Stadion am Bölle

Darmstadt 98 ist der erste deutsche Profiverein mit einer Mannschaft für intellektuell beeinträchtigte Menschen. Trainer Ruben Döring erzählt im Interview, wie es zu der Idee kam und warum das Team auf englische Härte setzt.

Novum in Fußballdeutschland: Der SV Darmstadt 98 ist der erste Profiklub, der eine Fußballmannschaft für intellektuell beeinträchtigte Menschen anbietet. Unter der Anleitung von Trainer Ruben Döring werden die Lilien demnächst in der Hessenliga für Fußball-ID (intellectual disability) antreten.

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Audioseite Lilien-Trainer Ruben Döring über die Mannschaft für intellektuell Beeinträchtigte

Der Rasen von Darmstadt 98.
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hessenschau.de: Ruben Döring, der SV Darmstadt 98 ist der erste Profiverein Deutschlands mit einer Mannschaft für intellektuell beeinträchtigte Personen, die Sie trainieren. Wie kam es dazu? 

Ruben Döring: Das Ganze begann hier im Stadion am Böllenfalltor, am ersten Spieltag 2015/16. Damals gab es eine Scheckübergabe an die Behindertensportler des VSG Darmstadt. Mein bester Freund und heutiger Co-Trainer und ich kamen rund um das Spiel mit dem VSG-Vorsitzenden Wolfgang Scharf ins Gespräch. Mein Co-Trainer hatte zuvor schon die Idee, mit Behinderten zu arbeiten. Ich arbeitete bereits als Tanzlehrer mit einer Gruppe intellektuell beeinträchtigter Menschen an einem Inklusions-Musical. Mit Scharf sprachen wir über die Möglichkeit, uns zu engagieren. Mein Kumpel wollte im Bereich Leichtathletik anfangen, ich bei einer Tanzgruppe. Aber Scharf hatte eine Fußballmannschaft im Sinn. Und so standen wir eines Tages in einer Halle, ohne Tore, nur mit zwei Bällen. Wir kamen zum Fußball-ID wie die Jungfrau zum Kinde.  

hessenschau.de: Und wie ging es dann zu den Lilien? 

Döring: Wir arbeiten jetzt seit über fünf Jahren in dem Bereich, und weil das alles hier im Stadion der Lilien begann, war die Idee immer bei uns im Kopf. Über Michael Trippel vom Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes (HBRS) traten wir dann mit den Lilien und Rüdiger Fritsch in Kontakt – und es kam eine positive Rückmeldung. Dann hatten wir gute Gespräche, insbesondere mit Geschäftsführer Michael Weilguny, und haben schnell zueinander gefunden.  

hessenschau.de: Was genau ist denn Fußball-ID? Wer kann mitspielen? 

Döring: Das ID steht für Intellectual Disability. Beim Training kann aber jeder mitmachen, der Bock hat, wir haben ja auch einen Inklusionsgedanken. Wer aber bei den offiziellen Spielen mitspielen möchte, braucht eine Klassifizierung vom Deutschen Behindertensportbund. Da ist die Prämisse: eine intellektuelle Beeinträchtigung oder geistige Behinderung mit einem IQ von unter 75.  

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Audioseite Ruben Döring: "ID steht für Intellectual Disability"

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hessenschau.de: Wie sieht der Ligabetrieb aus? 

Döring: Wir treffen uns mit mehreren Mannschaften an einem Spielort und absolvieren gleich mehrere Spiele an einem Tag. Die Mannschaften kommen aus ganz Hessen, aktuell sind es acht Teams. Es gibt insgesamt circa vier Spieltage im Jahr, an denen wir uns treffen. Die Mannschaft mit den meisten Punkten gewinnt die Liga. Übergeordnet gibt es eine Hessenauswahl, der drei unserer Spieler angehören. Die Hessenauswahl spielt in einem deutschlandweiten Vergleich wiederum gegen die anderen Bundesländer. Da ist Hessen aktuell der deutsche Meister.

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Audioseite Ruben Döring: "Gibt Hessenliga, Hessenauswahl und Nationalmannschaft"

Darmstadt Fans
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hessenschau.de: Welche Unterschiede zwischen Fußball-ID und Fußball gibt es im Spiel? 

Döring: Die Spielzeit bei uns variiert ein bisschen, zwischen zweimal 15 und zweimal 20 Minuten pro Spiel, je nach dem, was in der Ligasitzung besprochen wurde. Abseits und Rückpassregel gibt es bei uns nicht, weil das Regeln sind, die für den einen oder anderen Spieler nicht ganz so einfach zu verstehen sind. Die Größe des Platzes wird dadurch festgelegt, wie viele Spieler die Mannschaften stellen können. Im besten Falle spielen wir neun gegen neun von Sechzehner zu Sechzehner. Ansonsten gibt es kaum Unterschiede, und auch auf dem Platz geht es normal zu. Wir spielen eine gesunde englische Härte (lacht).  

hessenschau.de: Was reizt Sie als Trainer an Fußball-ID? 

Döring: Immer aufs Neue die Herausforderung, die Spieler so zu trainieren, dass sie sich für sich selbst weiterentwickeln. Und für mich als Trainer ist es eine Herausforderung, wie ich bestmöglich an die Spieler herangehe. Im nächsten Step reizen mich auch die Spiele und das Vorantreiben einer Spielidee. Aber der primäre Punkt und das, was mir große Freude macht, ist die Entwicklung der Spieler zu sehen. Wenn das Training fruchtet und sich ein Spieler extrem voranbringt, ist das toll.  

hessenschau.de: Wie ist die aktuelle Situation? Wann geht es los?

Döring: Wir sind auch Corona-gebeutelt und hoffen, dass wir in den nächsten Wochen mit kleineren, Corona-konformen Trainingseinheiten starten können. Das ist erst einmal das Ziel. Bei größerem Mannschaftstraining sind wir dann natürlich darauf angewiesen, was erlaubt ist. Die Spieltage sind geplant, es wird auch einen Inklusionsspieltag geben. Wir hoffen, dass wir am 10. Juli in den Ligabetrieb starten – und das direkt erfolgreich.  

hessenschau.de: Vor allem, wenn der SV Darmstadt jetzt der einzige Profifußballklub mit Fußball-ID-Abteilung ist. Sind die Lilien jetzt der FC Bayern der Fußball-ID-Hessenliga? 

Döring: (Lacht.) Vielleicht ein bisschen. Es steigt natürlich auch der Druck, wenn man die Lilie auf der Brust trägt – und das nicht mehr nur als Fan im Stadion, wie es auch einige unserer Spieler tun. Da will man Erfolge bringen. 

hessenschau.de: Und wenn der inklusive Spieltag ansteht, helfen ein paar Profispieler aus? Victor Palsson im Mittelfeld, Serdar Dursun im Sturm? 

Döring: (Lacht.) Da würde ich nicht Nein sagen, wir würden uns alle freuen, wenn wir ein paar der Profis dazu bewegen können, mit den Jungs zu kicken und Spaß zu haben. Aber bei den inklusiven Spieltagen ist der Siegeswille zweitranging. Da geht es darum, Spieler, die es ein bisschen schwerer haben, mehr mit einzubeziehen. Dadurch dass Menschen ohne Beeinträchtigung mit auf dem Platz stehen und ein wenig anleiten. Aber wenn die Corona-Pandemie vorbei ist, wird sicher der ein oder andere Profi mal beim Training vorbeischauen.  

Das Interview führte Stephan Reich.