Rüdiger Fritsch

Trainerwechsel, Umbruch, Überraschungsteam: Hinter dem SV Darmstadt 98 liegt ein ereignisreiches Jahr 2021. Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch blickt in Teil 1 des Interviews zurück auf den turbulenten Sommer und erklärt, was die Lilien so stark macht.

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Marcel Schuhen
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Der SV Darmstadt 98 hat nach turbulentem Saisonstart mit zahlreichen Corona-Fällen einen sensationellen Lauf hingelegt und sich in der Spitzengruppe der 2. Bundesliga etabliert. Unter dem neuen Trainer Torsten Lieberknecht entwickelten sich die Lilien zu einem echten Topteam und dürfen aktuell vom Aufstieg in die Bundesliga träumen. Präsident Rüdiger Fritsch zieht im Interview mit dem hr-sport Bilanz und wagt einen Ausblick in die Zukunft.

hessenschau.de: Rüdiger Fritsch, Tabellenplatz zwei, ein Punkt Rückstand auf den Tabellenersten, fünf Punkte Vorsprung auf den Dritten – überrascht von den Geschenken, die dieses Jahr unter dem Baum gelegen haben?

Rüdiger Fritsch: Wir freuen uns sehr über die 35 Punkte, für den Klassenerhalt brauchen wir also noch fünf. Die wollen wir in der Rückrunde holen, vielleicht gelingen uns ja fünf Unentschieden oder sogar zwei Siege (lacht.). Spaß beiseite, wir wissen um unsere positive Situation. Natürlich sind wir Sportler und wollen so erfolgreich wie möglich sein, aber wir haben noch fast die gesamte Rückrunde vor uns. Wir wollen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen, aber wir wollen realistisch sein. Wir sind Darmstadt 98, haben eine begrenzte Substanz und sind gut beraten, keine große Klappe zu haben. Absteigen werden wir nicht mehr, das kann man fairerweise sagen. Aber dass wir durch die Rückrunde wie das Messer durch die Butter gehen, wird wahrscheinlich auch nicht passieren.

hessenschau.de: Woran liegt es denn, dass die Lilien so gut dastehen?

Fritsch: Das liegt daran, was den Fußballsport ausmacht: Zusammenhalt, gegenseitiger Respekt, die Übernahme von Verantwortung, das alles bildet den Teamspirit. Und den können wir definitiv für uns reklamieren. Es freut uns, dass die Rädchen so ineinandergreifen.

hessenschau.de: Es gab vor der Saison einen Trainerwechsel, mit Serdar Dursun ging der Torschützenkönig, mit Victor Palsson der Sechser, es gab 12 Zugänge und 14 Abgänge, mit Werder und Schalke kamen zwei Schwergewichte in die Zweite Liga. Wie schlecht haben Sie im Sommer geschlafen?

Fritsch: Wenn Sie das so aufzählen, kriege ich im Nachhinein Angst. Aber wirklich erst im Nachhinein, denn all die Dinge sind ja nicht auf einmal passiert. Fangen wir bei den Zu- und Abgängen an. Das waren ja nicht nur Stammspieler, die uns verlassen haben. Mal überspitzt gesagt, aber wenn der vierte Torwart den Verein verlässt, ist das nicht so schlimm. Fluktuation gehört dazu, es gibt keinen Verein, bei dem die Mannschaft fünf Jahre lang die gleiche ist. Es ist doch auch normal, wenn der ein oder andere geht, das ist mir oft zu aufgeregt. Da müssen wir ja jetzt auch schon wieder mit rechnen. Und dann ist es die Aufgabe des Managements, vorauszuschauen, was passieren könnte, um Alternativen zu haben. Das ist das Fußballgeschäft.

hessenschau.de: Aber es waren ja durchaus auch Stammspieler darunter.

Fritsch: Klar, Serdar Dursun hat viele, viele Tore geschossen. Aber wenn man sich ein wenig mit dem Fußball auskennt, konnte man erkennen, dass es auch nicht unbedingt eine gesunde Situation war, weil sich vieles auf einen Stürmer konzentriert hat. Gesünder ist es, wenn sich die Tore auf mehrere Spieler verteilen, die dann in der Summe ebenfalls auf viele Tore kommen. Das hat man beispielsweise im letzten Spiel des Jahres gegen Regensburg gesehen, als mit Luca Pfeiffer einer unserer Stoßstürmer ausfiel und das sehr gut ausgeglichen werden konnte.

hessenschau.de: Mit dem Abgang von Dursun war zu rechnen. Mit dem von Trainer Markus Anfang nicht unbedingt. Wie haben Sie den kontroversen Wechsel im Sommer erlebt?

Fritsch: Stimmt, der Abgang war nicht vorhersehbar, es gab keine Anzeichen dafür. Aber zu dem Thema ist von unserer Seite alles gesagt. Im Vorfeld des Spiels gegen Werder Bremen, als Anfang noch Trainer von Bremen war, mussten ein paar Sachen richtiggestellt werden, was angebliche Absprachen für einen Wechsel betraf. Ansonsten war das Thema bereits im Sommer für uns erledigt.

