Carsten Wehlmann und Markus Anfang von Darmstadt 98

Talente statt Altstars: Unter der Regie von Carsten Wehlmann haben die Lilien die Transferstrategie geändert und ihren Ruf verbessert. Das hat sich inzwischen sogar bis zum FC Bayern herumgesprochen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wehlmann: "Unsere Idee ist es, junge und hungrige Jungs zu holen"

Der neue Lilien-Sportkoordinator Carsten Wehlmann
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Früher kamen Spieler wie Hamit Altintop oder Kevin Großkreutz, heute bedient sich der SV Darmstadt 98 eher im Regal der Talente. Verantwortlich für diese Transfer-Idee ist der sportliche Leiter Carsten Wehlmann, der gemeinsam mit dem neuen Trainer Markus Anfang an einem ebenso entwicklungsfähigen wie erfolgreichen Kader bastelt. Hinter aller Romantik steckt jedoch auch finanzielles Kalkül.

hessenschau.de: Herr Wehlmann, waren Sie mit im Trainingslager oder haben Sie in Darmstadt weiter am Kader gewerkelt?

Wehlmann: Wir waren mit dem kompletten Team vor Ort. Es war aufgrund der Dauer und Ortswahl kein klassisches Trainingslager, sondern ging eher ums Kennenlernen. Es war aber natürlich auch nicht nur Kennenlern-Kuscheln, wir haben auch intensiv gearbeitet.

hessenschau.de: Intensiv gearbeitet haben Sie auch auf dem Transfermarkt. Mit Lars Lukas Mai, Adrian Stanilewicz und Aaron Seydel haben Sie drei junge Spieler geholt. Täuscht es oder haben Sie nach Jahren mit Neuzugängen wie Hamit Altintop oder Kevin Großkreutz die Transferstrategie angepasst?

Lilien Seydel

Wehlmann: Im ersten Schritt geht es bei Spieler-Verpflichtungen um die Qualität und das Mannschaftsgefüge. Wir schauen aber schon, dass wir entwicklungsfähige Spieler dazunehmen, die Qualität haben und noch nicht am Ende der Entwicklung sind. Das ist ein Punkt, den wir seit letztem Sommer eingeleitet haben. Das schließt aber nicht aus, dass auch mal ein erfahrener Spieler dazustößt. Das hängt von Position und dem Markt ab. Unsere Idee ist es, junge und hungrige Spieler dazu zu holen. Spieler, die sich weiterentwickeln können und damit auch den Verein weiterentwickeln.

hessenschau.de: Welche Rolle spielen bei diesem Umdenken die Coronakrise und die damit verbundenen wirtschaftlichen Probleme?

Wehlmann: Durch die Coronakrise hat sich der finanzielle Rahmen verändert, wir sind aber bei allen Verpflichtungen von den Qualitäten der Spieler überzeugt. Sie haben eine gewisse Erfahrung, sind aber noch nicht am Ende ihres Potenzials angelangt. Ob unbekannt oder nicht: Wir wollen sie weiterentwickeln und sie werden uns sportliche weiterhelfen.

hessenschau.de: Sind Spieler wie Mai, Stanilewicz und Seydel direkt als Verstärkungen eingeplant oder brauchen sie noch Zeit?

Wehlmann: Alle Jungs haben ihre Qualität. Alle haben die Berechtigungen in der Startelf zu stehen. Jeder einzelne muss sich der Konkurrenz stellen.

hessenschau.de: Wie sieht es bei U19-Talent Ensar Arslan aus? Nach etwas Theater hat er einen Profivertrag unterschrieben. Kann er den Durchbruch schon schaffen?

Wehlmann: Wir sind froh, dass er bei uns bleibt. Er hat die Möglichkeit, sich zu beweisen und verfügt über vielversprechende Anlagen. Aber der Übergang von der Jugend in den Herrenbereich ist ein Schritt, den man erstmal schaffen muss. Er hat jetzt 16 Minuten im Profi-Fußball absolviert, nun liegt es an ihm, sich dauerhaft dort festzubeißen.

Ensar Arslan im Trikot von Darmstadt 98

hessenschau.de: Bei jungen Spielern schwingt ja auch oft die Hoffnung mit, diese mal für viel Geld verkaufen zu können. Ist das in Darmstadt auch so?

Wehlmann: Wenn man junge Spieler entwickelt und erfolgreich ist, kann es auch dazu kommen, dass man manche von ihnen irgendwann mit Gewinn transferiert. Das ist neben dem Primärziel "Sportlicher Erfolg" sicher auch ein Ziel. Der Markt wird enger. Wir wollen und müssen in Zukunft Transfererlöse erzielen.

hessenschau.de: Wie schaffen Sie es, junge Talente nach Darmstadt zu locken? Hat sich der Ruf der Lilien verändert?

Wehlmann: Wir wollen den Spielern zeigen, dass sie sich hier entwickeln und die nächsten Schritte machen können. Das macht sich auch nach außen bemerkbar. Die anderen Clubs sehen, dass die Jungs hier besser werden können. Lars Lukas Mai kommt nicht einfach so von den Bayern hierher. Die Bayern sagen sich: Darmstadt 98 passt mit der Idee und den Voraussetzungen gut ins Konzept des FC Bayern. Es ergibt für beide Seiten Sinn, den Spieler nach Darmstadt auszuleihen. Wenn die Spieler besser werden, wird auch die Mannschaft besser. Dann haben alles etwas davon.

hessenschau.de: Wie gehen Sie die kommende Saison an? Was ist wichtiger: Entwicklung der Spieler oder Ergebnisse?

Wehlmann: Der Trainer hat unsere Ziele mit dem drei Drei-Säulen-Modell gut zusammengefasst: Wir wollen Spieler entwickeln, die Mannschaft spielerisch entwickeln und Erfolg haben. Natürlich wollen wir am liebsten jedes Spiel gewinnen. Aber wir dürfen das reine Spieltags-Ergebnis nicht über die Spieler- und Teamentwicklung stellen, denn dann wird das nackte Resultat zum Selbstzweck. Man kann verlieren und trotzdem gut gespielt haben. Klar ist aber auch, dass wir kein Azubi-Verein sind, sondern in der 2. Bundesliga spielen. Wir haben sportliche Ziele. Die Spieler dürfen Fehler machen, die Gesamtentwicklung steht im Vordergrund. Klar ist aber auch: Die kommende Saison ist für uns kein Übergangsjahr. Wenn die Spieler besser werden, werden wir auch als Mannschaft besser. Und wenn die Mannschaft besser wird, sollte auch der Erfolg kommen.

hessenschau.de: Was sind denn die sportlichen Ziele?

Wehlmann: Die Transferphase geht bis zum 5. Oktober. Wir müssen schauen, dass sich die Mannschaft möglichst schnell findet. Wir wollen eine gute Saison spielen. Im vergangenen Jahr sind wir Fünfter geworden, im Oktober standen wir aber auch auf Platz 17. Die Liga ist eng und kurios, da kann innerhalb von drei Spieltagen alles passieren. Wir wollen die Entwicklung, die wir eingeschlagen haben, weiter gehen.

hessenschau.de: Was sagen Sie Menschen wie mir, die die Lilien als Geheimfavorit auf den Aufstieg sehen?

Wehlmann: Da muss man den Ball flachhalten. Wir haben ein paar Veränderungen im Kader und ein neues Trainerteam, das muss sich finden. Ich tue mich mit solchen externen Zuschreibungen schwer: Wir schauen auf uns und lassen uns von unserem Weg nicht abbringen.

Das Gespräch führte Mark Weidenfeller