Michael Koch und Gunnar Wöbke beim "Zoom"-Gespräch (einer Videokonferenz) vor dem Bildschirm.

Die Basketball-Bundesliga hat sich gespalten. Zehn Teams wollen die Corona-Saison zu Ende spielen, sieben nicht. Warum das in Ordnung ist, erklären Skyliners-Geschäftsführer Gunnar Wöbke und 46ers-Geschäftsführer Michael Koch im Doppelinterview.

Die derzeit unterbrochene Saison der Basketball-Bundesliga soll schon bald zu Ende gespielt werden. Allerdings in Form eines Turniers mit nur zehn der eigentlich 17 Bundesliga-Teams. Das hat die Liga bei einer Videokonferenz am Montag beschlossen. Die Skyliners Frankfurt wollen weiterspielen, die Gießen 46ers nicht.

Das Turnier soll drei Wochen dauern und an einem festen Standort ausgetragen werden. Mindestens zwei Wochen zuvor sollen die Teams ins Mannschaftstraining zurückkehren. Spätestens am 18. Mai braucht die Liga eine Entscheidung der Politik, ob der Plan umgesetzt werden darf oder nicht.

Der hr-sport hat mit Gießens Geschäftsführer Michael Koch und Frankfurt Geschäftsführer Gunnar Wöbke über die Entscheidungsfindung und die Pläne für die Zukunft gesprochen.

hessenschau.de: Herr Koch, wie sind Sie zu der Entscheidung gekommen, die Saison mit den Gießen 46ers nicht fortzuführen?

Michael Koch: Es ist eine dreigeteilte Entscheidung. Wirtschaftlich ist diese Entscheidung für uns das kleinere Risiko. Sportlich gesehen wären wir nicht in der Lage gewesen, eine wettbewerbsfähige Mannschaft aufs Parkett zu bringen. Die Reisebeschränkungen sind immer noch vorhanden, unsere Spieler sind teilweise noch in Amerika. Wir sehen nicht, dass wir die jetzt so kurzfristig zurückholen können, und mit einer Mannschaft antreten, die aus vier Profis besteht und drei oder vier Nachwuchsspielern - das wollten wir auch nicht. Und die dritte Sache war die gesellschaftliche Situation. Es gibt im Moment Wichtigeres als ein Basketballspiel. Das ist meine persönliche Meinung. Was auf der Welt gerade vorgeht, da gibt es gesellschaftliche Normen, die uns nicht gerade dazu antreiben, ein Basketball-Spiel durchzuführen.

hessenschau.de: Herr Wöbke, die Skyliners sind zu einem anderen Schluss gekommen. Warum?

Gunnar Wöbke: Wir sind der festen Überzeugung, dass wir auch in der kommenden Saison nicht vor Zuschauern werden Basketball spielen können. Das lässt die Politik nicht zu, solange kein Impfstoff gefunden wurde und die Herdenimmunität nicht da ist. Das bedeutet, dass etwa ein Drittel der Einnahmen im Bundesliga-Durchschnitt per se wegfallen. Die einzige Einnahme, die uns, wenn überhaupt, zur nächsten Saison bleibt, sind die Sponsoren-Einnahmen und die Einnahmen über die TV-Rechte. Wenn diese Einnahmen auch noch wegfallen, haben wir in den nächsten 12 bis 18 Monaten gar keine Einnahmen mehr. Die meisten Clubs werden nach meiner Rechnung dann spätestens im Dezember insolvent gehen. Diese Saison fertig zu spielen, alle zurückzuholen, aus der Kurzarbeit rauszugehen und ähnliches: Das wird jeden Club mindestens 100.000 bis 200.000 Euro kosten. Aber wenn wir die Sponsoren- und TV-Einnahmen nächstes Jahr nicht haben, wird die Liga in Summe über 100 Millionen Euro verlieren. Unsere wirtschaftliche Entscheidung ist also eine strategische Investition. Sportlich sehe ich das genauso wie Michael, aber ich gebe dem eine andere Bedeutung. Wir haben auch Spieler im Ausland und wissen nicht, ob wir die zurückholen können. Aber sie wollen alle zurückkommen und unser Ziel ist es natürlich, die sportlich beste Mannschaft an den Start zu bringen. Gesellschaftlich wäre der einzige Grund, der für mich gegen eine Fortsetzung spricht, dass es nicht genügend Test-Kits gibt und eigentlich andere Leute diese Tests bräuchten. Das stimmt aber nicht. Es gibt genug Test-Kits und die Industrie könnte sogar noch mehr herstellen, wenn sie von der Politik beauftragt würde.

