Darmstädter Jubeltraube: Mittendrin steht der 18-jährige Ensar Arslan. Bleibt er in Darmstadt?

Die Profis spielen in der 2. Liga, alle Nachwuchsteams ab der U14 sogar noch eine Etage höher. Das könnte sich für Darmstadt 98 in klammen Pandemie-Zeiten auszahlen. Um das vermeintlich größte Talent gibt es aber schon jetzt Trennungsgerüchte.

Einen kleinen Vorgeschmack auf den möglichen SV Darmstadt 98 der Zukunft haben Fans und Konkurrenten zum Ende der abgelaufenen Saison bekommen. In den Partien beim Aufsteiger Bielefeld (0:1) und gegen Absteiger Wehen Wiesbaden durfte Ensar Arslan jeweils ein paar Minuten Zweitliga-Luft schnuppern. Das 18 Jahre alte Offensivtalent hinterließ gegen den SVWW sogar bleibenden Eindruck, als es Marcel Heller uneigennützig den Treffer zum 3:1-Endstand auflegte.

"Da nochmal den Ball rüberzulegen, ist einfach schön und hat ihm viel Respekt eingebracht", sagt Björn Kopper. Kopper ist Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) der Lilien und dafür zuständig, die Stars von morgen ebenso auf die spätere Laufbahn vorzubereiten wie die Mehrzahl der Talente, die am Ende nicht den Sprung zu den Profis schaffen und dritt-, viert- oder niedrigklassiger auf Punktejagd gehen werden. Er sagt: "Es hat Strahlkraft für alle Spieler im Nachwuchsbereich, wenn einer von ihnen im Stadion aufläuft und seine Sache so ordentlich macht."

"Wir haben weniger Geld"

Ob geplant oder nicht - es könnte durchaus sein, dass in den nächsten Jahren mehr Darmstädter Nachwuchstalente so früh wie Arslan ins kalte Wasser geworfen werden. Das hat mit der Corona-Pandemie zu tun, auch die Lilien müssen den Gürtel enger schnallen. "Wir haben natürlich auch im sportlichen Bereich weniger Geld zur Verfügung", sagt der Sportliche Leiter des Zweitligisten, Carsten Wehlmann.

Die Lilien werden ihren Kader zur kommenden Saison unter dem neuen Trainer Markus Anfang verkleinern. "Das Thema war bei uns aber schon vor Corona auf dem Tisch", erklärt Wehlmann. Ein Kommen und Gehen wie im vergangenen Sommer, als inklusive zurückgekehrter Leihspieler und Local Player über ein Dutzend Zugänge den Kader füllten, sei in jedem Fall nicht zu erwarten.

Prä-Corona-Gehälter sind keine Verhandlungsbasis

Stattdessen setzt man am Böllenfalltor auf Kontinuität. Wehlmann erinnert in diesem Zusammenhang an die frühzeitigen Vertragsverlängerungen mit Tobias Kempe, Fabian Holland, Immanuel Höhn und Patrick Herrmann. "Wir wollten Ruhe und Konstanz vor dem Neustart reinbekommen."

Ohnehin dürften Verhandlungen mit potenziellen Neuzugängen für Wehlmann und seine Mitstreiter im Bundesliga-Geschäft kein Spaß werden. Die spiel- und zuschauerfreie Zeit hat bei sämtlichen Vereinen ein Loch in die Bilanz gerissen. Die Folgen müssen alle ausbaden, auch die Profis. Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch sprach jüngst von einem "Rattenrennen". So viel Geld wie bisher kann nicht gezahlt werden. "Das wird sicher alle betreffen", pflichtet Wehlmann dem Clubboss bei. "Bei Spielern und Beratern muss das ankommen. Eine gewisse Klarheit und ein Verständnis für die Situation muss herrschen."

Darmstadt von der U14 bis zur U19 in der Bundesliga

Wohl denen, die in dieser Situation auf einen hochtalentierten Unterbau zurückgreifen können. Und der Nachwuchs von Darmstadt 98 kann sich durchaus sehen lassen. Nachdem nun mit der U19 das älteste Jugendteam den Aufstieg in die Bundesliga geschafft hat, spielen von der U14 aufwärts alle Mannschaften in der höchsten Spielklasse. Eine Art "Goldene Generation" und keine Selbstverständlichkeit, die zeigt, "dass wir auf dem richtigen Weg sind", wie NLZ-Chef Kopper sagt. Und es helfe der Außenwahrnehmung des Clubs.

Daran zu glauben, dass die Lilien zeitnah mit einem Stamm von Eigengewächsen in der 2. Bundesliga auflaufen können, so vermessen ist am Böllenfalltor aber niemand. Der Übergang vom Jugend- zum Seniorenbereich ist schwierig, auch für die Stärksten, die hochkommen. Besonders schwer, das muss man eigentlich nicht erwähnen, ist dieser Schritt im Profibereich. "Die Ausnahmen bei denen es direkt funktioniert, bewegen sich im Prozent- oder sogar Promillebereich", sagt Wehlmann und erinnert an Topstars wie Leroy Sané, Julian Brandt und Kai Havertz.

Arslan vor dem Abflug?

Wie steht es also um die zweifelsohne mit einem Haufen Talent gesegneten Darmstädter Nachwuchskicker? Sie sollen sich in erster Linie in Ruhe und unter Wettkampfbedingungen entwickeln, teamtaktisch und individuell, um sich im Optimalfall später einmal der "weltweiten Konkurrenz" (Kopper) im Profifußball stellen zu können.

Bei Vorzeige-Talent Ensar Arslan scheint es derweil mit der Ruhe nicht weit her zu sein. Offenbar gibt es Unstimmigkeiten zwischen dem Verein und dem Management des 18-Jährigen, der mit 27 Toren maßgeblichen Anteil an der Meisterschaft der A-Junioren hatte. So berichtet die Bild, dass Arslan nach den Plänen des Zweitligisten mit einem Profivertrag ausgestattet, dann aber an einen Regionalligisten ausgeliehen werden soll.

"Ensar will nicht weg, er ist in Darmstadt geboren", sagte Berater Johny Baez der Zeitung. "Aber eine Leihe in die Regionalliga kommt nicht in Frage." Mit dem FC St. Pauli und dem Karlsruher SC sollen bereits zwei Zweitligisten angeklopft haben. Fraglich also, ob der 18-Jährige sein Können auch in Zukunft bei den Lilien zeigen wird.