Harez Habib im Einsatz für den KSV Hessen Kassel

Die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan schockiert die Welt. Der afghanische Ex-Nationalspieler Harez Habib aus Hessen sorgt sich um sein Heimatland – und plant eine Hilfsaktion.

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Die Bilder sind so erschreckend wie allgegenwärtig: der überfüllte Flughafen Kabuls, Menschen, die aus Angst vor den Taliban panisch versuchen, irgendwie noch das Land zu verlassen. Andernorts gespenstisch leergefegte Straßen, weil sich die Bewohner nicht mehr aus den Häusern trauen. In Afghanistan spielt sich vor den Augen der Welt eine Tragödie ab.

Eine Tragödie, die sich für Harez Habib und seine Frau Giti noch deutlich näher anfühlt als für andere. Habib ist in Kabul geboren, mit drei Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Er ist in Hessen aufgewachsen, wurde auf den hiesigen Sportplätzen groß, in Nordshausen, Baunatal oder Kassel. Im Trikot von Hessen Kassel stieg er fast in die 3. Liga auf, wurde afghanischer Nationalspieler. Und muss nun mit ansehen, wie seine Heimat erneut den radikalen Islamisten in die Hände fällt. "Das Wort Hoffnung hat aktuell keinerlei Bedeutung für mich, es ist nicht mehr in meinem Wortschatz", so Habib. "Ein ganzes Land steht vor der Zerstörung."

"Das Nationalstadion wurde damals für Hinrichtungen genutzt"

Sechs Jahre spielte Habib für Afghanistan, in 16 Partien markierte er vier Treffer, spielte eine Südasienmeisterschaft. Durch den Fußball habe er noch einmal eine ganz andere Verbindung zu Afghanistan aufbauen dürfen, so Habib. "Zu sehen, wie sich das Land entwickelt, wie neue Stadien und Fußballplätze gebaut wurden, das hat mich stolz gemacht. Für die Nationalmannschaft zu spielen, war für mich eine Möglichkeit, dem Land etwas zurückzugeben. Auch wenn es nur der Fußball war."

Mit den Kollegen von damals sprach er auch über die Gräuel der Taliban. "Als wir 2007 unsere Mitspieler kennenlernten, die in Afghanistan noch unter den Taliban gelebt hatten, haben sie uns davon erzählt", so Habib. "Das Nationalstadion wurde damals für Hinrichtungen genutzt, und einige der Mitspieler mussten als Kinder bei den Hinrichtungen zusehen. Dass sie an diesem Ort dann Fußball spielen mussten, war für sie ein Trauma."

"Das Land wird in die Steinzeit zurückversetzt"

Ein Trauma, das nun wieder droht. Nach dem Abzug der NATO-Truppen dauerte es gerade einmal zwei Wochen, bis die Taliban die Macht im Land zurückgewannen. Präsident Aschraf Ghani ist geflohen, der Weg war damit frei für die radikalen Islamisten, eine islamische Herrschaft nach Scharia-Recht zu führen. Das ist ein Horror für die Habibs: "Die Taliban sind Terroristen, Warlords", so Habib. "Man braucht sich nichts vorzumachen, es wird genauso ablaufen wie Mitte der Neunziger. Das Land wird in die Steinzeit zurückversetzt. Ein islamistischer Staat wie vor über tausend Jahren."

Die Habibs leben mittlerweile in Frankfurt, mit den Verwandten in Afghanistan halten sie so gut es geht Kontakt. "Sie trauen sich nicht mehr auf die Straße", so Habib. Viel tun kann er aus Deutschland nicht, und dennoch will er es versuchen. "Uns bleibt nichts anderes übrig, als medial auf die Situation hinzuweisen", so Habib. "Ich war Profi bei Hessen Kassel und bin mit meinem alten Verein in Verbindung, damit wir ein Benefizspiel organisieren. Als Solidaritätsbekundung."

Spendenkonto für Kinder

Viele afghanische Nationalspieler sollen dabei sein - wenn alles gut läuft, steigt das Spiel in den nächsten Wochen. Mit den Einnahmen will er ein Spendenkonto einrichten und Kindern in Afghanistan helfen. Kindern, die nun in einem Land aufwachsen, das ganz anders sein wird, als es noch vor ein paar Tagen war.