hessenschau.de: Wie hätten Sie denn entschieden, wenn Sie für die Gießen 46ers eine Entscheidung hätten treffen müssen?

Wöbke: Es geht doch am Ende nur um eins: Wie kann man am längsten ohne Insolvenz überleben. Da kommt man sicherlich an unterschiedlichen Standorten zu unterschiedlichen Entscheidungen. Und da ich überhaupt nicht weiß, was bei Gießen alles eine Rolle spielt, kann und will ich mich dazu nicht äußern. Ich kann das nur für die Skyliners sagen und ich glaube, dass es für das langfristige Überleben des Sports notwendig ist, dass Teams gespielt haben. Aber es ist auch okay, dass einige nicht spielen, die sich das nicht zutrauen. Das muss man den Leuten freistellen. Da gibt es überhaupt kein böses Blut.

hessenschau.de: Wer trifft denn die Entscheidungen für den Rest der Saison? Nur die aktiven Teams oder haben die Gießen 46ers auch eine Stimme, wenn zum Beispiel der Spielort für das Liga-Finale gesucht wird?

Koch: Das wäre ja schön, dann tragen wir die Spiele einfach in Gießen aus. Spaß beiseite: Wir sind da jetzt erstmal außen vor und kümmern uns um unser eigenes Geschäft. Das wäre auch nicht fair, wenn die zehn Mannschaften die Kosten für die Spiele tragen und die anderen dann noch mitmengen und Entscheidungen herbeiführen wollen.

Wöbke: Wir haben besprochen, dass wir alle Teams, die nicht mitspielen, sehr eng informiert halten und uns immer weiter austauschen über alles, was passiert. Wobei auch diese Teams sich natürlich um die Austragung der restlichen Spiele bewerben können. Frankfurt kann das leisten, denke ich. Aber ob wir der beste Standort sind? Oder doch Oldenburg? Das wird sich am Ende um Hygiene- und Quarantäne-Bedingungen, um TV-Bedingungen und natürlich um Kosten drehen.

hessenschau.de: Bekommen die 46ers eigentlich trotzdem ihren Anteil des noch ausstehenden TV-Gelds?

Koch: Es steht noch eine gewisse Summe aus von den Hauptsponsoren. Die wird aber zuerst dazu genutzt, das Turnier mit den zehn Mannschaften zu unterstützen. Die anderen sieben Teams werden von der Summe erstmal nichts bekommen. Das ist okay. Diese kuriose, vielleicht einmalige Option, dass die Vereine sich entscheiden konnten, ob sie spielen möchten oder nicht, finden wir ganz toll. Auch die Solidarität in der Liga: Wir unterstützen jetzt natürlich die Vereine, die spielen. Wir hoffen dass die Spiele stattfinden und damit langfristig allen Vereinen in der Basketball-Bundesliga helfen. 

hessenschau.de: Haben sie schon mit ihren eigenen Sponsoren geredet? Oder den Fans, die Dauerkarten besitzen?

Koch: Wir mussten ja erstmal die Entscheidung abwarten. Die Gespräche haben mit dem heutigen Tag begonnen. Wir sind dabei, alle Dauer- und sonstigen Karteninhaber sowie die Sponsoren anzuschreiben. Wir bitten darum, Solidarität walten zu lassen und den Club weiter zu unterstützen. Ich habe heute morgen schon eine Rückmeldung von zwei Dauerkarteninhabern bekommen. Die stellen keine Regressansprüche, sondern spenden nochmal 200 Euro für den Verein. Darauf sind wir alle angewiesen, das kommt nicht nur auf die Gießen 46ers zu.

hessenschau.de: Welchen sportlichen Wert hat diese Saison denn am Ende für Sie und die Fans? Kann sich der Meister am Ende auch stolz Meister nennen? 

