Werbeplakat für Lies-Aktion in einer Fußgängerzone
Koran-Verteilaktion auf der Frankfurter Zeil im Januar 2015 Bild © picture-alliance/dpa

Vor genau zwei Jahren hat der Bundesinnenminister den Koranverteiler-Verein "Die wahre Religion" verboten. Die Salafisten haben sich seither aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Aus Sicht von Frankfurts oberstem Staatsschützer ist das aber kein Grund zur Entwarnung.

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Männer mit Plakaten der salafistischen "Lies!"-Aktion auf der Frankfurter Zeil

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Salafistenszene: Abgetaucht, aber nicht verschwunden

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Hinter einer freundlichen Fassade verbarg sich der größte Durchlauferhitzer der Salafistenszene in Deutschland: Junge Männer verteilten bei der "LIES!"-Aktion für den Verein "Die wahre Religion" in Frankfurt, Offenbach, Hanau und anderen Städten den Koran. Von den später in den "Dschihad" nach Syrien und in den Irak ausgereisten jungen Männern fanden bundesweit rund 170 ihren Einstieg in den Salafismus als Koranverteiler.

So auch der damals 16 Jahre alte Enes aus Frankfurt: Er starb 2013 nach wenigen Wochen im syrischen Kampfgebiet. 2017 setzte der Bundesinnenminister dem Treiben ein Ende, indem er den Verein "Die wahre Religion", der hinter der "LIES!"-Aktion steckte, verbot.

Salafistenszene wandelt sich

Durch das Verbot in Deutschland und die militärischen Gebietsverluste der Terrormiliz IS im Krisengebiet hat sich die Salafistenszene massiv verändert. Von öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen mit bekannten Predigern wie Pierre Vogel oder auch Fußballturnieren, um junge Kämpfer zu rekrutieren, ist nichts mehr zu sehen.

Portrait Trusheim
Wolfgang Trusheim ist stellvertretender Leiter der Staatsschutzabteilung im Polizeipräsidium Frankfurt. Bild © hr/maintower

"Die Salafisten sind abgetaucht", sagt Wolfgang Trusheim. Er ist stellvertretender Leiter der Staatsschutzabteilung im Polizeipräsidium Frankfurt. Der Druck durch das Verbot und durch die polizeiliche Arbeit habe dazu geführt, dass sie aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden seien. Sie werben nicht mehr in Fußgängerzonen oder vor Schulen für ihre Ideologie, aber: "Dadurch, dass sie öffentlich auftraten, war es für Behörden leichter zu schauen, wer entwickelt sich gerade in welche Richtung", sagt Heiner Vogel. Auf seinem Blog "Erasmus Monitor" gibt er Einblicke in die Salafistenszene.

Auch Moscheen haben reagiert

Dem stimmt Trusheim zwar zu. "Aber es ist auch für die Salafisten schwieriger geworden sich zu treffen, weil sie davon ausgehen müssen, dass ihre Telefone abgehört werden, und die Polizei schon dort ist, wenn sie zu ihren Treffpunkten kommen."

Und noch etwas hat sich aus seiner Sicht seit dem "LIES!"-Verbot geändert. Ehemals salafismusfreundliche Moscheen sind von Protagonisten der radikalen Szene abgerückt. "Wir haben sie in die Pflicht genommen", so Trusheim. Ein Teil dieser Moscheen habe Hausverbote ausgesprochen und diene inzwischen nicht mehr als Treffpunkt.

Neue Dynamik?

Der Szene fehlen außerdem inzwischen Führungsfiguren, die den Salafismus für Jugendliche attraktiv machen könnten. Dazu kommen Zerwürfnisse der Prediger und ihrer Anhänger untereinander. "Die Szene spiegelt die Konfliktsituation zwischen den verschiedenen Lagern der Dschihadisten in Syrien wider", so Blogger Heiner Vogel.

Er erinnert daran, dass Al-Qaida-nahe Dschihadistenmilizen in der Region Idlib in Nordsyrien noch unter Waffen stehen. Niemand könne vorhersagen, welche Rückwirkungen eine Eroberung des letzten großen Dschihadistengebiets durch Assad-Truppen auf die Salafistenszene in Deutschland hätte: "Da können ganz neue Dynamiken entstehen."

Kein Grund zur Entwarnung

Grund zur Entwarnung sieht auch Trusheim nicht: "Radikalisierung findet weiter statt, im Netz oder auch wenn sich die Leute privat treffen." Aber entspannter als damals, als die Salafisten offen in den Fußgängerzonen auftraten, sei die Lage allemal.