Markus Anfang

hessenschau.de: Nach dem Skandal um Anfangs möglicherweise gefälschten Impfausweis: Sind Sie im Nachhinein froh um den Wechsel?

Fritsch: Das erwähnte Thema ist nicht unseres, deswegen werde ich mich dazu auch nicht äußern. Wir hatten seinerzeit ein Thema bezüglich der Art und Weise des Wechsels. Ansonsten hatten wir während seiner Zeit in Darmstadt ein gutes Verhältnis mit Markus Anfang, auch ich persönlich. Spekulationen, was passiert wäre, wenn er hier geblieben wäre, erübrigen sich aus unserer Sicht.

hessenschau.de: Zumal Sie mit Torsten Lieberknecht einen bislang sehr erfolgreichen neuen Trainer gefunden haben.

Fritsch: Die sportliche Leitung um Carsten Wehlmann und sein Team hat da einen guten Job gemacht. Ich hatte nach 40 Sekunden Gespräch mit Torsten Lieberknecht das Gefühl, dass das gut zusammenpasst. Aber da muss man im Fußball auch immer aufpassen. Die Dinge sind jetzt positiv, aber wir müssen einem Trainer, von dem wir sagen, dass er zu uns passt, auch mal schlechtere Phasen zugestehen – ohne sie heraufbeschwören zu wollen. Denn es geht im Fußball nicht nur nach oben. Ich habe das Gefühl, dass Torsten Lieberknecht der richtige Mann für den Verein ist. Und das wird er auch dann sein, wenn wir mal eine Schwächephase haben.

hessenschau.de: Was zeichnet Lieberknecht aus?

Fritsch: Bei der Hochprofessionalisierung des Fußballs kann man sagen, dass die Trainer alle ihr Handwerkszeug gut draufhaben. Das Entscheidende ist die Psychologie, die Mannschaftsführung, die Empathie, zum richtigen Zeitpunkt auch mal ein bisschen Autorität. Das kann man nicht lernen, und das alles zeichnet Torsten Lieberknecht aus. Er hatte ja auch direkt zu Saisonbeginn mit den zahlreichen Corona-Ausfällen eine Stressphase, da hat er bewiesen, mit welch positiver Einstellung er an schwierige Situationen rangeht. Das unterscheidet ihn von einigen seiner Kollegen.

hessenschau.de: Auch seine musikalischen Fähigkeiten sollen Lieberknecht von seinen Kollegen unterscheiden. Schon einmal singen gehört?

Fritsch: Ich hatte in der Schule eine vier in Musik, wenn hier also gesungen wird, darf ich nicht mitmachen. Ungeachtet dessen habe ich ihn aber auch noch nicht musizieren gehört, aber ich gehe fest davon aus, dass er als Pfälzer, getreu dem Motto "Wein, Weib, Gesang", auch gut Musik machen kann (lacht).

Torsten Lieberknecht

hessenschau.de: Sie haben den schwierigen Saisonstart angesprochen. Zu Saisonbeginn fielen zeitweise sieben Spieler coronabedingt aus, der SV98 schied aus dem Pokal aus und verlor die ersten beiden Ligaspiele mit einer Rumpfelf.

Fritsch: Es war schwierig. Der Start ist unheimlich wichtig für die ganze Saison und wir sind massiv schlecht reingekommen, und zwar unverschuldet. Aber was das Trainerteam und die Mannschaft aus der Situation gemacht haben, ist aller Ehren wert. Der normale Reflex, wenn so etwas passiert, und der war auch bei mir im Kopf, ist: Scheiße, warum ausgerechnet wir? Was für ein Pech? Aber das Trainerteam hat gemeinsam mit der Mannschaft die Situation so genommen, wie sie war, und das Positive rausgezogen. Das hat die Mannschaft letztlich zusammengeschweißt und zur Wagenburg gemacht. Viele andere Trainer hätten in einer solchen Situation einen anderen Ton angeschlagen, einfach um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen. Da hat man schon gesehen, dass Lieberknecht ein ganz anderes Kaliber ist.

hessenschau.de: Die Mannschaft gewann das nächste Spiel mit 6:1 gegen Ingolstadt. Ein Wendepunkt der Saison?

Fritsch: Die Highlightspiele gegen die Spitzenteams mal außen vorgelassen, sind die Reifezeugnisse für mich eher die Spiele gegen die "klassischen" Vereine der zweiten Liga, Erzgebirge Aue, Jahn Regensburg. Diese Spiele finde ich aussagekräftiger als einen euphorischen Sieg, weil man in diesen harten, physischen Duellen zeigen kann: Wir sind gut, wir haben zu Recht diese Punktzahl. Solche Siege bleiben eher bei mir hängen.

Das Gespräch führte Stephan Reich.

In Teil zwei des Interviews äußert sich Rüdiger Fritsch zum neuen Leitbild der Lilien, zu den Auswirkungen der Pandemie und zu den Projekten für 2022.