Markus Anfang erlebt seit drei Spielen einen Aufschwung der Lilien

Darmstadt 98 beeindruckt mit neuem Stil. Coach Markus Anfang lässt seine Spieler jagen und überlässt ihnen sogar die Trainerrolle.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Markus Anfang über den Vergleich mit Atletico Madrid

Markus Anfang lacht
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Jagen, jagen, jagen - dieser Begriff schallte am Dienstag immer wieder über das Trainingsgelände von Darmstadt 98. Trainer Markus Anfang wies seine Spieler beim Sieben gegen Vier auf zwei nebeneinander liegenden Feldern an, nach Ballverlusten direkt umzuschalten - vor allem gedanklich. Pressing ist eine gern genutzte Vokabel im modernen Fußball, doch in Darmstadt wird gerade auch deutlich, auf welche Nuancen es dabei ankommt.

Anfang unterbricht die Spielformen, um klar festzulegen, welches Team ins Mittelfeld- oder Angriffspressing gehen soll. Außerdem ruft der Coach schon mal: "Schnelle Coach". Der tiefere Sinn: Einzelne Spieler, in diesem Fall Fabian Schnellhardt, übernehmen die Kommandos wie ein Trainer auf dem Platz. Anfang sagte nach dem Training dazu: "Ich muss versuchen, den Jungs das Kommando zu übergeben, damit sie im Spiel selbst entscheiden: Wann gehen wir vorne drauf? Wann ziehen wir uns zurück? Wie eröffnen wir das Spiel?"

Entscheidender Baustein für Anfang: das Mittelfeldpressing

So ist die Mannschaft auf dem Platz variabler und schwieriger auszurechnen. Lange Zeit spielte Darmstadt 98 in dieser Saison einen "kontrollierten Ballbesitzfußball" - ohne dafür mit Punkten belohnt zu werden. Nun überlässt das Team dem Gegner schon einmal den Ball, um ihn dann zu überfallen. Man entscheidet nun, wann die Jagd im Rudel beginnt. "Wir haben mit dem Mittelfeldpressing einen neuen Baustein hinzugefügt. Im Fußball ist schon alles da gewesen. Du kannst also nichts neu erfinden, sondern nur die Schwerpunkte verschieben."

Sinnbildlich für die neue Herangehensweise stand das Führungstor zum 1:0 in Braunschweig. Da sprintete Erich Berko nach Ballgewinn auf links durch, während mehrere Spieler in Richtung Strafraum hetzten - eben auch der Sechser Victor Palsson. Nach einem überlegten Rückpass von Berko in den Rücken der Abwehr vollendete Palsson mit einem Schuss unter die Latte.

"Atletico? Dann waren wir ja vorher Barcelona"

Das Tor war ein perfekter Überfall - und zwar nach Plan: Vorlagengeber Berko hatte erst kurz vor Anpfiff von seiner Aufstellung erfahren, weil sich Mathias Honsak verletzt hatte. Trainer Markus Anfang stand noch unwissend beim "Sky"-Interview, als sein Co-Trainer den Offensivmann Berko auf den Einsatz vorbereitete. Doch die Lilien wechseln in der Spielvorbereitung auf jeder Position im Training durch, damit auch die Spieler von der Bank keine große Eingewöhnungszeit brauchen. "Erich kennt die ganzen Abläufe ganz genau. Von daher war das nichts Ungewöhnliches", erklärt Anfang.

Die Darmstädter beeindruckten mit ihrem neuen Stil die Gegner. Braunschweigs Daniel Meyer zog bereits Vergleiche zu Atletico Madrid. Darauf angesprochen, witzelte Anfang am Dienstag: "Dann waren wir im Hinspiel gegen sie ja Barcelona." Damals siegten die Lilien mit 4:0 gegen Braunschweig. Anfang verstand den Vergleich aber als Kompliment, dass sein Team vor allem kompakt stehe. "Wir sind aber auch in der Lage zu switchen."

Palsson in Island, Höhn vor der Abwehr

Am Dienstag exerzierten die Lilien gleich mehrmals hintereinander, wie sie den Gegner beim Spielaufbau in dessen eigenen Strafraum bedrängen. Zwei Stürmer standen im Fokus: In einer Mannschaft spielte der junge Ensar Arslan vorne auf links, bei der gegnerischen traf Felix Platte mit einem sehenswerten Seitfallziehertor. Der junge David Sumak wurde in der Spielform hinten links ausprobiert, während Fabian Holland vorrückte. In der Zentrale agierte meist Immanuel Höhn - auch weil der etatmäßige Sechser Palsson gerade bei der isländischen Nationalmannschaft weilt (und dabei auch gegen Deutschland spielen könnte).

Für die Lilien bietet sich aber hierbei eine Möglichkeit, den Ausfall von Palsson schon einmal zu simulieren. Im kommenden Ligaspiel gegen Düsseldorf fehlt der Isländer nämlich aufgrund der fünften gelben Karte. Rückt Höhn also nach vorne, stünden zwei Alternativen in der Innenverteidigung bereit: Thomas Isherwood und Mathias Wittek konnten am Dienstag wieder voll mittrainieren. Für einen Einsatz im nächsten Punktspiel wird aber die Zeit knapp - körperlich, aber auch mental. Denn auch sie müssen sich wie viele Beobachter erst einmal an die neuen Abläufe der Lilien gewöhnen.