Foto von Sven Gerich bei der Pressekonferenz.

Der Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich hat seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur als Rathauschef der Landeshauptstadt erklärt. Er sehe sich als Opfer einer "Schmutzkampagne", sagte der SPD-Mann. Es habe auch Drohbriefe gegen seine Familie gegeben.

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Paukenschlag in Wiesbaden: Sven Gerich tritt bei der Oberbürgermeisterwahl im Mai nicht als Spitzenkandidat der Wiesbadener SPD an. Der Amtsinhaber erklärte am Donnerstag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur. Er zog damit die Konsequenzen aus einer seit Tagen wütenden öffentlichen Schlammschlacht. Eigentlich hatten die Wiesbadener Sozialdemokraten Gerich am Abend auf ihrer Mitgliederversammlung zum OB-Kandidaten küren wollen.

"Ich war zu keiner Zeit korrumpierbar"

Gerich sieht sich als Opfer einer "Schlammschlacht und Schmutzkampagne". Er räumte ein, dass er Fehler gemacht habe, betonte aber auch: "Ich war zu keiner Zeit korrumpierbar oder bestechlich." Die Kampagne habe aber Ausmaße angenommen, die er seinem Umfeld nicht zumuten könne. Gerich, der beim Vorlesen seiner Erklärung sehr gefasst wirkte, berichtete von Drohbriefen gegen seinen Vater und seinen Ehemann.

Was gerade in #Wiesbaden passiere, nennt #Gerich eine Schlammschlacht und Schmutzkampagne. Sein Vater und Ehemann hätten anonyme Drohbriefe erhalten. @hessenschau

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"Der Schritt fällt mir sicherlich nicht leicht", sagte der SPD-Politiker. Er wolle mit seinem Verzicht aber weiteren Schaden von den Institutionen der Stadt fernhalten - und Gegnern keine Angriffsfläche bieten. Seine Amtszeit will Gerich regulär fortführen. Die vergangenen fünfeinhalb Jahre seien für Wiesbaden eine gute und erfolgreiche Zeit gewesen, betonte er.

Hintergrund für Gerichs Schritt sind Vorwürfe seines langjährigen Freundes Ralph Schüler. In einem offenen Brief hatte der CDU-Politiker dem OB einen Rücktritt nahegelegt. Er beschuldigte Gerich, die Landeshauptstadt "für private Zwecke missbraucht" zu haben. Dabei geht es unter anderem um Privatreisen auf Stadtkosten, öffentliche Lügen und Vetternwirtschaft.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

Mit den Anschuldigungen Schülers beschäftigt sich seit einigen Tagen schon die Justiz. Nach einer Selbstanzeige des CDU-Mannes ermittelt die Wiesbadener Staatsanwaltschaft gegen Gerich. Es besteht demnach ein Anfangsverdacht der Vorteilsnahme.

Gerich hatte den mittlerweile geschassten Schüler seinerzeit zum Geschäftsführer einer städtischen Holding gemacht, nachdem dieser zuvor einen gemeinsamen Urlaub mit beiden Familien zu großen Teilen finanziert hatte. Der OB bestritt die Vorwürfe, bei der Postenbesetzung von der Großzügigkeit Schülers beeinflusst worden zu sein. Zudem habe er Schülers Mehrkosten später beglichen. "Ich habe im Bereich meiner privaten Lebens- und Urlaubsgestaltung an mehreren Stellen die notwendige Sensibilität vermissen lassen", erklärte Gerich am Donnerstag.

SPD: "Bitter und traurig"

Die SPD trifft Gerichs Verzicht überraschend. Noch am Mittwoch hatte Parteivorstand Dennis Volk-Borowski eine Nicht-Nominierung Gerichs ausgeschlossen: "Wir denken in keinster Weise darüber nach, Sven Gerich nicht zu nominieren." Auf Gerichs Erklärung reagierte Volk-Borowski mit den Worten: "Das ist bitter und traurig." Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel zollte Gerich Respekt: "Dass er dieses persönliche Opfer bringt, um ein unwürdiges  Spektakel zu beenden, das politische Gegner inszeniert haben, ist ein Dienst an der Stadt."

Gerich hatte im März 2013 überraschend die Oberbürgermeisterwahl gegen den Amtsinhaber Helmut Müller von der CDU gewonnen. Als SPD-Herausforderer hatte er in der Stichwahl 50,8 Prozent der Stimmen bekommen.

Die CDU-Rathausfraktion erklärte, sie respektiere die Entscheidung. Über die politische Bewertung müsse noch eingehend beraten werden. "Die im Raum stehenden Vorwürfe sind mit der Entscheidung des weiterhin amtierenden OB nicht ausgeräumt", hieß es. Die Rathausfraktion der Grünen zeigte sich überrascht. Von dem Schritt sei angesichts der bisherigen Erklärungen zu den Vorwürfen nicht auszugehen gewesen, hieß es in einer Mitteilung.

SPD steht ohne Kandidaten da

Während die CDU bereits vor zwei Monaten Eberhard Seidensticker zum Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl am 26. Mai bestimmt hat und die Grünen am Dienstagabend Christiane Hinninger zur Kandidatin erklärten, stehen die Sozialdemokraten in der Landeshauptstadt nun erstmal ohne Kandidaten da.

Am Abend kamen der Vorstand und Parteimitglieder zusammen. Gerich nahm an der Sitzung teil. Die Stimmung beschrieb Parteivorstand Volk-Borowski im Anschluss als kämpferisch. Eine Findungskommission soll demnächst bestellt werden, die möglichst zügig einen Ersatzkandidaten vorschlagen solle. Anmeldeschluss für die OB-Wahl ist der 18. März.