Verlassener Fußballplatz

Entschieden ist offiziell noch nichts. Nach Informationen des hr-sport gibt es aber ein eindeutiges Votum: Die Saison im Amateurfußball wird in Hessen abgebrochen. Besonders bitter ist das für den KSV Hessen Kassel.

Normalerweise hätten sie sich in einem Sportheim getroffen. Bei Bockwurst und Bier. Jetzt aber sitzen sie alle vor ihren Computern, gucken in die kleine Webcam und kämpfen mit der Technik. "Hallo? Hört ihr mich?", fragt Gerhard Pfeifer. Er ist der Fußballwart im Kreis Gelnhausen und an diesem Abend der Chef der Videokonferenz. Über 50 Vereinsvertreter haben sich eingeloggt, manche sitzen im Trikot vor dem PC, andere in Arbeitsklamotten. Immer wieder rauscht die Leitung, am Ende aber wird alles klappen und somit auch der kleine Kreis im Osten Hessens seinen Teil zu einer historischen Entscheidung beitragen.

Denn solche Videokonferenzen gibt es in dieser Woche überall im Bundesland, jeder Fußballkreis ist aufgerufen, darüber zu befinden, wie mit der unterbrochenen Corona-Saison im Amateurfußball umgegangen werden soll. Drei verschiedene Szenarien hat der Vorstand des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) den Klubs zur Auswahl gestellt, von Fortführung bis Abbruch. Eines ist klar: Eine Entscheidung von so großer Tragweite soll basisdemokratisch sein.

Entscheidung am Samstag

Nach Informationen des hr-sport ist das Meinungsbild eindeutig: Alle Kreise, die ihre Videokonferenz bislang abgehalten haben, votierten für einen Saisonabbruch – ohne Absteiger, dafür aber mit Aufsteigern. Am Samstag wird das Präsidium des HFV die Ergebnisse zusammentragen und entscheiden. Da auch die Mehrheit des Gremiums eben jenes Modell präferiert, gilt die Sache als ausgemacht. Danach müsste lediglich noch ein virtueller Verbandstag Mitte Juni den Vorschlag absegnen. Vizepräsident Torsten Becker bestätigt: "Es gibt eine Tendenz in diese Richtung."

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Stefan Reuß im heimspiel!

Der Abbruch der Saison im hessischen Amateurfußball ist auch Thema im heimspiel! am Montag um 23.15 Uhr. Verbandspräsident Stefan Reuß wird dann Rede und Antwort stehen. Außerdem Thema: der Re-Start der Bundesliga.

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In Sachen Abstieg ist die Regelung unproblematisch: kein Verein muss eine Klasse tiefer. Beim Aufstieg aber wird es mathematisch. Da nicht alle Vereine zum Zeitpunkt des Abbruchs die gleiche Anzahl an Spielen haben, würde die sogenannte Quotientenregel greifen. Man teilt die Punkte eines Teams durch die absolvierten Spiele und erhält eine Durchschnittspunktzahl. Danach ergibt sich dann eine Tabelle – genauso hat es zum Beispiel der Handball beschlossen. "Es wird bei solchen Entscheidungen immer Gewinner und Verlierer geben", erklärt Becker. "Wir ringen hier wirklich um die bestmögliche Lösung."

Kein Aufstieg für Hessen Kassel

Der Abbruch der Saison und die Entscheidung zur Quotientenregel wird natürlich Folgen haben. In der Hessenliga stünde dann der derzeitige Tabellenführer Eintracht Stadtallendorf als Meister und Aufsteiger in die Regionalliga Südwest fest. Hoffnungen hatte sich bis zuletzt auch der Tabellenzweite Hessen Kassel gemacht – doch daraus wird wohl nichts.

Bei einer sportlichen Fortführung der Saison hätte der KSV an einer Aufstiegsrelegation teilgenommen, diese wird nun entfallen, da auch die Regionalliga Südwest zu einem Abbruch tendiert. Kassel hatte deshalb schon früh den Vorschlag eingereicht, man möge doch bitte auch die geplante Dreier-Relegation per Quotient entscheiden. Dann würde der KSV aufsteigen. Nach Informationen des hr-sport hat sich die Regionalliga Südwest bei einer Probe-Abstimmung gestern allerdings mit 5:2-Stimmen gegen diesen Vorschlag entschieden. Ergo: Kein Aufstieg für Hessen Kassel.

Blaupause gesucht

Eine bizarre Konstellation wartet in der Kreisoberliga Hanau. Dort steht der VfR Kesselstadt an der Spitze der Tabelle – würde also aufsteigen. Eigentlich. Denn Kesselstadt besitzt einen Kunstrasen, hat deshalb wegen der Witterung im Frühjahr zwei Spiele mehr austragen können als die Konkurrenz und würde per Quotient von Platz eins auf vier fallen. Aufsteiger wäre der aktuell Zweitplatzierte Hanau 93 II – gerade mal 1.000 Meter Luftlinie von Kesselstadt entfernt. Ein Härtefall, der in Hessen aber die Ausnahme bleiben wird.

Ein entscheidender Punkt ist allerdings trotzdem noch ungeklärt. Es gibt Spielklassen, die regulär nicht nur einen, sondern zwei Aufsteiger vorsehen. Hier wird der HFV-Vorstand am Samstag eine Entscheidung treffen müssen, ob diese Regelung auch weiterhin gilt oder ob nur der Meister ein Aufstiegsrecht besitzt. Somit könnte man vermeiden, dass Ligen überfüllt werden. "Wir brauchen auf jeden Fall eine Blaupause, die wir auf ganz Hessen anwenden können", sagt Torsten Becker. Man ahnt: In Hessens Amateurfußball werden noch einige Videokonferenzen folgen.

Sendung: hr-fernsehen, heimspiel! am Montag, 18.05.2020, 23.15 Uhr