SV Darmstadt 98 Markus Anfang

Hinter dem SV Darmstadt 98 liegt eine merkwürdige Saison. Erst lief der Motor schleppend, dann gerieten die Lilien sogar in den Abstiegskampf, nur um am Ende so richtig aufzudrehen. Grund dafür war eine Richtungsentscheidung.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found SV Darmstadt 98 schockt Holstein Kiel

Lilien-Stürmer Serdar Dursun bejubelt sein Tor zum 2:0 in Hamburg.
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Es war Anfang März, da wurde beim SV Darmstadt 98 eine Grundsatzentscheidung gefällt. Es lief nicht so wirklich in Südhessen, die Abstiegsplätze waren bedrohlich nahe, es musste der Turnaround her. Trainer Markus Anfang zog die Notbremse. Genauer gesagt: die spielerische Notbremse. Mehr Ergebnis, weniger Schönheit. Und siehe da: Die 98er begannen zu gewinnen - und sie hörten nicht mehr auf damit. Bis zum Schluss. Als Belohnung gab's dafür einen Rückrunden-Vereinsrekord. Und obendrauf noch ein schönes Murmeltier-Gefühl.

Unterm Schlussstrich bleibt dennoch eine Spielzeit, die sich die Lilien anders vorgestellt haben. Kurzzeitig Abstiegssorgen erleben zu müssen, war vor der Saison so nicht eingeplant. Insgeheim träumten sie in Darmstadt sogar davon, ganz oben anzugreifen. Das, was Kiel, Bochum und Fürth gelungen ist - da zu sein, wenn die Großen wie Hamburg und Düsseldorf patzen - war eigentlich auch das Ziel der 98er.

Die Defensive als großer Schwachpunkt

Besonders die Hinrunde und viele bittere und auch unnötig verlorene Spiele verhinderten das. Aus den ersten 17 Spielen holten die Südhessen nur 18 Punkte, von Aufstiegsträumereien war schon damals keine Spur. Anfang, der den Lilien eine neue Spielphilosophie einimpfen sollte, und sein Team fanden nie in den Rhythmus, starke Auftritte wechselten sich viel zu häufig mit unterdurchschnittlichen Leistungen ab.

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Größter Schwachpunkt der Lilien dabei: die Defensive. Die 98er fingen sich Gegentreffer am Fließband, leiteten viele davon oft durch individuelle Fehler ein und fanden auch dadurch nie richtig in Tritt. Nach dem 23. Spieltag und einer Niederlage gegen den Karlsruher SC stand dann auch erstmals Trainer Anfang in der Kritik. Es musste gehandelt werden, Abstiegskampf wollte niemand in Südhessen.

Neuer Matchplan, andere Ergebnisse

Und genau dann fiel die Grundsatzentscheidung. Ja, schöner Fußball sollte es eigentlich sein, aber jetzt mussten Ergebnisse her. Dem Vernehmen nach fällte das Trainerteam um Anfang diese Entscheidung aus Eigenantrieb heraus, nicht wegen Drucks aus der Vereinsführung. Egal, wie es dazu kam: Die Umstellung wirkte.

Als Konsequenz daraus überließen die Lilien in den darauffolgenden Spielen vermehrt dem Gegner den Ball. Es war nun kein Schönheitspreis mehr zu gewinnen. "Das war auf jeden Fall der Matchplan für die Spiele. Als die Ergebnisse da waren, wollten wir auch mehr Risiko eingehen", erinnert sich Verteidiger Matthias Bader an die Zeit Anfang März.

"... dann können wir jeden schlagen"

Und plötzlich waren die Ergebnisse da und die Lilien gewannen und gewannen und gewannen. "Wenn wir die fußballerische Mischung hinbekommen, können wir jeden schlagen", schlussfolgerte Bader bereits Mitte April. Genau die fanden die Darmstädter in der Folge. Plötzlich wurde auch wieder richtig guter Fußball geboten. Das 5:1 gegen Heidenheim darf hier trotz der Unwichtigkeit der Partie hervorgehoben werden. Und am Sonntag waren die Lilien auch noch der Partycrasher in Kiel.

Serdar Dursun

Durchwachsene Hinrunde, famose Rückrunde - das sorgt bei den Lilien direkt für eine Murmeltier-Gefühl. Schon in der Saison zuvor unter Ex-Coach Dimitrios Grammozis legten die Darmstädter erst in der zweiten Saisonhälfte so richtig los, am Ende sprang damals beinahe noch der Relegationsrang heraus.

Es wartet eine stärkere Liga

Ganz soweit haben es die Lilien dieses Mal nicht geschafft. Und die Frage ist, ob sie es in der neuen Saison überhaupt schaffen können. Mit Schalke, Hamburg oder Bremen und möglicherweise Köln dürfte es eine enorm starke Liga geben. Die Lilien hingegen verlassen mit Zweitliga-Torschützenkönig Serdar Dursun und höchstwahrscheinlich auch Victor Pálsson, der das Interesse von S04 geweckt hat, absolute Leistungsträger.

Adäquater Ersatz ist noch nicht gefunden. Wollen die Südhessen nicht schon wieder zeitweise in Abstiegsnöte geraten, muss sich am Kader noch einiges ändern. Sonst könnten all die Probleme auch in der neuen Spielzeit auftreten. Und das wäre ein Murmeltier-Gefühl, das Anfang und Co. sicher nicht gebrauchen könnten.