalle, wo formal eine Sitzung des Unterbezirks läuft, praktisch aber die Zukunft der Partei verhandelt wird.

"Einer Partei, die nicht mehr gebraucht würde, würden die Leute nicht Türen einrennen", ruft Kühnert unter Beifall von GroKo-Fans wie Gegnern. Andererseits ist die SPD im ARD-Deutschlandtrend auf 16 Prozent gefallen.

"Das eigentliche Problem sind wir"

In der Analyse der Krise sind sich Kühnert und Schäfer-Gümbel überraschend einig, wenn man bedenkt, dass sie für zwei sehr unterschiedliche Positionen werben. SPD-Bundesvize Schäfer-Gümbel räumt ein, was Kühnert der Partei vorwirft: Die SPD habe versäumt, grundlegende Antworten zu geben. "Unser eigentliches Problem ist nicht die GroKo, das eigentliche Problem sind wir selbst." Auch schwere Fehler der Parteiführung benennt Schäfer-Gümbel, der schon drei Jahre in der Partei war, als Kühnert geboren wurde.

Doch in der GroKo-Frage bleibt der grundsätzliche Unterschied: Kühnert erscheint eine Erneuerung der SPD neben dem Regierungsbetrieb "nicht möglich". Aus dem Publikum unterstützt ihn eine 20-Jährige: "Wir wollen in die Opposition, um Deutschland politisch mitzugestalten."

Schäfer-Gümbel dagegen sieht es genau andersherum: "Sozialer und gesellschaftlicher Fortschritt besteht in den kleinen Schritten." Ein Nein zum Koalitionsvertrag sei darum kaum vermittelbar. Und zur Erneuerung der SPD sagt er: Diese "wird uns viel Zeit und Kraft kosten - in der Opposition, zumal bei Neuwahlen, werden wir sie nicht bekommen."

"Dann werdet ihr überrannt"

Und dann war da noch die Frage, was das alles mit der nahenden Hessen-Wahl macht. Ein Mitglied sagt: "Wie sollen wir im Herbst dafür werben, dass Schäfer-Gümbel nächster Ministerpräsident wird, wenn wir die Chance zur Gestaltung jetzt aus der Hand geben?" Im hr-Hessentrend im Januar kam die SPD auf 25 Prozent, ohne Koalitionsvertrag wird es da nicht gehen.

Doch Juso-Chef Kühnert lässt diesen Einwand nicht gelten. Bei einem Nein zur GroKo werde ein ungeheurer Motivationsschub durch die jungen Mitglieder gehen. Tausende von ihnen werde er dann Richtung Hessen in den Wahlkampf schicken, kündigt er an. "Dann werdet ihr überrannt von Jusos."

400 SPD-Mitglieder waren zur Diskussion in die Stadthalle Oberursel gekommen.
400 SPD-Mitglieder waren zur Diskussion in die Stadthalle Oberursel gekommen. Bild © picture-alliance/dpa