Finanzminister Thomas Schäfer (CDU). Er wurde 54 Jahre alt.

Vor einem Jahr starb Hessens Finanzminister Thomas Schäfer. Für viele im Landtag ist sein Tod bis heute unbegreiflich. "Corona hat ihn fertiggemacht", sagt seine Ehefrau rückblickend. Dennoch bleibt auch für sie die Frage nach dem Warum.

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Vielleicht ist das, was Monika Schäfer zu Beginn des Interviews über ihren Mann sagt, der Schlüssel zu dem, was vor einem Jahr geschehen ist. "Er war sehr gesellig", sagt sie im Gespräch mit dem hr. "Gesellig sein war für ihn, glaube ich, tatsächlich auch eine Überlebensstrategie. Er brauchte das soziale Feedback von anderen Menschen. Das war für ihn lebenswichtig."

Doch von heute auf morgen gab es das nicht mehr: keine Wahlkreistermine, kein Glas Wein mit Parteifreunden zum Feierabend, keine Wohltätigkeitsveranstaltung, bei dem der CDU-Politiker und Finanzminister seine Torwartqualitäten beim Handball oder seine Kochkünste am Herd für einen guten Zweck ausleben konnte. Nur noch Corona, die beispiellose Krise und der Blick in eine Zukunft, die sich für Thomas Schäfer ausschließlich düster darstellte.

"Für ihn war diese Corona-Situation so, dass die Welt untergeht", erzählt Schäfers Frau. "Er hat das Ende der Menschheit vorhergesehen. Er hat sich viel mit Virologen getroffen, mit Wirtschaftsexperten, hat sich also nicht nur in finanzpolitischer Hinsicht beschäftigt, sondern auch die gesamten Gesundheitsproblematiken erkannt." Er habe von einer dritten Welle, vierten und fünften Welle gesprochen. "Er hat das Impfen komplett ausgeschaltet, er hat wirklich schwarzgesehen. So irre, wie das klingt: Corona hat ihn fertiggemacht, und er hat deswegen diesen Suizid begangen", glaubt Monika Schäfer.

Monika Schäfer

Er wollte der nächste Ministerpräsident werden

Dabei wirkte gerade Thomas Schäfer wie ein Mann, den nichts umwerfen kann. "Ein Fels in der Brandung", diese Beschreibung fehlte fast in keinem Nachruf. Ebenso wenig die Adjektive: klug, fröhlich, streitbar, dabei menschlich und humorvoll - und führungsstark. Der nächste Ministerpräsident sollte und wollte er werden. Es galt in Wiesbaden jedenfalls als ausgemachte Sache, dass Schäfer in nicht allzu ferner Zukunft Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nachfolgen würde.

Und ausgerechnet dieser Mann brachte sich wegen der Corona-Pandemie um? Bis heute können viele, die ihn kannten, das nicht mit dem Bild übereinbringen, das sie von Thomas Schäfer hatten.

Michael Boddenberg, damals Fraktionsvorsitzender der CDU, kam an jenem Samstag von der Gartenarbeit und erhielt einen Anruf von Bouffier. "Er hat mir sofort gesagt, was passiert ist. Ich bin dann mit meiner Frau nach Wiesbaden: Ich wäre nicht in der Lage gewesen, Auto zu fahren."

Es dauerte vermutlich nicht lange, bis Boddenberg begriff, dass dieser Suizid auch sein Leben gravierend verändern würde: Er wurde nur wenige Tage später Schäfers Nachfolger als Finanzminister. Die Lage zu Beginn der Pandemie war krisenhaft, der Posten konnte nicht lange unbesetzt bleiben. Die Wirtschaft wartete auf Finanzhilfen. Noch am Vortag des Suizids hatte Boddenberg mit Schäfer darüber beraten, wie das zu schaffen sei.

Ernste Haushaltsrede kurz vor seinem Tod

"Ich habe ihn bis zuletzt wahrgenommen als jemand, der seiner Pflicht nachkommt", erinnert sich Boddenberg. "Natürlich hat seine Haushaltsrede am 24. März, wo er dieses Jahrhundertszenario beschrieben hat, eine Wirkung gehabt, die mich durchaus beeindruckt hat. Andererseits wäre ich im Leben nicht darauf gekommen, dass daraus am Ende für ihn diese Entscheidung wird."

