Niklas Kiel galt als großes Basketball-Talent, bei den Skyliners Frankfurt wollte er zum NBA-Kandidaten reifen. Nach drei Gehirnerschütterungen verbrachte er Wochen im abgedunkelten Zimmer, musste Riechen, Schmecken, Hören neu lernen. Und mit nur 22 Jahren seine Karriere beenden. Ein Interview.

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Niklas Kiel
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Karriereende mit nur 22 Jahren - so erging es Niklas Kiel von Basketball-Bundesligist Skyliners Frankfurt. Er konnte nach drei Gehirnerschütterungen und weiteren gesundheitlichen Rückschlägen nicht mehr Basketball spielen, aber nicht nur das. Im Interview spricht er Stürze, Schmerzen und das Aus seines Traumes.

hessenschau.de: Niklas Kiel, nach drei Gehirnerschütterungen innerhalb von nicht einmal zwei Jahren haben Sie vor Kurzem Ihr Karriereende verkündet. Erinnern Sie sich an die erste Gehirnerschütterung 2017?

Niklas Kiel: Ja. Ich bekam im Training von meinem Mitspieler Mike Morrisson den Ellbogen an den Kiefer. Es hat ein bisschen geblutet, ich hatte Kopfschmerzen, konnte aber weiterspielen. Das passierte gegen Ende des Trainings, ich fuhr nach Hause und schlief sofort ein. Dass etwas nicht stimmte, merkte ich erst am nächsten Morgen in der Kabine. Ich bückte mich, um mir die Schuhe zu schnüren, und plötzlich wurde mir schwindelig und schwarz vor Augen.

hessenschau.de: Wie ging es weiter?

Kiel: Unser Physio sah, was los war und brachte mich zum Arzt. Dort gab es die Diagnose Gehirnerschütterung. Die Symptome in den Wochen und Monaten danach waren heftig. Ich musste wochenlang im abgedunkelten Raum verbringen und konnte kaum etwas machen. Wenn ich versuchte zu lesen, fingen die Buchstaben auf der Seite an zu fliegen. Wenn ich einen Spaziergang machen wollte, musste ich mich oft übergeben und wieder nach Hause gehen. An guten Tagen konnte ich ein Hörbuch hören, aber das war es auch schon. Ich verbrachte die Zeit in Herford bei meiner Familie, anders hätte ich das nicht überstanden. Ich hätte mich auch nicht alleine versorgen können.

hessenschau.de: Nach einigen Monaten kehrten Sie ins Training zurück. Wie verlief die Reha?

Kiel:Ich bin recht streng dem "Return to Play Protocol" gefolgt. Das ist ein mehrstufiger Plan für Sportler aus dem US-Sport, die nach Kopfverletzungen zurück ins Training wollen. Darin sind kleine Stufen geregelt, mit denen man die Rückkehr schafft. Die erste Stufe war: 20 Minuten spazieren gehen, ohne Probleme zu haben. Die nächste Stufe waren 20 Minuten auf dem Ergometer. So habe ich mich zurückgearbeitet, ins leichte Training, ins Mannschaftstraining und dann auch wieder ins Spiel.

hessenschau.de: Wie sehr denkt man an die Gehirnerschütterung, wenn man das erste mal wieder auf dem Platz steht?

Kiel: Es war eine Challenge, den Gedanken aus dem Kopf zu kriegen. Wenn du im Spiel die ganze Zeit daran denkst, wirst du aufgefressen. Aber ich habe es ganz gut geschafft, auch mit Hilfe eines Sportpsychologen. Er hat mir verschiedene Strategien an die Hand gegeben. Zum Beispiel hat er mir die Wahrscheinlichkeit vorgerechnet, im Basketball nach einer Verletzung wie ich sie hatte einen erneuten Kopftreffer abzubekommen. Die liegt bei 0,08 Prozent. Die Zahl habe ich mir auf meinen Schuh geschrieben, um mich daran zu erinnern.

hessenschau.de: 0,08 Prozent Wahrscheinlichkeit, und schon im dritten Spiel erlitten Sie die nächste Gehirnerschütterung.

Kiel: Ja, die Zahl habe ich dann auch wieder vom Schuh entfernt. Im Spiel gegen Bremerhaven traf mich mein Gegenspieler unter dem Korb mit dem Ellbogen an der Schläfe und knockte mich aus. Ich erinnere mich noch daran, dass der Mannschaftsarzt über mir kniete, und dass es in der Halle relativ still war. Ich war ziemlich neben der Spur und habe wirres Zeug geredet, aber es war mir irgendwie auch bewusst, was passiert war.

hessenschau.de: Waren die Symptome schlimmer als beim ersten Mal?

Kiel: Ja. Der Schwindel war krasser. Wenn ich aufgestanden bin, hatte ich einen starken Rechtsdrall. Selbst Hinstellen wurde für mich sehr schwierig, das hat den Alltag enorm erschwert. Ich verbrachte erneut drei, vier Monate zuhause und durchlief wieder das Protokoll. Gegen Ende der Saison machte ich sogar noch ein, zwei Spiele, nach der Sommerpause kam es dann zur dritten Gehirnerschütterung.

hessenschau.de: Was passierte?

