Rüdiger Fritsch, Präsident des SV Darmstadt 98

Rüdiger Fritsch ist in der Corona-Krise doppelt gefordert. Als Präsident des SV Darmstadt 98 und als DFL-Präsidiumsmitglied. Im Interview spricht er über die wirtschaftlichen Aspekte der Krise, wie hart die Lilien betroffen sind und warum Geisterspiele eine Lebenserhaltungsmaßnahme wären.

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… die wirtschaftlichen Probleme, die die Corona-Krise mit sich bringt:

Es heißt zwar Fußballspiel, aber es ist kein Spiel. Der Sport hat einen klaren wirtschaftlichen Background und die Vereine sind in wirtschaftliche Strukturen eingebunden. Mit dem Fußball hängen mehrere zehntausend Arbeitsplätze zusammen, es geht nicht nur um die 22 Akteure in kurzen Hosen auf dem Rasen, sondern um viel mehr, um ganze Unternehmensbranchen. Durch die Saisonunterbrechung fehlen allen Vereinen Einnahmen. In erster Linie mediale Erlöse, die Medienpartner haben Gelder vertraglich zugesichert, bekommen aber ihre Gegenleistung aktuell nicht. Und dieser Rattenschwanz geht dann weiter: Sponsorengelder, fehlende Zuschauereinnahmen, es tun sich große Liquiditätslücken auf. Und dann kommt darauf an, ob diese Themen in einem Verein auf mehr oder weniger finanzielle Substanz treffen.

… die Ausfälle beim SV Darmstadt 98:

Wir sind definitiv hart betroffen. Jeder Verein ist hart betroffen, der mit einem Etat in eine Spielzeit geht, und dann ein Viertel der geplanten Gelder nicht mehr zur Verfügung hat. Es kommt auf die Substanz an. Es ist ja noch nicht so lange her, dass wir mit Darmstadt zwei Jahre in der Bundesliga sein durften. Und da die Fernsehgelder ja unter anderem auf einer Fünjahreswertung beruhen und bei uns noch zwei Bundesligajahre einfließen, haben wir im TV-Ranking einen guten Platz inne. Wir in Darmstadt handeln nach dem kaufmännischen Prinzip: Einen Euro einnehmen, höchstens 90 Cent ausgeben. Entsprechend haben wir gewisse Rücklagen. Aber es ist wie im Privaten: Irgendwann ist das Portemonnaie leer.

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… die Summe, die den Lilien fehlt:

Wir warten auf vier Millionen Euro Medienerlöse. Bei einem Gesamtetat von knapp 30 Millionen Euro sind das mehr als zehn Prozent, die fehlen. Dann kommen unter Umständen Rückforderungsansprüche der Sponsoren dazu, plus Dauerkartenverkäufe, die wir schon vereinnahmt haben und die vielleicht zurückzuzahlen sind. Da hoffen viele Vereine auf die Solidarität ihrer Fans, das muss man aber abwarten. Für das kleine Darmstadt reden wir über vier Millionen Euro plus eine weitere siebenstellige Summe minus.

… Geisterspiele als Option:

Die Diskussion, ob Spiele ohne Zuschauer keinen Spaß machen, ist kein Niveau. Jeder, der sich mit dem Fußballgeschäft beschäftigt muss wissen, dass die Krise eine existenzielle Bedrohung ist. Jeder müsste froh sein, wenn wir Spiele ohne Zuschauer wieder aufnehmen können. Das ist eine Lebenserhaltungsmaßnahme für den ganzen Fußballbetrieb und für ganz viele Menschen, die mit kleinem und mittlerem Einkommen am Fußball hängen.

… Sparmaßnahmen bei den Lilien:

Wenn die Einnahmenseite wegfällt, muss ich auf der Ausgabenseite gegensteuern. Wir haben mit den Mitarbeitern gesprochen und dabei auch das Wort Kurzarbeit in den Mund genommen. Noch haben wir keine Kurzarbeit und hoffen, das noch lange herauszögern zu können. Das hängt aber in den nächsten Wochen vom Virus ab. Wir haben alles nach unten gefahren, was nach unten zu fahren ist. Kurzarbeit geht rein theoretisch auch für Spieler, aber das werden wir in Darmstadt eher nicht tun. Wir setzen auf den klaren Solidaritätsgedanken und Gehaltsverzicht unserer Profis. Es geht nicht um Einzelschicksale, es geht um den Fußball. Die Signale der Spieler sind sehr positiv.

… die Dauer der Saisonunterbrechung:

Die Klubs werden darüber final abstimmen. Die Empfehlung der DFL lautet, mindestens bis zum 30. April zu unterbrechen, also noch fünf Wochen. Es ist jetzt nur professionell, auf Sicht zu entscheiden. Es ist zu früh für Mutmaßungen, es liegt an der entsprechenden Gesundheitslage, ob das klappen kann. Wir sind gut beraten, die Konzentration auf die Bekämpfung des Virus zu legen. Wenn eine Entspannung der Lage eintritt, wird sich auch der Rest wieder einspielen. Trotzdem sind wir im DFL-Präsidium aufgerufen, an dem Thema dranzubleiben. Wir müssen wieder ins Spielen kommen.

… den Solidarfonds der Champions-League-Vereine:

Erst einmal ein großes Dankeschön und ein Lob an die Champions-League-Vereine. Das ist ein wichtiges Signal und viel Geld. Ich denke, es wird kein Gießkannenprinzip geben, sondern es ist ein Topf für Härtefälle. Wer das dann ist, wird sich herauskristallisieren. Dann sind wir vom Präsidium angehalten, eine nachvollziehbare und so weit wie möglich gerechte Verteilung dieses Fonds vorzunehmen. Wir in Darmstadt werden es nicht einplanen und sind froh, wenn wir am Ende kein Härtefall sind.

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… die Vertragssituation bei den Lilien:

Wir haben die Sondersituation, das Trainerteam neu besetzen zu müssen. Hinzu kommen auslaufende Verträge. Wir müssen erst einmal die Füße stillhalten und warten, bis wir wieder Stabilität unter den Füßen haben, und dann Entscheidungen treffen. Wir können nicht mit fixen Verträgen und neuen Verbindlichkeiten aus dieser Situation gehen, ohne zu wissen, was überhaupt passiert. Das Horrorszenario wäre, der Virus kommt zurück und alles fängt wieder von vorne an. Da möchte ich keine Verträge ausgestaltet haben. Selbstverständlich sind wir sind an dem Thema dran, aber kommen nicht zu Abschlüssen. Die Gegenseite, Spieler und Spielerberater, sind in der gleichen Position. Entscheidungen müssen auf Sicht getroffen werden. Aber wir bereiten uns darauf vor, am Tag X handlungsfähig zu sein.

… über die Krise als Chance:

Diese Krise betrifft die ganze Welt. Das ist einzigartig, alle Vereine haben mit diesem Thema zu kämpfen und massive wirtschaftliche Einschnitte. Ich bin kein Freund davon zu sagen, dass es jetzt keine 100-Millionen-Transfers mehr geben wird. Ich glaube schon, dass es in Ausnahmefällen wieder so sein wird, wenn sich alles wieder normalisiert hat. Aber es wäre vielleicht schlau, diese Krise zu nutzen, um ein paar Dinge geradezurücken, die sich im Fußballsystem verselbständigt haben. Aber ich bin kein Jesus, der die Dinge voraussagt, das wir sich alles ergeben. Aber die Welt wir nicht mehr ganz so heile sein, wie sei vor Corona war. Auch im Fußball nicht.