Marcel Schuhen von Darmstadt 98

Zuletzt war er die klare Nummer eins, jetzt muss er sich gegen zwei Neue durchsetzen: Lilien-Keeper Marcel Schuhen spricht im Interview über die neue Konkurrenz, die Ansage der Kollegen und seinen Uni-Abschluss.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lilien-Keeper über Dreikampf: "Ich finde das überragend"

Marcel Schuhen und Philipp Tietz
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In der vergangenen Saison war Marcel Schuhen die Nummer eins des SV Darmstadt 98, jetzt ist der Kampf um den Platz im Tor neu entbrannt: Mit Morten Behrens und Steve Kroll gibt es zwei neue Bewerber. Im Interview mit hessenschau.de spricht Schuhen unter anderem über seine neuen Konkurrenten, die Sommer-Vorbereitung und den Abschied von Markus Anfang.

hessenschau.de: Marcel Schuhen, Sie befinden sich gerade mit Darmstadt 98 im Trainingslager. Haben Sie wieder Ihre Bücher zum Lernen mitgenommen?

Marcel Schuhen: Nein, diesmal nicht. Ich habe am Montag eine erfreuliche Nachricht bekommen: Meine vorletzte Klausur im "Controlling" wurde mit 1,3 benotet. Wer BWL studiert, weiß, dass das schon keine angenehme Prüfung ist. Jetzt muss ich für meinen Abschluss daher nur noch eine Hausarbeit und die Bachelorarbeit schreiben. Damit beginne ich erst, wenn ich wieder daheim bin.

hessenschau.de: Wie schaffen Sie das Studium neben Ihrem Job als Profi?

Schuhen: Ich habe das Studium nicht in der Regelstudienzeit von drei Jahren durchgeboxt, sondern es auf viereinhalb Jahre gestreckt. Das A und O ist ein vernünftiges Zeitmanagement. Ich habe noch einen kleinen Sohn im Alter von zehn Monaten daheim - da wird es nicht leichter, alles unter einen Hut zu bekommen. Der Kurze ist ein absoluter Schubladenfan, fängt gerade an zu krabbeln und zieht sich überall hoch. Das ist eine sehr aufregende Phase und natürlich bekommt er alle Zeit von mir. Da ist die Lernerei dann zweit- oder drittrangig.

hessenschau.de: Bevor wir über die aktuelle Lage bei den Lilien sprechen, lassen Sie uns noch einmal auf die abgelaufene Saison eingehen. Das Spiel in Hamburg muss für Sie besonders gewesen sein: Sie hielten den Sieg fest, mussten aber die Gratulanten wegschubsen, weil Sie verletzt durchgespielt hatten. Was war da los?

Schuhen: Es war schon kurios. Im Prinzip freue ich mich ja, wenn solche Emotionen im Spiel sind. Und die Jungs wussten eben nicht, wie schwer meine Verletzung war. Das MRT ergab später, dass mir während dem Spiel das Wadenköpfchen rausgesprungen war. Die Schmerzen waren so groß, dass die Ärzte und ich eigentlich meine Auswechslung anzeigten. Dummerweise war das Kontingent schon erschöpft. So habe ich dann durchgespielt – dafür hat man eben ein zweites Bein. (lacht)

hessenschau.de: Sticht für Sie die Partie in Hamburg in der Rückschau auf die Saison heraus?

Schuhen: Es war ein gutes Spiel, bei dem man sich echt die Fans im Stadion gewünscht hätte. Wir hatten in dieser Phase aber generell einen guten Lauf. Vom Sieg in Paderborn angefangen haben wir eine sehr vernünftige Rückrunde gespielt.

hessenschau.de: Es wurde die beste Rückrunde der Lilien. Waren Sie da nicht überrascht, dass trotzdem so viele Spieler und der Trainer weggingen?

Schuhen: Nein. Das war eigentlich zu erwarten gewesen. Wir reden von Lasse (Lars Lukas Mai) und Rappo (Nicolai Rapp), die beide ohnehin nur ausgeliehen waren. Bei Serdar (Dursun) war mir relativ früh klar, dass er mit so einer Torquote nicht bleibt und auch bei Victor (Palsson) hatte sich ein Wechsel irgendwann angedeutet. Wir hatten Zeit, uns darauf einzustellen. Für andere Jungs ist das jetzt die Chance, in die Bresche zu springen.

hessenschau.de: Und wie war es beim Trainer Markus Anfang?

