Tobias Kempe von Darmstadt 98

Der SV Darmstadt 98 hängt nach dem Neustart-Fehlstart im Tabellenmittelfeld fest und fremdelt noch mit der fehlenden Stimmung. Vor dem Geister-Heimspiel gegen St. Pauli könnte zumindest ein Ortswechsel helfen.

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PK Darmstadt
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Es gab Zeiten bei Darmstadt 98, da war Langeweile das oberste der Gefühle. Nach turbulenten Jahren mit Aufstiegen, Abstiegen und Beinahe-Abstiegen sehnten sich viele nach möglichst wenig Aufregung und einer Saison im Tabellen-Mittelfeld. Was die beiden Ex-Trainer Torsten Frings und Dirk Schuster nicht dauerhaft schafften, gelang dem aktuellen Coach Dimitrios Grammozis da schon deutlich erfolgreicher: Er formte die Lilien zu einer grauen Maus im positivsten Sinne. Wenig Spektakel, ausreichend Ertrag. Endlich Ruhe. In Zeiten von Corona ist jedoch genau das nicht besonders hilfreich.

Lilien im grauen Mittelfeld

Neun Punkte Abstand zu Platz drei, acht Punkte Vorsprung auf Relegationsrang 16. Wenn der Begriff Tabellen-Niemandsland noch einer Erklärung bedurfte, die Lilien liefern ihn. Das Team von Coach Grammozis, das bald das Team von Trainer Markus Anfang sein wird, geht in eine Saison-Schlussphase mit eher flachem Spannungsbogen. Die Vertragsgespräche sind weitgehend geführt, der Chef wird in wenigen Wochen ein anderer sein, tabellarisch dürfte weder nach oben noch nach unten Gravierendes passieren. Und jetzt auch noch diese Geisterspiele.

"Man hört jeden einzelnen Spieler auf dem Platz. Das ist eine ganz andere Atmosphäre, eine ganz andere Fokussierung", beschrieb Tobias Kempe nach der 0:2-Re-Start-Pleite beim Karlsruher SC die besonderen Herausforderungen dieser skurrilen Spiele. Ohne Zuschauer keine Stimmung, ohne Stimmung weniger Unterstützung von außen, ohne Unterstützung weniger Motivation. So lautet der Corona-Dreiklang, der die Lilien in eine ausgemacht Corona-Tristesse treiben könnte.

Denn wenn es sportlich um nicht mehr viel geht, gibt es sonst immer noch die Kulisse und den Drang eines jeden Sportlers nach Applaus. Doch jetzt? "Die Situation gibt nichts anderes her. Wir müssen damit klarkommen", so Kempe. "Es fehlt das Salz in der Suppe", ergänzte Grammozis.

Nur Palsson pfeift drauf

Damit die so lange herbeigesehnten Geisterspiele nicht zu einer Horror-Veranstaltung mutieren, lassen die Lilien im Umgang damit nichts unversucht. In der vergangenen Woche ließ Grammozis ein komplettes Spiel inklusive An- und Abfahrt simulieren. Victor Palsson setzt zudem auf den Mensch als Gewohnheitstier. "Noch ist es komisch, aber beim nächsten Mal ist es schon ein bisschen mehr normal. Und danach noch ein bisschen mehr", sagte er am Dienstag.

Glaubt man dem isländischen Nationalspieler, ist ein Spiel mit Freunden im Park für ihn genau das gleiche wie ein Spiel in einem vollen Stadion. Die Frage, ob Atmosphäre und Fans einen Unterschied machen, beantwortete er kurz und knapp mit: "Nein." Angesichts des stimmungsvollen Stadions am Böllenfalltor, das am Samstag (13 Uhr) gegen den FC St. Pauli erstmals Austragungsort eines Geisterspiels wird, ist das schwer nachvollziehbar. Palssons Konzentration auf das Wesentliche könnte den Lilien aber helfen: "Wenn der Schiri pfeift, wird Fußball gespielt."

Endlich wieder raus aus dem Hotel

Entscheidend beitragen zu besserer Laune und besser Leistung könnte zudem der Wechsel zurück ins eigene Bett. Die von der DFL verordnete Corona-Quarantäne ist vorbei, die Lilien-Profis dürfen ab sofort wieder etwas mehr an den schönen Seiten des Leben teilnehmen. "Es ist ein besseres Gefühl, daheim zu sein. Sieben Tage im Hotel sind schon viel", so Palsson. "Jetzt ist die Sonne draußen, der Himmel ist blau. Alles gut." Wenn es doch immer so einfach wäre.