John Bryant klatscht mit einem Mitspieler ab.
John Bryant und die Gießen 46ers sind das Überraschungsteam der Bundesliga. Bild © picture-alliance/dpa

Zu schwer, zu alt, verbraucht: Vor knapp zwei Jahren schien die Basketball-Karriere von John Bryant vorbei. Dann unterschrieb der Center bei den Gießen 46ers - und spielt den vielleicht besten Basketball seiner Karriere.

John Bryant! Als die Gießen 46ers im Herbst 2017 ihren prominenten Neuzugang vorstellten, war die Überraschung groß. Dass sich der zweimalige MVP (wertvollste Spieler) der Basketball-Bundesliga dem kleinen Club aus Mittelhessen anschloss, zog ein gespaltenes Echo nach sich. Einige Fans träumten bereits vom Meistertitel, mindestens aber von den Playoffs. Andere schüttelten verständnislos den Kopf. Die Kritik: Bryant lebe von seinen Erfolgen aus der Vergangenheit, von seinem großen Namen. Ein Basketball-Schwergewicht sei er nur noch auf der Waage. Sein einzig verbliebener Drive sei der zur nächsten Burger-Bude.

Karriere-Ende war eine Option

Die Skepsis war nicht unbegründet. 2017 schien Bryant seine besten Jahre schon lange hinter sich gelassen zu haben. Hätte er sein Karriere-Ende verkündet, es wäre keine Überraschung gewesen. "Ich habe darüber nachgedacht, über meine Möglichkeiten auf- und jenseits des Platzes", gesteht Bryant im Gespräch mit dem hr-sport. Der 2,11 Meter große Center war in Vergessenheit geraten. Besser gesagt: Er hatte seine vielleicht größte Chance vergeigt und sich selbst vom Markt genommen.

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John Bryant im Spiel der 46ers gegen München

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Vor rund zwei Jahren war das, als Bryant den FC Bayern München nach einer Deutschen Meisterschaft und einer Vizemeisterschaft verließ und sein Glück in Valencia suchte. Doch die Spanier schmissen den US-Amerikaner nach nur zwei Spielen schon wieder aus dem Kader. Bryant habe 14 Kilo Übergewicht, so die Begründung. Für zwei Monate fand der Center noch beim französischen Erstligisten AS Monaco Unterschlupf, mit Beginn des Jahres 2017 war er vereinslos.

Gießener Beschaulichkeit als Erfolgsrezept

"Vom Basketball weg zu sein, war keine gute Situation für mich. Aber ich habe damals gerade meinen Sohn bekommen und konnte viel Zeit mit ihm verbringen", erzählt Bryant. Seine Familie lebt in München. Dort überlegte er, wie es weitergehen sollte. "Und am Ende war ich mir sicher, dass ich zurückkommen möchte."

In Gießen bekam er seine zweite Chance – und nutzte sie eindrucksvoll. Schon in seiner ersten Saison in Mittelhessen schlug der prominente Neuzugang voll ein. In seiner zweiten ist "Big John" so gut wie vielleicht noch nie zuvor in seiner Karriere. Er führt die Liga in Punkten pro Spiel (19,7) und Rebounds (10,9) an. Und auch seine Statistiken bei geblockten Würfen (1,2) und Assists (5,2) können sich mehr als sehen lassen. Alles an Bryants Spiel schreit derzeit nach einem dritten MVP-Titel.

Anpassungen auf beiden Seiten

Dass er gerade in Gießen plötzlich wieder Top-Leistungen abliefert, ist für den inzwischen 31-Jährigen keine große Überraschung: "Die größeren Clubs sind schon mehr businessorientiert. Hier ist alles eher familiär. Das ist einer der Hauptgründe, warum es vergangene Saison so gut bei mir lief." Die 46ers sind quasi der Gegenentwurf zu all den Bayern Münchens und Valencias. Vielleicht ist in Mittelhessen nicht alles so professionell wie andernorts, doch die Verantwortlichen und die Stadt leben Basketball. "Die Leute sind sehr involviert und engagiert. Sie haben einfach diese Leidenschaft. Das spürt man." Es ist eine glückliche Liaison zwischen dem kleinen Club und "Big John". Beide Seiten profitieren voneinander – und beide lernen noch etwas hinzu.

46ers-Coach Ingo Freyer gibt John Bryant Anweisungen an der Seitenlinie.
John Bryant und Ingo Freyer haben einen guten Draht zueinander. Bild © picture-alliance/dpa

Unter Head-Coach Ingo Freyer hatten die 46ers eigentlich ein Run-and-gun-System entwickelt. Rennen und werfen, zurückrennen und verteidigen – und dann das ganze wieder von vorne. Mit dem massigen Bryant ist so ein kraftraubendes Spiel auf Dauer nicht zu machen. "Das ist manchmal gut. Manchmal muss man das Spiel aber auch verlangsamen und den Ball nach innen unter den Korb geben. Das ist eine gute Alternativoption", erklärt der Wahl-Gießener. Das haben Coach und Star-Spieler auch miteinander besprochen – und einen Mittelweg gefunden. Es gibt Momente, in denen Bryant seinen Vorgesetzen bittet, ihn auf die Bank zu setzen, weil er der Meinung ist, dass das Team eine aggressivere Defense mit schnellen Spielern auf dem Feld braucht. "Wir sind beide Profis und ich glaube, Ingo versteht, dass ich das Bestmögliche fürs Team möchte", so Bryant.

Playoff- und MVP-Ambitionen

Das Bestmögliche wäre die Qualifikation für die Playoffs. Darauf arbeiten die Mittelhessen seit ihrem Wiederaufstieg in die Bundesliga 2015 hin. Bislang haben sie sechs ihrer neun Bundesligaspiele gewonnen. "Wir haben auf jeden Fall eine gute Chance mit diesen Jungs. Wir werden eine Menge Leute überraschen – wie wir bisher schon Leute überrascht haben", verspricht Bryant, der seinen Vertrag im Sommer um zwei weitere Spielzeiten verlängert hat. Dass der Go-To-Guy inzwischen auch richtig mannschaftsdienlich spielt, ist eine Folge des Freyer-Systems und seiner gewachsenen Erfahrung. "Mit Alter kommt Weisheit", sagt Bryant und erläutert: "Wenn du einen Korb machst, fühlst du dich vielleicht gut. Aber wenn du einen guten Assist gibst, fühlt sich dein Mitspieler gut, ich fühle mich gut und die Coaches sind happy, dass wir den Ball zirkulieren lassen."

Sein Gewicht, das die 46ers auf ihrer Website mit 127 Kilogramm angeben, war in Gießen übrigens nie ein Thema. "Alle wissen, dass ich ein größerer Typ bin und dass ich mir das auch zum Vorteil machen kann" Das haben die letzten eineinhalb Jahre eindrucksvoll bewiesen. Wie ein Modellathlet sieht Bryant noch immer nicht aus. Das wird er auch nie. Die Kritiker sind trotzdem schon lange verstummt.

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46ers-Coach Ingo Freyer konnte mit seinem Team zufrieden sein.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found 46ers-Coach Freyer: Mental stärker sein als der Gegner

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