Frust bei Gießen 46ers

Nach der Trennung von Headcoach Ingo Freyer bauen die Gießen 46ers im Abstiegskampf der Basketball-Bundesliga auf eine interne Trainerlösung. Druck gibt es erst einmal keinen, dafür aber selbst an Heiligabend Probleme.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found 46ers trennen sich von Trainer Freyer

Ingo Freyer
Ende des Audiobeitrags

Erst kam Corona, dann der Abstiegskampf: Das Jahr 2020 hat auch die Bundesliga-Basketballer der Gießen 46ers hart getroffen und kurz vor dem Jahreswechsel noch einmal kräftig durchgeschüttelt. Headcoach Ingo Freyer wurde nach mehr als drei Jahren entlassen und rund eine Woche vor Weihnachten durch Rolf Scholz ersetzt. Sein Auftrag: die 46ers zum Klassenerhalt führen. Wie das funktionieren soll? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Wie ist die Lage bei den 46ers?

In einem Wort: ausbaufähig. Die Gießener Basketballer haben sämtliche sechs Saisonspiele in der BBL verloren und stecken gemeinsam mit den ebenfalls noch punktlosen Teams aus Vechta und Chemnitz schon jetzt mittendrin im Abstiegskampf. Das Alarmierende: Richtig knapp war keine der bisherigen Niederlagen, 608 zugelassene Punkte ist der mit Abstand schlechteste Wert aller Teams. "Die Saison ist bislang nicht so verlaufen, wie wir uns das vorgestellt haben", fasste Geschäftsführer Michael Koch im Gespräch mit dem hr-sport zusammen. "Wenn wir uns die Tabelle angucken, stehen die Gießen 46ers dort auf dem letzten Platz." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Warum musste Ingo Freyer gehen?

Richtig überraschend war die Trennung von Freyer letztlich wohl nicht, der frühe Zeitpunkt in der Saison ist aber bemerkenswert. Der ehemalige Nationalspieler, der die Mittelhessen zur Saison 2017/18 übernahm und in den Folgejahren zu einem elften und zwei 13. Plätzen führte, war letztlich das schwächste Glied in der Kette. "Im Hochleistungssport gibt es nun mal bestimmte Mechanismen, wenn der Erfolg ausbleibt", begründete Koch die Trennung in der Vorweihnachtszeit. Sprich: Die 46ers brauchten eine Veränderung, diese gibt es jetzt auf der Trainerbank. "Wir müssen die Wende schaffen. Und das glauben wir mit einem Trainerwechsel am besten bewerkstelligen zu können."

Wer ist der Neue?

Rolf Scholz ist vor allem eins: ein waschechter Mittelhesse. In Gießen geboren, in Gießen Bundesliga gespielt, beim TV Lich im Landkreis Gießen 2. Liga gespielt, später die Gießen 46ers Rackelos trainiert. "Er kommt aus Gießen und leistet hier seit Jahren gute Arbeit. Deswegen haben wir uns entschieden, ihm diese Verantwortung zu geben", unterstrich Koch. "Rolf Scholz ist heimatverbunden, das ist wichtig für die DNA des Gießener Basketballs." Alles andere als das Bundesliga-Debüt als Coach der Gießen 46ers hätte da auch nicht ins Bild gepasst.

Ist Scholz die Dauerlösung?

Das ist noch nicht sicher. Koch betonte zwar, dass der Trainer-Neuling erst einmal keinen Druck, kein Limit und keine Vorgaben erhalten habe. Ein Freifahrtschein bis Saisonende bekam der 40-Jährige aber auch nicht ausgestellt. Klar ist: Koch und die 46ers wollen eine Veränderung und vor allem eine Verbesserung im Team sehen. Sollte das eintreten, stehen Scholz bei den 46ers alle Türen offen. Sollte die Niederlagen-Serie, die saisonübergreifend seit 14 Pflichtspielen anhält, aber nicht abreißen, könnte es auch schnell wieder vorbei sein mit der romantischen Lösung auf der Bank. "Wir haben das als Interimslösung eingeplant", so Koch. Nachbesserungen im Trainer- und Spielerbereich seien jederzeit möglich.

Was muss jetzt passieren?

Auch hier setzen die 46ers auf die bereits erwähnten Mechanismen des Geschäfts. Neue Besen, das weiß nicht nur das Phrasenschwein, kehren gut. Und ein bisschen frischer Wind hat noch niemandem geschadet. Koch betonte deshalb auch, dass der neue Mann an der Seitenlinie vor allem wieder das Feuer in der Mannschaft entfachen und den Spaß am Spiel zurückbringen müsse. Neuer Trainer, neue Chancen. Jeder Spieler kann sich anbieten, jeder Spieler fängt wieder bei Null an. "Durch so etwas kann ein Ruck entstehen", so Koch. Eine einfache, aber vielleicht ja effektive Vorgehensweise.

Und Corona?

Ja, auch die Corona-Pandemie spielt bei den Gießenern natürlich eine Rolle. Der Etat der ohnehin nicht auf Rosen gebetteten Mittelhessen ist vor der Saison noch einmal zusammengeschrumpft, im Kader stehen deshalb gerade einmal zehn Vollprofis. Selbst die Vorbereitung musste aus finanziellen Gründen etwas nach hinten geschoben werden. "Die Corona-Pandemie geht an niemandem spurlos vorbei", so Koch.

Besonders schwierig ist die Situation derzeit für die US-Amerikaner im Team, die aufgrund der Reise- und Hygienevorschriften dieses Jahr Christmas wohl ohne ihre Familie verbringen müssen. "Wir haben Spieler, die werden an Weihnachten komplett alleine sein. Da müssen wir viel kommunizieren, damit die nicht vereinsamen", betonte Koch. Auch das wird wohl eine Aufgabe des neuen Trainers. Es gibt sicher leichtere Anfangszeiten in diesem Job.

Wie geht's weiter?

Wie das so ist in diesen Zeiten mit vollgepackten Spielplänen und wenigen Pausen: Scholz‘ Debüt steigt bereits am Freitagabend (20.30 Uhr). Gegner dann: die ebenfalls noch sieglosen Niners aus Chemnitz. Eine größere Chance auf das so bitter benötige Erfolgserlebnis gibt es wohl nicht.