Linken-Fraktionschefin Janine Wissler im Landtag

Der Linken steht auf Bundesebene ein personeller Umbruch bevor. Nun hat die hessische Landtagsfraktionsvorsitzende Wissler angekündigt: Sie bewirbt sich um den Parteivorsitz.

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Auf dem Bundesparteitag der Linken Ende Oktober in Erfurt werden beide Vorsitzenden-Posten frei. In eines dieser Ämter will Janine Wissler gewählt werden. Ihre Kandidatur gab die 39 Jahre alte Politikerin aus Frankfurt am Freitag auf Twitter bekannt.

Sie schrieb in einer kurzen, auch vom Landesverband verbreiteten Erklärung: "Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich kandidieren soll und bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass ich das tun möchte." Das Weitere werde sie mit der Landespartei beraten, weil ihr deren Unterstützung wichtig sei.

"Antikapitalistische Perspektive aufzeigen"

Wissler ist Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag und seit sechs Jahren bereits Vize-Bundesvorsitzende ihrer Partei. In der aktuellen politischen Situation sei eine starke Linkspartei besonders nötig, erklärte sie nun. Die Linke müsse innerhalb und außerhalb der Gesellschaft für Gerechtigkeit, Ökologie und Frieden eintreten, und zwar als Kraft, die "konkrete Kämpfe unterstützt und eine antikapitalistische Perspektive aufzeigt".

Die Ankündigung der Kandidatur kam wenig überraschend. Wissler war schon als Kandidatin und Mitfavoritin gehandelt worden, bevor die amtierenden Vorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger am letzten Augustwochenende ihren Rückzug bekanntgaben. Beide waren acht Jahre lang im Amt.

Linker Flügel der Linken

Als Teil einer weiblichen Doppelspitze mit der thüringischen Landesvorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow werden Wissler bei der Wahl sehr gute Chancen eingeräumt. Die neue Parteispitze wird die Linke in die nächste Bundestagswahl führen, bei der für sie auch um die Frage geht: Ist die Partei gegebenenfalls bereit, mit SPD und Grünen eine Regierung zu bilden.

Wissler ist Mitglied in der Gruppe Marx21, die sich laut Programm für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, die Abschaffung des Kapitalismus und einen demokratischen Sozialismus einsetzt. Dennoch gilt Wissler als pragmatisch. Aus den seit Jahren andauernden heftigen inhaltlichen und persönlichen Querelen auf Bundesebene hielt sie sich öffentlich weitgehend heraus.

Die Frankfurter Diplom-Politologin ist eine der bundesweit bekanntesten Linken und häufig Gast in Polit-Talksendungen, gerade zum Thema Rechtsextremismus. Wie andere Persönlichkeiten erhielt sie wiederholt Mails mit Todesdrohungen, die mit "NSU 2.0" unterzeichnet waren. Im zeitlichen Zusammenhang damit wurden Wisslers Daten von einem Polizeicomputer abgerufen.

Kandidatur im Umfrage-Tief

Wissler ist in Dreieich (Offenbach) aufgewachsen und wohnt in Frankfurt. Im Landtag sitzt sie seit zwölf Jahren, alleinige Fraktionchefin ist sie seit 2017. Zweimal trat sie als OB-Kandidatin in Frankfurt an, bei der jüngsten Wahl 2018 erzielte sie 8,8 Prozent.

Der personelle Umbruch der Linken im Bund fällt in eine Zeit, in der die Partei in Umfragen schwächelt. Im aktuellen ARD-Deutschlandtrend liegt sie bei 7 Prozent - gegenüber 9,2 Prozent bei der jüngsten Bundestagswahl 2017. Im jüngsten hr-hessentrend Mitte Mai landete die Linke bei 4 Prozent. 6,3 Prozent waren es bei der Landtagswahl vor knapp zwei Jahren.

Zu ihrem Bundesparteitag trifft sich die Linke in Erfurt vom 30. Oktober bis 1. November. Er war ursprünglich für Mitte Juni geplant, wurde aber wegen der Corona-Pandemie verschoben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bewerbung als Parteichefin: "Wir brauchen eine starke Linke"

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Attac, WASG, Eintracht-Fanclub

Gedanklich klar, rhetorisch scharf: Janine Wissler ist Stimme und Gesicht der hessischen Linken - und eine der Abgeordneten des Landtags mit bundespolitischem Format. Das schafft Respekt, den sich die 39-Jährige erarbeiten musste: Ihr Anfang im Wirtschaftsausschuss habe sie an einen früheren Job im Baumarkt erinnert: Auch zwischen Kabeln und Tapeten sei es schwer gewesen, sich als junge Frau unter Männern zu behaupten.

Wissler engagierte sich früh im globalisierungskritischen Netzwerk Attac, war 2004 eine der Mitgründerinnen der hessischen Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit (WASG), die aus Protest gegen die rot-grüne Agenda-Politik entstand und in der Linken aufging. Privates verrät die unverheiratete Wissler kaum - eine Vorliebe für Mode ist an ihren geschmackvollen Outfits abzulesen. Zu ihren Hobbys zählt sie Laufen und Bergwandern. Zudem ist sie Mitglied im Eintracht Frankfurt Fanclub des Landtags.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 04.09.2020, 16.45 Uhr