Kiel: 2018 wohnte ich in einem Wohnhaus im fünften Stock und wartete auf den Aufzug. Ich drehte mich nach rechts zur Treppe, plötzlich wurde mir sehr schwindelig und schwarz vor Augen. Man kennt das ja, wenn man mal zu schnell aufsteht. Normalerweise geht das ja gut. Aber bei mir nicht. Ich fiel die Treppe runter, acht Stufen, und schlug unten mit dem Kopf auf. Ich kann mich noch an das Geräusch des Aufschlags erinnern, dann war ich lange bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, rief ich den Mannschaftsarzt an.

hessenschau.de: Der muss doch gedacht haben, Sie würden ihn veräppeln.

Kiel: Das habe ich vor allem von mir selbst gedacht. Ich habe nicht verstanden, wie ich als junger Profisportler eine Treppe runterfallen kann. Als 90-Jähriger hätte ich das akzeptieren können, aber so? Das hat mich sehr skeptisch gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kiel: "Hab nie verstanden, warum ich die Treppe runterfalle"

Niklas Kiel von den Frankfurt Skyliners
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hessenschau.de: Verschlimmerte sich die Symptomatik?

Kiel: Auf jeden Fall. Acht Stufen, und das bei meiner Größe: Das war schon ein heftiger Einschlag. Der Schwindel war noch schlimmer und ich war motorisch sehr eingeschränkt. Auch meine Sinne waren betroffen, ich hatte starke Probleme mit dem Riechen, Hören, Sehen und Schmecken.

hessenschau.de: Beim Schmecken?

Kiel: Ein Beispiel: Ich konnte auf einmal extrem scharf essen. Ich war ja bei meinen Eltern und mein Vater isst sehr gerne scharf, wohingegen ich da immer sehr empfindlich war. Plötzlich hat mir die Schärfe nichts mehr ausgemacht, das war schon auffällig. Und beim Hören war es so, dass ich andere Menschen oft nicht mehr richtig verstanden habe. Ich konnte auch Gerüche wie Benzin der Desinfektionsmittel nicht mehr wahrnehmen. Ich dachte, das sei Wasser.

hessenschau.de: Wie ging es weiter?

Kiel: Ich war wieder zuhause in Herford, als sich unser Athletiktrainer Dennis Welm meldete. Er kannte einen Kollegen, von dem er dachte, dass er mir helfen kann: Niko Romm, der mit Footballern, Eishockeyspielern und MMA-Kämpfern zusammenarbeitet, die Kopfverletzungen hatten, und mit ihnen neurozentriertes Athletiktraining machte. Er hat auch mir dann geholfen, im Alltag wieder klarzukommen.

hessenschau.de: Was hat es mit dem neurozentrierten Athletiktraining auf sich?

Kiel: Wir machten relativ ausgefallene Übungen, um die Sinne zu schulen. Sehübungen, Atemübungen, Hörübungen. Bei den Hörübungen zum Beispiel saß ich mit geschlossenen Augen auf einem Stuhl und der Trainer stand hinter mir und schnipste mit den Fingern. Ich musste dann mit dem Finger in die Richtung deuten, aus der ich meinte, dass das Geräusch kam. Anfangs passierte es, dass er links neben meinem Kopf schnipste, ich aber das Geräusch rechts hörte. Aber mit der Zeit wurde es besser. Wir machten das Training jeden Morgen um sieben Uhr in der Halle, als noch niemand dort war. Das war mein Tages-Highlight. Nach und nach konnte ich auch ein bisschen Krafttraining integrieren und später dann auch wieder beim Mannschaftstraining zugucken. Das war super, wieder unter den Jungs zu sein.

hessenschau.de: Sie machten gegen Ende der Saison noch elf Spiele für die Skyliners. Das Training scheint also einen Effekt gehabt zu haben.

Kiel: Die Therapie hat meine Konzentrationsfähigkeit enorm erhöht. Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass ich nur deswegen noch einmal spielen konnte, weil das vieles kompensiert hat. Ich hatte nach wie vor Probleme mit dem Gleichgewicht und der Koordination, konnte das über meine gesteigerte Konzentration aber überspielen. Das hat mich als Sportler für diese Spiele am Leben gehalten.

hessenschau.de: Nach dem Comeback ging es in die Sommerpause, kurz vor Saisonstart hieß es seitens der Skyliners, sie würden nicht mit Ihnen für die Saison planen. Was war passiert?

