Im Trainingslager von Darmstadt 98 wird viel gearbeitet und ebenso viel gelacht. Die Mannschaft ist eine verschworene Gemeinschaft. Das kann im Aufstiegskampf den Unterschied machen.

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Darmstadt 98 bereitet sich auf die Rückrunde vor

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Während eines Fußball-Trainingslagers wird immer wieder gerne nach dem einen oder anderen einzelnen Gewinner aus dieser intensiven Vorbereitungsphase von mehreren Tagen gesucht. Auch zu Beginn des Aufenthalts der Zweitliga-Truppe von SV Darmstadt 98 in Südspanien geschieht dies fast unweigerlich. Doch schon sehr bald wird klar, dass diese Suche nicht nur schwer, sondern auch wenig zielführend ist. Auch wenn das im Zeitalter gehypter Topstars in gelddominierten Profiligen fast schon zu romantisch daherkommen mag – in der Mannschaft des aktuellen Tabellenführers der Zweiten Liga gibt es nur einen Gewinner: das Team selbst.

Die Laune auf dem idyllisch gelegenen Trainingsgelände in El Saler, südlich von Valencia, ist bestens. Die Spieler flachsen miteinander, kleine oder größere Balltricks stehen fast schon selbstverständlich auf der Tagesordnung, selbst der Trainer reißt so manchen Witz. Aber eben nicht nur dort, auf dem Platz, stimmt‘s. Aus dem Hotel hört man bereits morgens lautes Gelächter, die Lilien-Hymne schallt aus mobilen Boxen und die Mitarbeiter der Fünf-Sterne-Behausung sprechen immer wieder davon, wie freundlich und gut gelaunt sich diese Mannschaft und ihre Begleit-Crew präsentieren.

Die Nuancen sind entscheidend

Niemand schert aus. Einer dieser berühmten Stinkstiefel im Team? Fehlanzeige. "Wir sind einfach ein eingeschworener Haufen", sagt Torwart Marcel Schuhen. Der Mannschaftsrat, zu dem Schuhen gehört, muss beim Thema Team-Hygiene so gut wie nie aktiv werden. "Es läuft, wie es laufen soll. Da braucht man gar nicht groß kommunizieren."

Und genau das scheint eines der Erfolgsrezepte schlechthin für das Team um Cheftrainer Torsten Lieberknecht zu sein. "Unsere Qualität ist gut, aber es gibt 17 andere gute Zweitligisten, und deshalb entscheiden manchmal genau diese Nuancen", fasst Schuhen den Teamerfolg in Darmstadt zusammen. "Die Kommunikation muss gut sein, dann gewinnst du auch die engen Spiele."

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Lieberknecht zum Trainingslager der Lilien

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Zimmermann nimmt sich Torsiello zur Brust

Wer nun glaubt, dass deshalb nur eitel Sonnenschein herrscht, wenn die zum Teil auffällig harten Trainingseinheiten abgehalten oder Spielformen getestet werden, der täuscht sich gewaltig. Da paaren sich motivierende Anfeuerungsrufe gerne mal mit eindeutigen Äußerungen zu fehlender Genauigkeit oder Konzentration. Der noch recht frisch im Team agierende Fabio Torsiello aus der U19-Mannschaft, der als aussichtsreiches Talent mit nach Spanien genommen wurde, durfte das im Testspiel Ende letzter Woche gegen den SV Wehen Wiesbaden gleich mal deutlich erfahren.

Abwehrspieler Christoph Zimmermann warf dem Offensiv-Youngster auf dem Platz lautstark taktische Versäumnisse vor. Um den Nachwuchsmann nach dem Spiel direkt in den Arm zu nehmen und das in Ruhe miteinander zu klären. Damit nicht genug, beim Abendessen saß Zimmermann neben dem 17-Jährigen. Emotionale Nachwehen? Ausgeschlossen.

"Pass-Verantwortung" statt Grüppchenbildung

Überhaupt sind es diese Kleinigkeiten, an denen man erkennt, wie teamorientiert Übungsleiter Lieberknecht arbeitet. Jeden Tag werden die Plätze bei den Mahlzeiten getauscht. "Wir wollen nicht, dass es da feste Grüppchen gibt", lautet die schlichte Devise. Jeder soll mit jedem in Kontakt treten, genaueres Kennenlernen als besondere Trainingsform. Spezielle Maßnahmen zum Teambuilding wie Rafting oder Klettern gibt es derweil keine. "Ich weiß nicht, wie da der Transfer zum Fußball passieren soll", setzt Lieberknecht lieber auf die alltäglichen Dinge.

Was dem Trainer neben dem Platz am Herzen liegt, ist ihm auch in Training und Spiel wichtig. "Pass-Verantwortung" ist ein Begriff, den er kreiert hat und der eigentlich alles beinhaltet, was die Lilien in dieser Saison auszeichnet. "Wir trainieren hier sehr viele Passformen. Aber es kommt auch immer darauf an, dass du weißt, dass du mit einem unüberlegten Pass deinen Mitspieler auch mal in Bedrängnis bringen kannst", erklärt Lieberknecht. "Und wenn ich das weiß, spiele ich den Ball vielleicht noch bewusster." Ein Credo, das den Teamgedanken perfekt symbolisiert.

An die Grenzen für den Teamerfolg

In diesem gedanklichen Umfeld scheinen den Spielern selbst die heftigen Trainings-Sessions, die "Schweine-Einheiten", wie Schuhen sie nennt, nicht so viel auszumachen. "Man muss auch mal an seine eigenen Grenzen gehen. Denn es geht im Endeffekt immer um den Teamerfolg", weiß der Schlussmann. Wohin genau dieser Teamerfolg führen soll, spricht auch im Trainingslager keiner aus. Dass sich beim SV Darmstadt 98 niemand gegen einen möglichen Aufstieg in die Bundesliga wehrt, ist hingegen auch kein Geheimnis. Und dann wäre auch wieder vor allem einer der Gewinner: das Team.

Torsten Lieberknecht durch ein Tornetz fotografiert.