Pete Strobl schaut in Richtung Hallendecke

Neu-Trainer Pete Strobl kritisiert die Bedingungen bei Basketball-Bundesligist Gießen 46ers und die Freiwurfquote seiner Schützlinge. Gleichzeitig sieht er sich als Papa der Spieler - und ist nach einem Schicksalsschlag besonders gefragt.

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Audioseite Strobl: "Ich bin nicht zufrieden"

Gießen-46ers-Coach Pete Strobl
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Die Gießen 46ers haben einen Neuanfang in der Basketball-Bundesliga gewagt. Sportlich eigentlich abgestiegen, sicherten sich die Mittelhessen dank einer Wildcard erneut einen Platz in der höchsten deutschen Spielklasse. Mit Pete Strobl haben die 46ers einen Trainer nach Gießen gelotst, der als Bessermacher gilt, als Talentförderer. Im Interview mit hessenschau.de spricht der Coach über seine Ankunft in Gießen, über den Saisonstart und Schicksalsschläge abseits des Basketball-Courts.

hessenschau.de: Herr Strobl, bei ihrer Vorstellung in Gießen haben sie sich besonders auf das Elefantenklo in Gießen gefreut – eine Fußgängerüberführung, die bei den Einheimischen eher als hässlich gilt, als Symbol städtischer Fehlplanung. Haben Sie das Elefantenklo inzwischen besucht?

Pete Strobl: Ich sehe das Elefantenklo wahrscheinlich zweimal am Tag auf dem Weg zum Training, weil ich gerne zu Fuß gehe. Ich würde nicht sagen, dass es hässlich ist. Es ist eine gute Abkürzung. Die Stadt ist generell schöner, als die Leute denken.

hessenschau.de: Ihre Familie ist inzwischen auch in Gießen angekommen?

Strobl: Ja, wir haben eine Wohnung gefunden und uns schon eingelebt. Die Kinder haben schon Freunde gefunden, spielen in ihren eigenen Mannschaften in der ROTH Basketball Akademie. An den Wochenenden ist also viel zu tun. Meine Frau ist quasi eine Taxi-Fahrerin, bringt die Kinder zum Training und zu Spielen. Es ist sehr viel zu tun, aber es macht sehr viel Spaß.

hessenschau.de: Das klingt, als wäre Ihnen der Start in Gießen gut geglückt. Gilt das auch sportlich für ihre Aufgabe bei den Gießen 46ers?

Strobl: Nein, damit bin ich nicht zufrieden. Ich bin ein Typ, der immer mehr will. Wir haben ein paar gute Spiele gehabt und ein einziges wirklich schlechtes gegen Crailsheim abgeliefert. Als Mannschaft haben wir ab und zu gut performt. Da haben wir gekämpft, waren taktisch gut vorbereitet und haben immer eine Chance gehabt: bei den Bayern, in Bamberg und jetzt beim Sieg in Oldenburg. Wir sind auf einem guten Weg, auch wenn wir viel mit Verletzungen zu kämpfen hatten. Wir haben Charakter und spielen miteinander, aber zufrieden bin ich nicht.

hessenschau.de: Sie sind ein Trainer, der auf eine gute Defense Wert legt. Funktioniert das bei den 46ers, die in den Jahren zuvor eher eine offensive Philosophie verfolgt haben, schon gut oder gibt es da noch viel zu tun?

Strobl: Es ist in Ordnung, aber ab und zu haben wir zu viele Punkte weggeschenkt. Wir haben zwar gegen Oldenburg nur 72 Punkte zugelassen und das ist eine sehr gute Mannschaft, aber ich verlange, dass wir das 40 Minuten lang in jedem Spiel machen. Das ist schwer und erfordert viel Konzentration.

hessenschau.de: Ist das auch eine Frage der Konstanz? In Oldenburg haben die 46ers eine starke erste Halbzeit gespielt und den Gegner dann doch wieder rankommen lassen…

Strobl: Man darf nie vergessen, dass die Spieler, die wir haben, nicht auf dem gleichen Niveau sind wie bei vielen anderen Bundesliga-Vereinen. Wir haben Spieler mit Charakter, die den nächsten Schritt gehen wollen. Aber das bedeutet, dass sie sich weiterentwickeln müssen. Die erste Halbzeit in Oldenburg war super. Wir haben super getroffen und super verteidigt. Wir haben schon zur Halbzeit gewusst, dass sie mit Feuer aus der Kabine kommen werden – und das haben sie gemacht. Dann haben wir die Nerven behalten und das Spiel letztendlich gewonnen. Das zeigt, dass wir nie aufgegeben haben. Wir glauben an unser System und an unsere Mitspieler.

hessenschau.de: Was offensiv noch nicht wirklich funktioniert, sind die Drei-Punkte-Würfe (Trefferquote: 29,9 Prozent) und die Freiwürfe (64,3 Prozent). Haben Sie dafür eine Erklärung?

Strobl: Wir trainieren das natürlich, aber wir haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie andere Vereine. Wir können nicht 24 Stunden jeden Tag in eine Trainingshalle gehen. Die steht uns einfach nicht zur Verfügung. Das ist nicht so, wie ich es gerne hätte bei einer Profi-Mannschaft. Aber wir trainieren das und es wird mit der Zeit besser werden. Und zu den Freiwürfen: Das ist manchmal auch Kopfsache. Wir müssen einen Weg finden, dass Phil Fayne seine Wurftechnik verbessert. Es geht nicht, dass er nur 50 Prozent oder so von der Freiwurflinie trifft. Das hilft uns nicht.

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Audioseite Strobl: "Wir müssen für ihn da sein"

Gießen-46ers-Coach Pete Strobl
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hessenschau.de: Sie haben mit BJ Blake einen Spieler im Team, dessen Bruder gerade in den USA erschossen wurde. Wie geht er und wie gehen die 46ers mit diesem schweren Schicksalsschlag um?

Strobl: Ich bin ein "Papa" – ich liebe alle meine Spieler. Wir suchen einen Weg, um ihm zu helfen, ihn zu unterstützen. Aber bei dem, was er erlebt hat, ist es nicht so leicht. Das sollte niemandem passieren. Da kann man nicht schnell mal in einem Buch nachlesen und hat dann alle Antworten. Wenn er mehr Basketball braucht, bekommt er ihn. Wenn er ein bisschen Zeit braucht, müssen wir ihm die geben. Wir müssen einfach für ihn da sein.

Das Interview führte Gerald Schäfer.