Kiel: Ich wollte im Sommer viel trainieren, um den Trainingsrückstand aufzuholen. Unter anderem flog ich in ein Trainingslager in den USA. Als der Flieger abhob, hatte ich plötzlich unfassbare Kopfschmerzen, mir wurde übel und ich wurde fast ohnmächtig. Das hatte ich vorher nie. Im Training hatte ich dann auch wieder Probleme, vor allem bei Dreh- und Überkopfbewegungen, und auf dem Rückflug kam wieder der Schmerz beim Abheben. Und dann hatte ich noch ein Schlüsselerlebnis im Urlaub.

hessenschau.de: Welches?

Kiel: Ich fuhr vor dem Saisonstart eine Woche nach Spanien, um den Kopf frei zu bekommen. Als ich im Meer schwamm, tauchte ich kurz unter. Als ich wieder nach oben tauchen wollte, verwechselte ich die Richtungen und tauchte nach unten. Ich konnte oben und unten nicht mehr unterscheiden und bekam Panik. Da wusste ich, dass etwas immer noch nicht normal war. Ich ließ mich noch einmal durchchecken, unter anderem von einem Neurologen, der sich gezielt auf mein Gleichgewichtsorgan konzentriert hat. Im Krankenhaus wurde immer das Gehirn untersucht, ob es Blutungen gibt oder Veränderungen, was nie der Fall war. Erst der Neurologe sah sich das Gleichgewichtsorgan im Ohr an und stellte fest, dass ich dort erhebliche Schäden hatte.

Diese Schäden hatten den schweren Schwindel ausgelöst und waren auch ursächlich für meinen Treppensturz. Und es war die Diagnose, die mir das Genick gebrochen hat, weil ich damit nicht weiterspielen kann. Wenn ich den Kopf in den Nacken lege oder schnell zu den Seiten bewege, brauchen meine Augen durch den Schwindel immer einen kurzen Moment, um wieder klar zu sehen. Ich habe noch ein halbes Jahr Reha gemacht, da ging es aber in erster Linie darum, dass ich im Alltag keine Probleme habe. Die Möglichkeit, wieder Basketball zu spielen, wurde erst einmal offen gelassen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kiel: "Das ist nicht normal, oben und unten nicht unterscheiden zu können"

Niklas Kiel hängt am Korb
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hessenschau.de: Wie war der Moment, als Ihnen klar war, dass die Karriere zu Ende ist?

Kiel: Die Reha war hart, ich bin jeden Tag an die Kotzgrenze gekommen. Nachdem das halbe Jahr vorbei war, wurden die Werte von vor und nach der Reha verglichen. Der Neurologe zeigte mir eine Kurve mit Werten, die zeigen, wie man normalerweise auf die Übungen reagiert. Und dazu im Kontrast meine Kurve, die tief rot war. Da wusste ich: Game over! Das war ganz schon tough. Ich habe mein Leben nach dem Sport ausgerichtet. Das ist die schlimmste Nachricht, die man als Profi bekommen kann. Aber durch die Zeit, in der ich nichts machen konnte und nur zuhause lag, habe ich die kleinen Dinge auch sehr zu schätzen gelernt. Da wurde Basketball schnell ziemlich klein. Und jetzt bin ich einfach froh, dass ich wieder gesund bin und einen normalen Alltag haben kann. Ich kann joggen, kann pumpen gehen. Aber klar, ich würde wahnsinnig gerne weiterspielen.

hessenschau.de: Hadern Sie manchmal mit dem Schicksal? Welcher Basketballer hat schon so viel Pech?

Kiel: Das habe ich mich oft gefragt. Gerade nach dem Treppensturz konnte ich gar nicht begreifen, was los ist und warum mir so etwas passiert. Die Diagnose des Schadens am Gleichgewichtsorgan hat mir geholfen, das zu verstehen und zu akzeptieren. Es ist passiert, das ist scheiße und Pech. Aber im Sport kann so etwas immer passieren und ich bin auch kein Typ, der viel über das Hätte, wäre, wenn nachdenkt. Ich habe gelernt, es zu akzeptieren.

hessenschau.de: Im Facebook-Post zu Ihrem Karriereende schrieben Sie auch, Sie seien stolz und dankbar.

Kiel: Dass ich mit so einer Diagnose überhaupt wieder zocken konnte und dann auch noch ein paar gute Spiele hatte, macht mich schon stolz. Und ich hatte auch einige Karrierehighlights. Ich bin mit der U16-Nationalmannschaft Europameister geworden, mit der U14 und U16 von Paderborn jeweils Deutscher Meister. 2016 haben wir mit Frankfurt den FIBA Europe Cup gewonnen. Und generell die Zeit als Profi in Frankfurt, da gab es so viele schöne Momente. Ich stehe auch weiterhin in Kontakt mit den Jungs und verfolge die Spiele. Frankfurt ist mein zweites Zuhause geworden.

hessenschau.de: Die Basketballkarriere ist vorbei. Wie geht es weiter?

Kiel: Eigentlich wollte ich ein bisschen um die Welt reisen, da hat mir Corona aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aktuell bewerbe ich mich an ein paar Unis, in Richtung Sportwissenschaft. Und dann werde ich erst einmal das Studentenleben genießen.

Das Interview führte Stephan Reich.