Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch

Im zweiten Teil des Interviews spricht Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch über das neue Lilien-Leitbild, die Projekte für 2022 und die finanziellen Auswirkungen der Pandemie auf den SV Darmstadt 98.

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Marcel Schuhen
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Der SV Darmstadt 98 hat nach turbulentem Saisonstart mit zahlreichen Corona-Fällen einen sensationellen Lauf hingelegt und sich in der Spitzengruppe der 2. Bundesliga etabliert. Unter dem neuen Trainer Torsten Lieberknecht entwickelten sich die Lilien zu einem echten Topteam und dürfen aktuell vom Aufstieg in die Bundesliga träumen. Präsident Rüdiger Fritsch zieht im Interview mit dem hr-sport Bilanz und wagt einen Ausblick in die Zukunft. (Hier gibt es den ersten Teil des Interviews.)

hessenschau.de: Rüdiger Fritsch, vor zwei Jahren sagten Sie: "Wir sind als Kaulquappe in das Haifischbecken Profifußball gekommen". Welches Meerestier sind die Lilien 2021?

Fritsch: Hätte ich mal einen anderen Vergleich gewählt, ich kenne mich im Aquarium gar nicht so gut aus (lacht.). Also formuliere ich es mal sachlich: Wir hatten den Anspruch, uns in der zweiten Liga zu etablieren. Das haben wir schneller geschafft als vorgesehen. Wir haben uns in allen Bereichen – Stadion, Trainingsbedingungen, Mitarbeiter, Verwaltungsgebäude – in kürzester Zeit weiterentwickelt. Etabliert heißt aber nicht, dass man nicht auch mal in eine sportliche Misslage geraten kann. Man muss in dieser ausgeglichenen Liga immer auch den Blick in den Rückspiegel werfen. Aber die Etablierung ist uns gelungen. Und dann macht es auch keinen Sinn, in der Anspruchshaltung und Vorgehensweise permanent zu defensiv zu agieren.

hessenschau.de: Sondern?

Fritsch: Wir haben ein neues Leitbild formuliert, da steht ganz klar drin, dass wir auf Sicht die oberen Plätze der zweiten Liga herausfordern wollen. Das ist aber ein Drei- bis Fünfjahresplan. Es geht darum, Visionen und Ziele zu formulieren. Wir haben eine adäquate Infrastruktur und schaffen mit dem Ausbau der Haupttribüne anständige Stadionbedingungen. Ich kann mich nicht damit zufriedengeben, nur zu bewahren. Stillstand ist Rückschritt, wir müssen uns Ziele setzen. Auch auf die Gefahr hin, dass man es vorgehalten bekommt, wenn es nicht klappt. Aber ohne Ziele geht nichts, wir sind ehrgeizig unterwegs.

hessenschau.de: Im Leitbild steht: "Wir wollen in allen Bereichen die Top-20-Clubs in Deutschland herausfordern." Lassen Sie mich kurz nachrechnen: 18 Bundesligisten plus zwei Aufstiegsplätze sind die Top 20. Also ist das Ziel doch die Bundesliga?

Fritsch: Über das Leitbild haben sich schlaue Menschen Wochen und monatelang Gedanken gemacht. Deswegen steht da auch "herausfordern", weil wir natürlich auch nicht vermessen sind. Aber wir wollen hinter diesen Top 20 her sein, die natürlich auch mehr Substanz haben als wir, wollen eklig sein, wollen sie piksen und herausfordern. Ob das immer klappt, weiß ich nicht, aber wir wollen es versuchen.

hessenschau.de: Was steht noch im Leitbild?

Frisch: Insgesamt geht es darum, unsere Zielsetzung neu auszurichten, ohne unser Selbstverständnis und unsere Attribute zu verlieren. Wir haben für das Leitbild viele Befragungen unter den Fans und Lilien-Sympathisanten gemacht, und eben nicht eine Werbeagentur von oben draufgesetzt, die dann bestimmt, wie wir sein wollen. Wir haben das abgebildet, was wir sind und was wir vielleicht noch verstärken sollen. Dazu zählt im Übrigen nicht nur der Sport, sondern auch etwa das Bekenntnis zur Beibehaltung der 50+1-Regel, zum Mehrspartenverein oder auch den Erhalt von sozialverträglichen Ticketpreisen. Und im gesellschaftlichen und ökologischen Sinne haben wir uns unter anderem zum nachhaltigen Wirtschaften verpflichtet.

hessenschau.de: Wir gehen bald ins dritte Jahr der Pandemie. Wie schwer trifft Corona den SV Darmstadt 98?

Fritsch: Das Virus bedeutet für uns das, was es für alle bedeutet: Zuerst eine gesundheitliche Bedrohung. Mit der müssen wir aber umgehen, es sei denn, wir wollen uns alle im Keller einschließen. Und dann bedeutet sie auch wirtschaftliche Einbußen. Nicht nur für das wirtschaftliche Unternehmen Fußballklub, sondern das geht ja runter bis zum einzelnen Bürger, dessen Arbeitsplatz daran hängt. Wir alle müssen sehen, dass wir gesund und wirtschaftlich stabil bleiben.

hessenschau.de: Ist der SV Darmstadt 98 nach zwei Jahren Pandemie noch stabil?

