Würges

Der 100. Geburtstag des RSV Würges ist nicht irgendein Jubiläum. Der Verein ist eine hessische Fußball-Legende. Und er hat etwas, was sonst kein anderer hat.

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Hundert Jahre RSV Würges
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Würges ist ein idyllisches Nest mit 2.500 Einwohnern im Süden von Bad Camberg. Aber wenn in dem Dorf der Fußball rollt, ist es mit der Ruhe vorbei. Denn nicht nur die enthusiastischen Fans des Gruppenligisten sorgen mit Anfeuerungsrufen und wahlweise auch Meckereien für Lautstärke. Vor allem ist es eine Glocke, die dem RSV Würges einen ganz unverwechselbaren Stadionsound gibt.

"Immer, wenn unsere Mannschaft mit dem Ball über die Mittellinie kommt, dann ziehe ich hier am Glockenseil und läute zum Angriff", erklärt Olaf Bänsch. Er ist nicht nur Stadionsprecher, sondern gleichzeitig der Glöckner vom Goldenen Grund – so heißt das Stadion der Würgeser.

Eine Hand am Mischpult, eine am Glockenseil

Lässig steht Bänsch in seiner Sprecherkabine, mit der einen Hand am Mischpult und der anderen am Glockenseil. Von seinem Holzverschlag aus hat er einen guten Überblick über das Spielfeld. Auf dem Dach des Sprecherhäuschens ist die Glocke in einem Turm verbaut.

Aber warum hat ein Fußballstadion eine Glocke? Auch wenn Fußball für viele Menschen eine Art Religion ist, findet man so etwas doch eher in Kirchen. Die Antwort auf diese Frage ist mit einer Zeitreise verbunden. Eine Zeitreise ins Jahr 1980, die goldene Zeit am "Goldenen Grund" des RSV.

Ein Andenken an den Sieg in Bremerhaven

Damals reiste der RSV in der zweiten Runde des DFB-Pokals zu Zweitliga-Absteiger OSC Bremerhaven. Als Oberligisten hatten sich die RSV-Akteure eigentlich kaum Chancen auf ein Weiterkommen ausgerechnet – und doch mit 2:0 gewonnen. "Zur anschließenden Party hatte unser damaliger Präsident ein Schiff gemietet. Die 'Seuthe Deern'", erinnert sich Erich Brands, Kapitän des Sensations-Siegers.

Würges

Die mitgereisten Fans des RSV Würges hatten es schnell auf die Schiffsglocke abgesehen, von einem solchen Fußball-Festabend brauchte man schließlich ein Erinnerungsstück. "Einige wollten die Glocke einfach so mitgehen lassen. Der Kapitän hat dann seinen Großvater als Aufpasser neben die Glocke gesetzt", erzählt Brands. Schließlich wurde man sich aber auf legalem Wege einig. "Wir haben die Glocke für eine Ablösesumme von rund 600 Mark dann bekommen."

Glocke in Würges wird zum Zuschauermagneten

Mit der Glocke zuhause angekommen, wurde das gute Stück erst einmal an die Hauswand des Vereinsheims montiert, aber nur zu besonderen Spielen geläutet. Als dann das Stadion ausgebaut und überdacht wurde, haben die RSV-Verantwortlichen auch einen Glockenturm auf die Kabine des Stadionsprechers gesetzt. Dort ist die ehemalige Schiffsglocke seitdem fest verbaut. "Von da an hat sich das so entwickelt, dass dann immer in gefährlichen Situationen geläutet wird", so Brands.

Seither ist die Glocke viel bestaunter Anlaufpunkt für Fußballfreunde aus der ganzen Republik. Die Kirche hat übrigens kein Problem damit, dass ein sakraler Gegenstand für eine wenig göttliche Angelegenheit gebraucht wird. "Manchmal läuten wir zur vollen Stunde mit der Kirchenglocke um die Wette", schmunzelt Stadionsprecher Bänsch. Wegzudenken ist dieses besondere Merkmal aus dem Vereinsleben des RSV Würges ohnehin nicht mehr, sagt Spielerlegende Brands: "Wir sind stolz auf unsere Glocke. Die gehört zum RSV einfach dazu."

Schiedsrichter meckert: Glocke manipuliert Spielgeschehen

Lediglich Schiedsrichter hatten hin und wieder Probleme mit dem Sturmgeläut. "Da war mal einer, der nach dem Spiel einen Sonderbericht geschrieben hat. Darin stand, wir würden mit der Glocke manipulativ auf das Spielgeschehen einwirken", erinnert sich Bänsch. Konsequenzen hatte die Beschwerde des Unparteiischen aber nicht.

Im Gegenteil: "Der Schiedsrichter-Obmann hatte seinen jungen Kollegen ermahnt, er möge sich doch bitte vor den Spielen über die örtlichen Gegebenheiten informieren." Schließlich müsse man wissen, dass das Geläut in Würges mittlerweile Kult ist.

Corona-Krise verhindert Abstieg des RSV Würges

Die Glocke hat große Zeiten erlebt. Legendäre Schlachten im DFB-Pokal zum Beispiel. Am "Goldenen Grund" waren Vereine, wie Fortuna Düsseldorf und der VfL Osnabrück zu Gast. In der Hessenliga durften auch der SV Darmstadt 98 oder die Kickers aus Offenbach Erfahrung mit der Widerspenstigkeit der Würgeser Dorffußballer machen.

Diese Zeiten sind allerdings vorbei. Die Glocke wird zwar weiter fleißig geläutet, respekteinflößend ist sie aber nicht mehr für Gegner aus Düsseldorf, Darmstadt oder Offenbach. Heutzutage geht es gegen die Gruppenliga-Konkurrenz aus Niedernhausen, Niederhöchstadt oder Okriftel. Den Abstieg in die Kreisoberliga wird der coronavirusbedingte Abbruch der Saison verhindern.

An Pfingsten hätte gefeiert werden sollen

Nichtsdestotrotz hat der RSV auch in diesem Jahr allen Grund, die Jubiläumsglocken zu läuten. Zwar ist der Verein nicht mehr die große Nummer der vergangenen Jahre, aber immer noch ein beliebter Treffpunkt für Würgeser aller Generationen. Ob Disco im Vereinsheim oder Bier und Bratwurst beim Gruppenliga-Fußball: Der "Goldene Grund" ist auch in Zeiten der Siebtklassigkeit immer gut besucht.

Gleiches dürfte für die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag gelten, die eigentlich am Pfingstwochenende hätten steigen sollen. Wenn Corona es zulässt, soll nun im September gefeiert werden. Und wer weiß: Vielleicht werden beim RSV Würges eines Tages ja auch mal wieder sportlich bessere Zeiten eingeläutet.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 31.05.20, 19.30 Uhr