Wöbke: Aus meiner Sicht: selbstverständlich! Das ist ein mutiger Schritt von allen zehn Teams, zu sagen: Ich tue mir das an, ich spiele da mit, um den Sport langfristig zu retten. Und jedes Team wird versuchen, das beste Team, das sie zusammenbekommen, ins Rennen zu schmeißen. In München sind nur die zwei Amerikaner in die USA gereist, die werden ein super Team ins Rennen schmeißen können. Oldenburg auch. Bei Berlin weiß ich‘s nicht, bei uns auch nicht. Das wird davon abhängen, ob unsere Spieler einreisen dürfen oder nicht. Aber jeder wird richtig fighten, um Deutscher Meister zu werden. Und das werden die Leute auch sehen, dass da richtig gefightet wird.

Koch: Ich gehe da konform mit Gunnar. Für mich wäre es enorm wichtig, dass alle Mannschaften den Versuch starten, ihr Top-Team auf den Platz zu stellen. Das ist für mich ein Muss. Deshalb haben wir uns nämlich dagegen entschieden. Wir hätten auch eine Mannschafts aufs Parkett stellen können, die hätte dann aber aus vielen Nachwuchsspielern bestanden. Das wäre für uns nicht in Frage gekommen. Wenn der eine Probleme bekommt aufgrund der Reisebschränkungen und dann nur mit zwei oder drei Ausländern spielen kann gegen Teams wie Oldenburg, die noch komplett sind, dann sehe ich das eher als schwierige Aufgabe, das als eine faire und ausgewogene Deutsche Meisterschaft darzustellen. Der Wille ist da. Ich hoffe, dass das funktioniert. 

hessenschau: Wie viele Spieler haben die Skyliners denn derzeit noch im Ausland, die Sie zum Ligastart wieder nach Deutschland holen wollen?

Wöbke: Wir haben fünf Spieler in den USA. Wir werden versuchen, die Leute zurückzuholen. Wenn es uns nicht gelingt, werden wir mit den Gießenern reden und fragen, ob wir nicht mit den Spielern, die noch in Gießen sind, eine Spielgemeinschaft machen. Dann schauen wir mal, ob wir nicht eine ordentliche Truppe in den Raum geschmissen kriegen (lacht). 

Koch: Dann haben wir auf jeden Fall gute Chancen.

hessenschau.de: Wagen wir zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft: Wird es ihre beiden Clubs in der nächsten Saison überhaupt noch geben?

Koch: Es geht für viele Vereine ums nackte Überleben. Vielleicht nicht im Mai und Juni, aber je länger wir planen müssen ohne Zuschauer, desto heftiger wird es uns ins Kontor schlagen. Ich denke, alle Vereine sind solide genug aufgestellt, um den Sommer zu überstehen. Davon gehe ich aus. Aber dass wir im nächsten Jahr nicht die gleiche Etat-Summe aufrufen können, wie in diesem Jahr, versteht sich von selbst. Es werden einige Sponsoren ihre Unterstützung herunterschrauben und einige vielleicht gar nicht mehr vorhanden sein. Das wird uns auch betreffen. Ich gehe davon aus, dass wir im nächsten Jahr in Gießen wieder Basketball spielen werden, aber den finanziellen Rahmen zurückdrehen müssen.

Wöbke: Ich kann mich dem nur anschließen. Unsere Erwartungshaltung ist, dass wir nicht vor Zuschauern werden spielen dürfen. Das heißt: Im Schnitt werden die Budgets um ein Drittel geringer sein. Ob dann noch alle da sein werden? Ich gehe für Gießen und uns davon aus, aber ich kann das für die anderen Teams nicht sagen. Von der Liga haben wir aber das Feedback bekommen, dass die Teams alle ihre Hausaufgaben gemacht und die Kosten drastisch heruntergefahren haben. Ich hoffe, dass die meisten Klubs das schaffen.