Fritsch: Wir werden nach zehn Jahren mit positiven wirtschaftlichen Zahlen dieses Jahr einen Verlust von drei bis vier Millionen Euro einfahren. Das sind bei einem Gesamtetat von ca. 25 Millionen Euro mehr als zehn Prozent. Das ist nicht zu unterschätzen. Und es wäre noch schlimmer, wenn wir nicht die Solidarität unser Fans und Sponsoren gehabt hätten. Ich hoffe, dass wir das bald zurückzahlen können. Auch wenn die Mannschaft mit ihren Leistungen zumindest ein bisschen was zurückgibt. Aber wirtschaftlich sind wir stabil, auch weil wir in den letzten Jahren nicht nur in Beine, sondern auch in Steine investiert und den ein oder anderen Euro in den Sparstrumpf gesteckt haben. Das war im Nachhinein eine sehr sinnvolle und existentiell richtige Entscheidung.

hessenschau.de: Wie bewerten Sie die Rolle des Fußballs in der Pandemie?

Fritsch: Ich finde, der Fußball als Ganzes hat es gut gemanagt. Es wurde sehr solidarisch und im Kollektiv zusammengearbeitet. Und mit welchem Aufwand, mit welcher Akribie und mit welcher Verantwortung der Sache gegenüber die 36 Vereine ihre Hygienekonzepte umgesetzt haben, fand ich bemerkenswert. Wir haben bei uns im Klub die Impfpflicht schnell durchgesetzt. Abgezogen derjenigen, für die noch der Genesenenstatus gilt, sind 100 Prozent im Spieler- und Betreuerkreis geimpft. Ob dann an frischer Luft mit zwei Meter Abstand Maske getragen werden muss, das weiß ich nicht, aber ich bin auch kein Karl Lauterbach. Aber der Fußball hat gezeigt, dass er seiner Verantwortung gerecht wird. Die DFL hat zu Beginn der Saison eine Studie in Auftrag geben lassen, wie sich die Inzidenzen an den Standorten nach den Spielen entwickeln. Auch, damit man sich keine Vorwürfe machen lassen muss. Und die Studie zeigt ganz klar: Vom Fußball geht keine besondere Gefahr aus, er findet an der frischen Luft statt und die Fans halten sich mit großer Disziplin an die Regeln. Die Ansteckungsgefahr gibt es in ganz anderen Bereichen, die muss man sich ansehen. Immer nur auf den Fußball zu gehen, ist mir zu einfach.

hessenschau.de: Sehen Sie emotionale Schäden durch die Pandemie? Oft war von einer Entfremdung zu lesen.

Fritsch: Emotional ist es natürlich ein bisschen seltsam. Selbst als wir die letzten Spiele mit einer bestimmten Anzahl an Zuschauern bestreiten konnten, mit Maske am Platz oder auf dem Weg zur Bierbude, war das alles irgendwie mit angezogener Handbremse und teilweise schon belastend. Aber es nützt ja nichts. Wir müssen nach vorne gucken und zusehen, dass wir die Pandemie besiegen. Rumheulen bringt nichts.

hessenschau.de: Was sind denn Ihre Projekte für 2022?

Fritsch: Wir sind als Darmstadt 98 von zwei Bundesligisten umgeben, mit Eintracht Frankfurt als absolutem Platzhirsch und dem FSV Mainz als mittlerweile seit mehr als einem Jahrzehnt etablierten Bundesligisten. Wir sind in einem krassem Wettbewerb und müssen gucken, unsere Position und unsere Haltung zu wahren und uns abzugrenzen. Alleine das ist eine Herausforderung. Wir sind hier nicht auf der Insel der Glückseligen, auch wenn es momentan so aussieht. Es ist jeden Tag ein harter Kampf, um jeden Sponsor, um jeden Euro, um neue Mitglieder. Auch das ist ein Projekt für 2022: Wir haben gerade eine Kampagne am Laufen und wollen am Ende der Saison 10.000 Mitglieder haben. Es fehlen noch ein paar, aber wir sind auf einem guten Weg.

hessenschau.de: Welche Projekte gibt es noch?

Fritsch: Elementar ist der Bau der Haupttribüne. Sie wird für die nächsten Jahrzehnte unser Zentrum sein. Der Rohbau ist fertig, in den ersten Monaten 2022 folgen dann etwa die Finalisierung des Tribünendachs und der Fassade. Die Vermarktung läuft schon, die Sitzplätze, der Business-Bereich sind schon zu 70 Prozent ausgebucht, auch die Logen laufen super. Die Leute können hier bei uns ganz nah am Rasen sitzen und viel Spaß haben.

hessenschau.de: Und dann ein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt zum Saisonauftakt 2022/23 hier erleben?

Fritsch: Schon wieder das Aufstiegs-Thema (lacht.). Nochmal: Wir freuen uns über die gute Ausgangsposition und sind auch nicht bereit, sie freiwillig abzugeben. Und wir werden auch zur Rückrunde antreten und alles geben, was möglich ist, das kann ich versprechen. In erster Linie wünsche mir, dass wir den guten Weg, auf dem wir mit Darmstadt 98 sind, weiterbestreiten. Schritt für Schritt immer besser werden.

Das Gespräch führte Stephan Reich.