Die Sandhöfer Wiesen sind heute eine schmucklose Kreisliga-Sportanlage im Frankfurter Stadtteil Niederrad. Vor einhundert Jahren startete aber genau hier der Fußball seinen Siegeszug Richtung Volkssport.

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100 Jahre Fußball
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Der 13. Juni 1920 ist ein Tag, der in die deutsche Fußballgeschichte eingeht. Menschenmassen versammeln sich auf den Sandhöfer Wiesen im Frankfurter Stadtteil Niederrad. Dicht gedrängt, Schulter an Schulter, umstellen sie das Fußballfeld. "Jeder hat seine Frühstückstasche in der Hand, es wird gefuttert, getrunken und eifrig debattiert", heißt es später in der Mittelrheinischen Sportzeitung. Es wird das bis dahin größte Fußballereignis der deutschen Geschichte. Es ist das Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1920. Teilnehmer sind die beiden fränkischen Vereine, die später zu Dauerrivalen werden: der 1. FC Nürnberg und die SpVgg Fürth – für Sportexperten damals die zwei besten Teams in Deutschland.

35.000 Schlachtenbummler sind zu diesem Spiel auf die Sandhöfer Wiesen nach Niederrad gekommen. So viele waren es nie zuvor bei einem Fußballspiel in Deutschland. Erstmals werden auch Sonderzüge eingesetzt, um die fränkischen Fans nach Frankfurt zu bringen. Die Euphorie ist riesig. Schon im Vorverkauf gehen mehr als 25.000 Tickets über die Ladentheke.

Auf dem Schwarzmarkt werden Preise von bis zu 200 Mark für einen Sitzplatz aufgerufen, wie später das Zeitspiel-Magazin berichtet. Die Fans in den hinteren Reihen können kaum etwas sehen. Einige bringen Backsteine mit, um sich darauf zu stellen. Andere haben Trittleitern dabei und vermieten die Sprossen. Die oberste gibt es für 25 Mark, heißt es in der Chronik des 1. FC Nürnberg.

Deutscher Fußball: von Niederrad ins ganze Land

Experten und Historiker sind sich heute einig, dass dieses Spiel in Niederrad einer der Ausgangspunkte für die Entwicklung des Fußballs hin zum Volkssport ist. Der Erste Weltkrieg ist gerade beendet, vor den entbehrungsreichen Kriegstagen ist Turnen die angesagteste Sportart. Das dient damals aber vor allem dazu, die Männer mit militärischem Drill zu kriegstauglichen Soldaten zu formen. Nach den schrecklichen Erlebnissen des Krieges haben die Menschen offenbar keine Lust mehr auf Drill. Viele wenden sich dem Fußball zu.

Außerdem wirkt sich der Krieg auch ganz direkt auf den Erfolg des Fußballs aus. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) schickt damals Bälle an die Front, denn es wird ja nicht durchgehend gekämpft. "Hinter den Kriegsfronten haben die Soldaten oft Fußball gespielt. Als sie dann später nach Hause kamen, haben sie gesagt: Der Krieg war entsetzlich, aber das Fußballspielen hat Spaß gemacht", erklärt Matthias Thoma vom Eintracht-Frankfurt-Museum, der den Fußball nach dem Ersten Weltkrieg intensiv erforscht hat.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found In Frankfurt-Niederrad wurde der Fußball zum Volkssport

Schwarz-weiß-Fotografie einer Szene aus dem ersten Endspiel 1920
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Ein weiterer Erfolgsfaktor: Erstmals spielen Offiziere aus der gesellschaftlichen Oberschicht Seite an Seite mit Rekruten, die eher aus dem Arbeitermilieu stammen. Der Fußball weicht die Klassengrenzen auf. Vor dem Krieg ist er eher etwas für Akademiker und Menschen aus dem Bürgertum. Nachher erreicht er auch die breite Masse des Proletariats. Dazu kommt noch, dass die damalige SPD-Regierung den Acht-Stunden-Arbeitstag einführt. Viele Menschen haben auf einmal mehr Freizeit. Liegt die Zahl der DFB-Mitglieder vor dem Krieg noch bei knapp 190.000, sind es 1920, am Tag des Frankfurter Endspiels, bereits 470.000.

Wer heute auf das Areal kommt, kann sich kaum noch vorstellen, dass auf den Sandhöfer Wiesen mal ein deutscher Meistertitel ausgespielt wurde. Die Anlage ist mittlerweile ein Sportplatz ohne jeglichen Ausbau. Besuchertribünen? Fehlanzeige. Die Kreisligisten SC Weißblau Frankfurt und PSV Sandhof Niederrad tragen hier ihre Heimspiele aus. "Wir spielen vor 50 bis 100 Zuschauern. Aber wenn man sich überlegt, was hier vor hundert Jahren los war, dann ist das schon was Besonderes", berichtet Weißblau-Geschäftsführer Karlheinz Cambeis.

Frankfurt-Niederrad: gut erreichbar, moderner Fußballplatz

Überhaupt kann man sich die berechtigte Frage stellen, warum die Sandhöfer Wiesen als Austragungsort für die so wichtige erste Nachkriegs-Meisterschaft ausgewählt wurden. Damals – lange vor Gründung der Bundesliga – wird die Endrunde um den Titel noch im K.o.-System ausgespielt. Für das Finale sucht der DFB jedes Jahr einen neutralen Spielort. Für Frankfurt spricht 1920, dass die Stadt für die Finalisten aus Nürnberg und Fürth schon damals gut mit dem Zug zu erreichen ist. Außerdem ist das Germania-Stadion auf den Sandhöfer Wiesen damals einer der modernsten Fußballplätze in Deutschland. Das Vereinshaus wird erst eine Woche vor dem Meisterschafts-Finale eingeweiht.

Die Sandhöfer Wiesen in Niederrad

Kleine Randnotiz: Die Veranstalter laden 1920 auch Frankfurts Oberbürgermeister Georg Voigt zum Finale ein, schicken ihm sogar zwei Ehrenkarten. Dieser lehnt jedoch ab, weil er anderen dienstlichen Verpflichtungen nachgeht. Heute ist es kaum vorstellbar, dass Peter Feldmann eine solche Einladung ausschlagen würde – es ist aber auch ein Hinweis darauf, welchen Stellenwert der Fußball damals gegenüber heute hatte.

Nürnberg besiegt Fürth im ersten Nachkriegs-Finale

Auch ohne die Anwesenheit des Oberbürgermeisters pfeift Schiedsrichter Peco Bauwens (später DFB-Präsident) das Endspiel vor 100 Jahren an. Und als er es nach 90 Minuten beendet, recken die Nürnberger ihre Arme in den Frankfurter Nachmittagshimmel. Die kampfstarken "Glubberer" bezwingen die technisch versierteren Fürther mit 2:0. Es ist der Startschuss für die goldene Ära des 1. FC Nürnberg, der alleine in den 1920er Jahren fünf Mal Meister und erst 1987 vom FC Bayern als Rekordmeister abgelöst wird.

Es ist aber auch der Startschuss für die goldene Ära des Fußballsports. Jener Sport, der heute die Millionen in die Stadien lockt, wenn nicht gerade eine Pandemie es verhindert. Kaum zu glauben, dass dies alles einmal seinen Anfang in Frankfurt-Niederrad genommen hat. Vor 100 Jahren auf den Sandhöfer Wiesen.