Schuhen: Ich habe im Urlaub in Griechenland auf der Liege gelegen und dann gelesen: "Markus geht zu Werder." Er hatte uns vorher in der Mannschaftsgruppe seinen Schritt erklärt. Das wäre auch gar nicht anders möglich gewesen, wir konnten ja kein Zoom-Meeting zum Abschied veranstalten. Markus hatte seine Gründe – und Bremen ist nun einmal ein großer Klub. Ab jetzt ist er halt unser Konkurrent.

hessenschau.de: Anfang prägte einen sehr fordernden Spielstil, auch Sie standen als Torwart höher. Wie verändert sich das nun unter dem neuen Trainer Torsten Lieberknecht?

Schuhen: Torsten möchte die Stile kombinieren. Er will nicht alles umschmeißen, aber auch nicht alles beibehalten. Denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Gerade auf die Hinrunde bezogen müssen wir auch einige Lehren ziehen. Zum Beispiel: Wir müssen auch nicht auf Teufel etwas erzwingen, sondern situativ entscheiden. Manchmal ist es besser, einen Ball auf die Tribüne zu schlagen, als einen Mitspieler mit einem Flachpass in Bedrängnis zu bringen. In der Rückrunde haben wir auch mal lange Bälle gespielt, damit unsere Angreifer ihre Schnelligkeit ausspielen konnten. Ich finde es super, wie Torsten uns jetzt einbindet und uns auch nach unseren Ideen fragt.

hessenschau.de: Ein Problem der Lilien waren die Standards. Wie erklären Sie sich das?

Schuhen: Ich glaube, wir mussten uns schon bei der Spieleröffnung so fokussieren, dass bei den Standards die Spannung und Konzentration manchmal nachgelassen hat. Gleichzeitig haben unsere Gegner ein besonderes Augenmerk auf die Standards gelegt, weil sie uns anders nur schwer knacken konnten.

hessenschau.de: Wie sehen Sie Ihre persönliche Situation? Mit Morten Behrens ist ein Konkurrent neu dazugekommen, der schon gesagt hat, dass er spielen will.

Schuhen: Auch das habe ich in Griechenland im Urlaub auf dem Handy gelesen. Entsprechend motiviert bin ich dann auch zum ersten Training erschienen. (grinst)

hessenschau.de: Torwarttrainer Dimo Wache hat einen Dreikampf um die Nummer eins ausgerufen. Wie haben Sie das aufgenommen? Sie sind schließlich der Platzhirsch.

Schuhen: Dimo hat es intern genauso kommuniziert: Alles ist offen, es ist egal, was davor gewesen ist. Jeder hat die Chance, sich anzubieten. Ich fand die Ansage überragend, sie ist fair und bringt den Konkurrenzkampf nach vorne. Ich möchte nichts geschenkt bekommen und habe auch noch nie etwas geschenkt bekommen. Deswegen ist es grundsätzlich meine Einstellung, mich immer aufs Neue zu beweisen. Ich möchte keine Lorbeeren haben. Ich muss auch nicht öffentlich fordern, dass ich spiele. Der Torwart muss ein wichtiges Puzzlestück sein und der Trainer entscheidet am Ende, wer das von uns dreien sein soll.

hessenschau.de: Wie beurteilen Sie die personellen Probleme der Lilien? Wo muss der Klub noch nachbessern?

Schuhen: Mit der Verpflichtung von Luca (Pfeiffer) und Lasse (Sobiech) haben wir zwei wichtige und gute Leute dazu bekommen. Ganz ehrlich: Ich bin derzeit froh über jeden, der beim Frühstück sagt: "Leute, ich bin heute wieder im Mannschaftstraining dabei." Wir hatten eine ernste Verletzungsmisere, da hätte aus sportlicher Sicht das Trainingslager zu einem früheren Zeitpunkt nicht so viel Sinn ergeben. Jetzt können wir wieder 11 gegen 11 spielen und taktische Sachen einstudieren. Und zum Kader an sich: Wenn alle Jungs wieder fit werden, sind wir schon ganz vernünftig aufgestellt.

hessenschau.de: Worauf freuen Sie sich in der kommenden Zweitliga-Saison am meisten?

Schuhen: Ich freue mich einfach, wenn es wieder losgeht und Leute im Stadion dabei sind. Allein beim Testspiel mit 400 Zuschauern hat es sich wieder sensationell angefühlt. Ansonsten gibt es so viele geile Spiele mit eigener Geschichte in der Zweiten Liga, dass man sich gar nicht entscheiden kann. Ich persönlich freue ich mich auf die Reise nach Rostock, weil ich früher da gespielt habe. Der Verein hat lange gebraucht, um wieder hochzukommen. Es ist schön, dass Hansa jetzt wieder in der Zweiten Liga dabei ist.

Das Gespräch führte Ron Ulrich.