Diese Rede in der Woche vor seinem Tod wird heute von vielen erwähnt, die sich fragen, ob sie etwas hätten bemerken können. Besonders ernst wirkte Schäfer bei dieser Rede, in der er einen Nachtragshaushalt über zwei Milliarden Euro verteidigte, um der Krise zu begegnen: schmal, nachdenklich, ohne jede Spur des üblichen Humors. Und gleich zu Beginn zog er eine Parallele zum ersten Haushalt, den er als Finanzminister eingebracht hatte. Heute wirkt es fast so, als habe er eine Bilanz seines Wirkens ziehen wollen.

"Da kam es schon sehr stark rüber, dass er sich Sorgen macht, dass die Finanzkrise aus seiner Sicht jetzt eine sehr große wird in der Pandemie", sagt Oppositionsführerin Nancy Faser (SPD). "Aber diese Herausforderung haben ja auch andere zu stemmen. Das allein kann kein Grund für Suizid sein."

Corona-Krise als scheinbar unlösbare Aufgabe

Der Tod von Thomas Schäfer machte überdeutlich, dass auch in erfolgreichen Spitzenpolitikern verletzliche Menschen stecken. Schäfer hatte die hessischen Finanzen auf eine solide Basis gestellt, Haushalte ohne Schulden eingebracht, er hatte mit dem Schutzschirmprogramm die hessischen Kommunen entschuldet und damit bundesweit Maßstäbe gesetzt. Er schien eine glänzende Zukunft vor sich zu haben. Und doch zerbrach er an der für ihn scheinbar unlösbaren Aufgabe, die Coronakrise zu bewältigen.

Mitten in der Pandemie gab keinen großen öffentlichen Trauerakt für Thomas Schäfer, wie es sonst üblich gewesen wäre, kaum ein Innehalten. Zu atemlos waren und sind Gesellschaft und Politik damit befasst, diese beispiellose Krise zu bewältigen. Doch in vielen Gesprächen wird immer wieder an ihn erinnert, an seinen für fast alle immer noch unbegreiflichen Tod.

"Kreativität in die Politik gebracht"

Politische Gegner und politische Freunde vermissen ihn gleichermaßen. "Am meisten werde ich die Tatsache vermissen, dass man kaum eine Stunde mit ihm verbracht hat, in der man nicht auch mal herzhaft gelacht hat", sagt sein Nachfolger Boddenberg. Und Mathias Wagner, Fraktionschef der Grünen, fügt hinzu: "Er hat eine unglaubliche Kreativität in die Politik gebracht. Wenn es ein schwieriges Problem gab, war man immer gut beraten, mal Thomas Schäfer zu fragen, ob er nicht eine Idee hat, wie man es lösen könnte." Diese Klugheit und Kompetenz würden fehlen, betont Wagner.

Selbst der politischen Konkurrentin Nancy Faeser fehlt er: "Ich würde vor allem sagen, dass generell diese Initiativen fehlen, die auch über Hessen hinausreichen." Diese Vorschläge könne man inhaltlich unterschiedlich bewerten, sagt die Sozialdemokratin, "da waren wir oft anderer Meinung". "Aber es war jemand da, der diese Ideen wenigstens hatte."

"Es bleibt ein schwarzer Fleck auf der Seele"

Ein kluger, weitblickender und dabei fröhlicher und geselliger, ein wirklich außergewöhnlicher Finanzminister ist vor einem Jahr gestorben. So sehr der Politiker Thomas Schäfer vermisst wird - niemandem kann er so sehr fehlen wie seinen beiden Kindern und seiner Frau Monika: "Es bleibt immer ein schwarzer Fleck auf der Seele, weil auch immer Fragen ungeklärt bleiben", sagt sie. "Die Frage nach dem Warum. Und: Warum hat er uns alleine gelassen?"

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Hilfe bei Suizid-Gedanken

Wenn Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebenssituationen keinen Ausweg sehen: Suchen Sie sich Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. In seelische Krisen könne man immer wieder mal geraten, das sei nichts Unnormales, sagen Psychologen. Deshalb gibt es Hilfe und professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar.

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Sendung: hr-fernsehen, 27.03.2021, 19.30 Uhr